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Zehn Gründe, warum die Briten bei uns bleiben

In weniger als einem Monat entscheiden die Briten über ihr und unser Schicksal in der EU. Es gibt viele Gründe für ihren Verbleib in der EU, meint Barbara Wesel: vom "Common Sense" bis zu den polnischen Handwerkern.

1. "Common Sense" ist eine britische Tugend

Eigentlich verstehen sich die Briten als Mütter und Väter des gesunden Menschenverstandes. Sie halten den "Common sense" für eine urbritische Tugend, im Gegensatz zur emotionalen Überhitzung bei Italienern und Franzosen, die wegen zu viel "Amore" und Revolution als weniger vernünftig gelten. Die Briten aber entscheiden mit dem Kopf, nicht mit dem Bauch. Oder? Und es ist nicht wirklich vernünftig, nur aus schlechter Laune Europa zu zerstören.

2. Keine Experimente, bitte!

Ein Lebensprinzip der britischen Insel (halt, das Wort streichen und erst nach dem 23. Juni wieder einsetzen...) ist die Abneigung gegen Veränderungen. "Don't rock the boat" heißt das - und gilt besonders am Arbeitsplatz und in der Politik. Man soll ohne größte Not nichts verändern und immer so tun, als ob die Dinge gut seien, wie sie eben sind. Das hat den Briten nicht nur ihr Königshaus sondern auch ihr dysfunktionales Gesundheitssystem erhalten, deswegen wird die Londoner U-Bahn nicht renoviert und der Flughafen Heathrow nicht erweitert. Weil ja alles immer auch schlechter werden könnte.

3. Schottland droht mit dem Scoxit

Alex Salmond gilt als der cleverste Politiker weit und breit. Und wenn der Vater der Schottischen Nationalpartei mit dem Ausstieg der Schotten aus dem Königreich droht, wird's ernst. Zugegeben: Es gelingt ihm nicht alles, das erste Referendum hat er verloren. Aber wenn Schlitzohr Salmond jetzt damit droht, spätestens zwei Jahre nach einem Brexit erneut über den Exit der Schotten aus dem noch Vereinigten Königreich abstimmen zu lassen - dann überlegen die Briten doch, ob sie tatsächlich ihr Land auf die Größe der Slowakei schrumpfen wollen. Zumal die Gefahr besteht, dass Nordirland und Wales den gleichen Weg gehen könnten.

England London Bankenviertel

Die britische Wirtschaft hängt am Finanzplatz London

4. It's the economy, stupid!

Die "Drinbleiben"-Kampagne lässt nichts aus, um den Bürgern die dramatischen Folgen eines Brexit vor Augen zu halten. Jeder Brite wäre um 4000 Pfund im Jahr ärmer, rechnet Finanzminister George Osborne vor. Das Land würde in eine Rezession schlittern und sich jahrelang nicht berappeln. Und das finale Argument, das die Briten am Geldbeutel und in der Seele trifft: Die Hauspreise würden angeblich um 18 Prozent sinken. Drama und Katastrophe. Denn der gefühlte Reichtum der Bürger besteht vor allem in den ständig steigenden Immobilienpreisen. "My home is my castle" und meine Altersversorgung - diese Bedrohung ist existenziell.

5. Der Finanzmarkt wackelt

Ein paar Chefs von großen Banken haben diskret infrage gestellt, ob sie wirklich nach einem Brexit in London bleiben würden. Schließlich gäbe es da ja auch Paris oder Frankfurt. Abgründe tun sich auf. Als eine erste Umfrage die EU-Aussteiger vorne sah, fiel das Pfund kurzfristig. Inzwischen wird berichtet, wie sich Anleger für den Fall X gegen einen Absturz der britischen Währung absichern. Denn nicht nur der Chef der Bank of England hat vor dem Brexit gewarnt, die meisten Banker wollen nicht, dass am Finanzplatz London die Wellen hoch gehen. Schließlich ist die Finanzkrise überwunden und die Geschäfte laufen wieder. Bloß keine Veränderungen - siehe oben.

