Öl endet, Solarzeit hat schon begonnen | Wissen & Umwelt | DW | 01.12.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Energiewende

Öl endet, Solarzeit hat schon begonnen

Öl hat das 20. Jahrhundert wesentlich geprägt. In den kommenden Jahren soll günstiger Strom aus Photovoltaik die globale Energieversorgung radikal verändern. Der Umstieg hat längst begonnen, doch es gibt noch Hürden.

"Auf den Strommärkten der Welt erleben wir einen Dammbruch", sagt Christian Breyer, Professor für Solarökonomie an der LUT in Finnland und Experte für globale Energieszenarien. Strom aus großen Solarkraftwerken ist inzwischen günstiger als der Durchschnittspreis auf dem Strommarkt und so werden andere Kraftwerke zunehmend verdrängt. "In Indien zum Beispiel werden Kohlekraftwerke gedrosselt, weil sie gegen Photovoltaik ökonomisch keine Chance haben."

Dieser Trend wird sich in den nächsten Jahren laut Breyer weiter verschärfen. Zum einen wird der Bau neuer Photovoltaik-Anlagen (PV) jedes Jahr zwischen fünf und zehn Prozent günstiger, und damit auch der erzeugte Strom.

Gleichzeitig sinken die Kosten für Batteriespeicher. Breyer ist sicher: "In der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts werden wir deshalb erhebliche Marktveränderungen sehen. Das sind große PV-Kraftwerke mit Batterien. Sie übernehmen dann noch deutlich größere Anteile des Strommarktes. Das heißt: Für die konventionellen Kraftwerke wird es noch schwieriger."

Solarkraftwerk in Haixi in Nordwest-China

China im Trend: Der größte Solarpark der Welt liegt auf einer Hochebene mit starker Sonneneinstrahlung. Hier werden 2,2 Gigawatt Strom erzeugt, Batteriespeicher (0,2 GW) sorgen für Ausgleich auch in der Nacht.

Photovoltaik verändert globales Energiesystem

Im Fachmagazin Science beschreibt Breyer zusammen mit mehr als 40 weiteren internationalen Solarforschern die Eckpunkte der künftigen Entwicklung. Demnach wird die Stromerzeugung mit Photovoltaik in den nächsten Jahren sehr schnell wachsen und das globale Energiesystem stark verändern. Heute erzeugen Solarmodule auf Dächern und in Solarparks etwas mehr als drei Prozent des globalen Strombedarfs. "2030 werden es voraussichtlich 35 Prozent sein", so Breyer.

Die Experten gehen davon aus, dass die globale Leistung von Photovoltaikanlagen von derzeit 730 Gigawatt (GW) bis 2030 auf rund 10.000 Gigawatt (GW) steigt; und bis 2050 sogar auf 40.000 bis 70.000 GW. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Leistung eines Kohlekraftwerks liegt bei 0,7 GW, bei einem Atomkraftwerk sind es 1,4 GW.

Infografik Was kostet Strom mit neuen Kraftwerken? Photovoltaik, Wind, Kohle, Erdgas Atomkraft

Günstiger Strom aus Sonnnenlicht

Preissturz beflügelt Photovoltaik

Solarstrom war früher teuer und auch deshalb ist es für viele schwer vorstellbar, dass Photovoltaik mit hoher Wahrscheinlichkeit die dominierenden Energie dieses Jahrhunderts wird. "Das sind mentale Barrieren und die muss man jetzt aus dem Weg räumen", so Breyer. "Es ist die günstigste Energiequelle weltweit mit einzelnen Ausnahmen: An einzelnen Orten ist die Windkraft noch ein bisschen günstiger."

Heute kostet Solarstrom aus neuen Großkraftwerken in Ländern mit guten Einstrahlbedingungen laut Breyer rund 2,5 Eurocent pro Kilowattstunde (kWh). In Ländern mit weniger Sonne wie Deutschland ist es rund ein Cent mehr. Und an den "besten Standorten der Welt" wie etwa der Atacamawüste in Chile oder Standorten in Nordafrika ist es mit zwei Eurocent pro kWh noch günstiger, so Breyer im DW-Interview. Zum Vergleich: Die Erzeugung von Strom in neuen Kohle-, Erdgas- und Atomkraftwerken ist in der EU wesentlich teuer, es sind zwischen 6 und 19 Cent pro kWh.

Auch selbst erzeugter Strom vom Dach, egal ob auf einem Privathaus oder auf einer großen Fabrik, beflügelt die Photovoltaik: Mit Kosten zwischen fünf und zehn Eurocent pro kWh ist dieser Strom deutlich günstiger als der Netzdurchschnitt. Das macht die Installation von Solarmodulen attraktiv.

Infografik: Globaler Trend zum Elektroauto 40 - 70 % E-Fahrzeuge in 2030

Solarstrom statt Öl für den Verkehr und Heizung

Auch wenn E Autos derzeit noch relativ teuer sind, hat die Abkehr vom Öl im Verkehr schon begonnen. Durch sinkende Preise für Batterien werden Fahrzeuge in Zukunft immer günstiger. Und auch weil Elektromotoren besonders effizient sind fahren laut ADAC-Kostenvergleich viele E-Autos deshalb schon heute günstiger als Verbrenner.  

