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10 Jahre nach SARS

Anny Boc12. März 2013

Vor zehn Jahren ging ein Virus um die Welt - und eine Buchstabenkombination: SARS. Ausgangspunkt der hoch ansteckenden Lungenseuche war China. Doch Peking versuchte damals lange, SARS zu vertuschen.

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ARCHIV - Eine Touristin rückt am 05.05.2003 in Shanghai ihre Gesichtsmaske zurecht, die sie zum Schutz gegen Sars angelegt hat. Weltweit starben vor zehn Jahren etwa 800 Menschen an der Atemwegsseuche Sars. EPA/STR (zu dpa-Themenpaket 10 Jahre Sars) +++(c) dpa - Bildfunk+++
Shanghai SARS MaskeBild: picture-alliance/dpa

10 Jahre nach SARS: Die Zensur geht weiter

Wang Ming hörte erstmals Ende 2002 von der damals mysteriösen Lungenkrankheit. "Es kursierten Gerüchte, aber keiner wusste etwas Genaues. Es gab keinerlei offizielle Meldungen", erinnert sich der Shanghaier Journalist. Damals arbeitete Wang für einen staatlichen Fernsehsender. Nur durch Zufall bekam er ein Papier der Propagandabehörde in die Hände. Darin wurde ein SARS-Todesfall im Shanghaier Stadtteil Pudong bestätigt. Zugleich wurde ausdrücklich verboten, darüber zu berichten.

SARS steht für "severe acute repiratory syndrom", also schweres akutes Atemwegs-Syndrom. Der erste SARS-Fall wurde im November 2002 in der südchinesischen Provinz Guangdong beobachtet. Dort hatte sich ein Arzt mit dem hochansteckenden Erreger infiziert und anschließend die Krankheit nach Hong Kong eingeschleppt. Von dort breitete sich das aggressive Virus wie ein Lauffeuer rund um den Globus aus.

Intransparente Informationspolitik

Damals wie heute fand in China ein Führungswechsel statt. Um den reibungslosen Machtwechsel in Peking nicht durch negative Schlagzeilen zu gefährden, wurde die Kontrolle der Medien verstärkt. Monatelang hatten die chinesischen Behörden versucht, die gefährliche Krankheit zu verschleiern und das Ausmaß der Krise herunterzuspielen. Erst der chinesische Militärarzt Jiang Yanyong brachte das wahre Ausmaß der Lungenkrankheit ans Tageslicht. Seither wird er als Volksheld gefeiert. Der mutige Vorstoß des heute 80-jährigen zwang die Regierung zum Handeln. Hatten die chinesischen Behörden bis dahin behauptet, die Krankheit unter Kontrolle zu haben, wurden die Zahlen Mitte April 2003 deutlich nach oben korrigiert: Alleine in Peking verzehnfachte sich plötzlich die Zahl der gemeldeten Fälle.

Es rollten Köpfe, auch auf hoher Ebene: Der Pekinger Bürgermeister Meng Xuenong und der Gesundheitsminister Zhang Wenkang wurden entlassen. Auch auf lokaler Ebene wurden Regierungs- und Parteifunktionäre entlassen. Plötzlich war Transparenz Trumpf: Die Parteiführung forderte dazu auf, alle SARS-Fälle zu melden. "Jede Verschleierung oder Verzögerung der Weitergabe an Informationen wird hart bestraft", wurde gewarnt. Einige ausländischen Medien sprachen sogar von "chinesischer Glasnost“. Doch schnell wurde deutlich, dass die neue Freiheit auch in der Berichterstattung wieder eingegrenzt wurde. Mit dem Abklingen der Krise im Juni 2003 wurde auch die Kontrolle der Medien wieder spürbar verschärft.

Weibo macht Vertuschung heute schwerer

"Würde heute eine SARS-ähnliche Epidemie eintreten, wäre es der chinesischen Regierung gar nicht mehr möglich, das so lange geheim zuhalten", glaubt Wang Ming. Mit der massenhaften Verbreitung internetbasierter Kurznachrichtendienste wie Weibo (das chinesische twitter) haben sich ganz neue Wege der Informationsverbreitung ergeben. Mittlerweile gibt es mehr als 500 Millionen Weibo-Nutzer. Zwar wird auch hier strengsten zensiert. Dennoch stellt Weibo die Regierung vor neue Herausforderungen.

Das Rasterelektornenmikroskop zeigt den Auslöser von SARS
Das Rasterelektornenmikroskop zeigt den Auslöser von SARSBild: picture-alliance/AP

Die Unterdrückung des freien Informationsflusses während des SARS-Ausbruchs hat wahrscheinlich Menschenleben gekostet. Doch gelernt habe die chinesische Regierung aus der SARS-Tragödie nicht, findet Lu Jun. Der Mitarbeiter der Nichtregierungsorganisation Yirenping kritisiert nach wie vor die intransparente Informationspolitik der chinesischen Regierung. "Die Bevölkerung hat das Recht dazu, informiert zu werden, vor allem, was den Bereich der öffentlichen Gesundheit betrifft", betont Lu gegenüber der Deutschen Welle. Dass die Praxis anders aussieht, macht Lu an anhand eines Falls in Shanghai deutlich: In den vergangenen Tagen sind im Huangpu, dem größten Fluss von Shanghai, mehr als 3000 Schweinekadaver gefunden worden. Bereits im Januar sind in der benachbarten Provinz Zhejiang massenhaft Schweine umgekommen. Erst vor einigen Tagen wurden dazu erste Informationen veröffentlicht. Wie es zu dem Schweinesterben gekommen ist und welche Gefährdung für Menschen besteht, bleibt ungeklärt.