England Besuch US Präsident Obama beim Town Hall Meeting

Präsident Obama hat den Brexit für "gefährlichen Unsinn" erklärt

6. Angst und Schrecken

Außenpolitische Argumente zählen nicht so wirklich, aber das hält Regierungschef David Cameron nicht von der Erklärung ab: Ein Brexit wäre ein Schlag gegen die Sicherheit des Landes. Nachdem Barack Obama in London den Briten klipp und klar gesagt hat, dass die USA weder wirtschaftlich noch verteidigungspolitisch für sie eine Extrawurst braten würden, dämmert ihnen, dass sie nach einem EU-Ausstieg ziemlich allein auf dieser gefährlichen Welt wären. Auch die Geheimdienstbosse haben gewarnt, ohne Austausch mit den "Freunden" auf dem Kontinent würde das Leben in Zeiten des Terrorismus viel gefährlicher. Zu viel Isolation in der Politik ist wie nachts allein zu Hause einen Horrorfilm zu schauen: Man fängt an zu zweifeln, ob wirklich die Tür zu ist.

7. Boris ist out!

Boris Johnson war jahrelang der Lieblingspolitiker der Briten. Mit seiner sorgsam kultivierten Exzentrik, kunstvoll ungekämmten Frisur und dem uferlosen lateinischen Zitatenschatz galt er als unwiderstehlich. Als Boris zum Anführer des Brexit-Lagers wurde, fiel der Drinbleiben-Kampagne der Mut in die Schuhe. Wer hätte in einer TV-Debatte schon eine Chance gegen ihn? Aber dann hat er den Bogen überspannt: Mit seiner Bemerkung über die kenianische Abstammung von US-Präsident Obama und der Behauptung, die EU sei so eroberungswütig wie Hitler, hat er sich ins Aus gekickt.

Polnische Bauarbeiter

Die polnischen Handwerker und Bauarbeiter sind sehr beliebt

8. Gott erhalte uns die polnischen Handwerker!

Seit ihnen der ehemalige Premier Tony Blair nach Polens EU-Beitritt die Tür öffnete, kamen polnische Handwerker zu Hunderttausenden ins Land. Es kam auch Personal für Hotels, Restaurants und Altenheime - aber besonders beliebt sind die preiswerten, zuverlässigen, großartigen polnischen Handwerker. Und da die Briten ständig Häuser kaufen und verkaufen, Küchen modernisieren, Wintergärten an- und Keller ausbauen, sind die polnischen Klempner, Schreiner, Maurer ständig beschäftigt. Würden sie nach einem Brexit das Land verlassen, bräche die Bauwirtschaft zusammen. Ein Leben ohne polnische Handwerker ist undenkbar - und eigentlich nicht lebenswert.

9. Allein in der Wahlkabine

Umfragen sind nur Schall und Rauch. Besonders in Großbritannien, wie sich bei den letzten Wahlen zeigte, wo die Konservativen locker siegten, obwohl angeblich die Labour Party die Nase vorn hatte. Entweder lügen die Briten die Umfrageinstitute ständig an, oder ein anderes Phänomen kommt ins Spiel: Die Einsamkeit in der Wahlkabine. Da steht der Bürger dann nur mit sich, seinem Bleistift und dem Zettel, auf dem er Ja oder Nein, Rein oder Raus ankreuzen soll. Und dann könnten ihn Zweifel überkommen, ob der ganze Hype mit dem Brexit nicht vielleicht einfach nur eine wirklich blöde Idee gewesen ist.

09.06.2014 DW Journal Wirtschaft Wettbüro London, Mai 2014

Die Wettbüros haben den Finger am Puls der Nation

10. Die Buchmacher wissen es am besten

Wer wirklich den Finger am Puls der Nation hat, sind normalerweise die Buchmacher. Sie können es sich nicht leisten, so völlig daneben zu liegen wie die Umfrage-Heinis, weil sie mit den Wetten ihr Geld verdienen. Angeblich sollen sich sogar die Profis am Finanzmarkt beim Brexit inzwischen lieber an den Wettbüros orientieren als an den offiziellen Umfragen. Und die meisten Buchmacher, bei denen die Briten ansonsten auf Fußball, Pferde, königliche Babies und Papstwahlen wetten, sehen inzwischen 80 Prozent für "Remain" und nur 20 Prozent für den Brexit. In Zweifel setzen wir also darauf, was die Bookies sagen. Sie wissen es meist besser.