Das Center of Automotive Management (CAM) bei Köln rechnet deshalb mit einem stark ansteigend Verkauf von Fahrzeugen, die mit Batterien angetrieben werden: Laut Trendszenario von CAM werden vorraussichtlich 2030 weltweit zwischen 40 und 70 Prozent aller neu verkauften PKW und Kleintransporter per Elektromotor angetrieben (siehe Grafik).

Eine Trendwende zeichnet sich auch beim Heizen ab. Für Heizungen mit Öl und Gas, die heute noch verbreitet sind, bieten Wärmepumpen eine klimafreundliche Alternative, die oft auch billiger ist. Strombetriebene Wärmepumpen nutzen Umweltwärme zum Heizen und werden inzwischen immer häufiger eingebaut. Der weltweite Absatz steigt laut der European Heat Pump Association jährlich um 10 Prozent.

Wärmepumpe auf einem Dach in Göppingen (Baden-Württemberg). Daneben Solarmodule für die Stromproduktion.

Diese Wärmepumpe entzieht aus der Umgebungsluft Wärme. Der Strom für den Betrieb kommt aus den Modulen.

Grüner Wasserstoff vor allem mit Sonnenstrom 

Mit dem Klimaabkommen wurde in Paris das Ende der fossilen Ära besiegelt. Bekräftigt wird dies mit dem Bekenntnis zur Klimaneutralität bis 2050, zu dem sich bereits mehr als 60 Länder selbst verpflichtet haben, darunter zahlreiche EU-Länder ebenso wie etwa Japan, Südkorea, Neuseeland, Südafrika und Chile. Auch der künftige US-Präsident Joe Biden verfolgt dieses Ziel, und China will bis 2060 klimaneutral sein.

Um das möglich zu machen, muss Öl in allen Bereichen ersetzt werden. Das wird besonders schwierig in der Industrie und im Verkehrssektor: Luft-,Schifffahrt und Schwerlastverkehr brauchen viel Treibstoff. Viele Länder forschen derzeit dazu und entwickeln als Alternative Strategien für Wasserstoff, der klimaneutralen Antrieb ermöglicht.

Aus Wasserstoff können synthetisch Kerosin, Diesel und Grundchemikalien hergestellt werden. Weil die Herstellung von Wasserstoff viel Strom braucht, wird laut Breyers Berechnungen die Nachfrage nach günstigem Solarstrom weiter steigen. "Der Trend für Solarstrom geht auf unter einen Eurocent pro kWh und das ist ein wichtiger Meilenstein für die Wasserstoffproduktion und den Weg ins Solarzeitalter", so Breyer.

Professor für Solarökonomie Christian Breyer

Hat Veränderungen im Blick: Christian Breyer, Professor für Solarökonomie und Experte für globale Energieszenarien

Wie endet die Ölzeit?

Wegen der Corona-Pandemie reisen derzeit nur wenige Menschen und die Wirtschaft ist gedrosselt, darum wird weniger Erdöl verbraucht. Nach der Pandemie werden voraussichtlich der Technologiewechsel und die Ökologisierung der Energieversorgung die Abkehr vom Erdöl beschleunigen.

Doch die internationale Energieagentur geht in ihrem jüngsten Energy Outlook davon aus, dass nach der Coronakrise der globale Ölverbrauch zunächst wieder ansteigt und dann ab 2024 über dem Niveau von 2019 liegt. Denn der Ölbedarf vor allem in asiatischen Ländern wächst, so die Energieexperten.

Aus diesem Grund sei momentan "der 'Peak of Oil' noch nicht klar erkennbar", sagt Sonja Peterson, Professorin für Klimaökonomie vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Peak Oil bezeichnet den Zeitpunkt, zu dem die maximale globale Fördermenge erreicht ist, danach wird immer weniger gefördert. Wohin der Trend in den nächsten Jahren gehe sei aber noch offen.

Energieexperte Hans Josef Fell von der Energie Watch Group warnt vor einem wirtschaftlichen "Einbruch mit schwerwiegenden Folgen, wenn nicht aktiv mit erneuerbaren Energien gegengesteuert wird." Bei mangelnder Nachfrage sinken die Preise von Öl und Gas und als Folge gingen Unternehmen in Konkurs. "Gerade in den USA sehen wir diese Entwicklung derzeit in der Erdöl- und Erdgas-Fracking-Industrie, allen voran der Konzern Chesapeake Energy, einst der größte der Sparte."

Insolvenzen sind auch eine Gefahr für Banken, wenn Kredite nicht zurückgezahlt werden. Fell sieht darum auch einen Crash als mögliche Gefahr, wie etwa 2008 nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers. "Das wird ähnlich kommen, vielleicht in einer viel stärkeren Dimension."

Fell wirbt dafür, diese potentielle Gefahr im Vorfeld abzuwenden und das mit Weitblick und in weltweiter Zusammenarbeit. Zudem sollten die großen Erdölunternehmen wie Saudi Aramco, BP, Shell, PetroChina und Gasprom ihre jetzt noch vorhandenen Finanzpolster nutzen, "um in die Veränderung ihres Geschäfts zu investieren, in die erneuerbaren Energien." So wäre dem Klimaschutz gedient und gleichzeitig "könnte die Welt dann auch ohne katastrophale Brüche relativ gut herauskommen."

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links