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Kommentar: Wenn wieder alle abschreiben

"Hat hier jemand 'mal die Süddeutsche?" Selten war das Blatt in anderen Redaktionen so gefragt wie heute. Die Exklusivstory der "Panama Papers" zeigt Macht und Ohnmacht journalistischer Arbeit zugleich, so Marko Langer.

Terrabyte. Terra-byte. Darf ich ehrlich sein? Ich fürchte, ich habe noch niemals ein Terrabyte gelesen. Viele Bücher, das ja. Zeitungen auch, am laufenden Meter. Jeden Tag. Ich klicke auch viel im World Wide Web herum den ganzen Tag lang. Aber Terrabyte?

2,6 Terrabyte Daten sind der Süddeutschen Zeitung vor der Veröffentlichung der "Panama Papers" zugespielt worden. Und die hat daraus eine feine Geschichte gemacht. Das weiß ich ganz genau. Weil ich die Zeitung gelesen habe. Und jetzt haben die feinen Herren namens Poroschenko, Putin, Mossack, Messi und wie die da alle heißen ein - nun, ja - Imageproblem. Ein Scoop ist das. "Scoop", eine laut Duden "sensationelle Meldung, mit deren Veröffentlichung eine Zeitung anderen zuvorkommt". Nicht umsonst freute sich der für digitale Projekte zuständige Chefredakteur der SZ, Stefan Plöchinger, dass kein geringerer als Edward Snowdon schon vor der Deadline die Sache auf Twitter ausplauderte

Journalismus im digitalen Zeitalter. Heute, am Tag nach Bekanntwerden der "Panama Papers", müssen wir von zwei Sachen ausgehen:

  1. Georg Mascolo, in Unfrieden vom Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" getrennter Großjournalist, wird ein weiteres Mal stolz sein auf den Rechercheverbund von Süddeutscher Zeitung, WDR und NDR, als dessen Koordinator und Sprecher er seit zwei Jahren fungiert. "Der Spiegel" hingegen hat massive Probleme und tappt hinterher. So wie wiele andere publizistische Dickschiffe auch.
  2. Selten wird das ganze Dilemma journalistischer Arbeit deutlicher wie an solchen Tagen. Ein "Dilemma" ist laut Duden eine "Zwangslage, in der sich jemand befindet, besonders wenn er zwischen zwei in gleicher Weise schwierigen oder unangenehmen Dingen wählen soll oder muss". Das Dilemma in geschätzt neun von zehn Redaktionen lautet heute: Schreiben wir's ab oder lassen wir's bleiben?

Die Antwort lautet: Alle werden es abschreiben. Zu wichtig, die Nummer. Aber die wenigsten Kollegen haben heute die Möglichkeit, tatsächlich eigene und fundierte Recherchen zu diesem komplexen und komplizierten Thema anzustellen. Es fehlt an Zeit, an Geld, an Kontakten, an Ressourcen. Und morgen läuft sowieso wieder die nächste Sau durch's Dorf.

Und daher verrate ich Ihnen einmal ein ganz trauriges Berufsgeheimnis: So ist es ganz oft. Alle schreiben von allen ab, und der Wahrheitsfindung dient es nicht immer. Ketzerisch gefragt: Mal jemand in Syrien gewesen in jüngster Zeit? Oder in Pjöngjang? Oder auch nur selbst und persönlich bei der Trauerfeier für Guido Westerwelle in der Kölner St. Aposteln-Kirche? Nicht so viele.

Was tun? Jeder Reporter, der rausgeht und sich die Dinge selbst ansieht, ist per se ein guter Reporter, denn er beschäftigt sich nicht mit sich selbst. Und jedes Medium, das sich ein von Reportern getriebenes Investigativressort zulegt, ist journalistisch schon einmal ein gutes Medium. Denn so ergibt sich in Zeiten global vernetzter Datenströme der entscheidende Vorsprung, eine solche Story überhaupt an Land zu ziehen. Und damit lange Gesichter bei der Konkurrenz zu hinterlassen. Wie das geht? Kann man auch von Frederik Obermaier lernen, einem der Autoren der SZ-Story.

Vielleicht hatte Außenminister Frank-Walter Steinmeier auch das im Sinn, als er im November bei der Verleihung der LeadAwards mehr Vielfalt bei uns Journalisten anmahnte. Das ist auf keinen Fall ein gutes Zeichen, wenn wir uns so etwas von einem Spitzenpolitiker sagen lassen müssen. Für die meisten Redaktionen bedeutet: Hausaufgaben machen! Schlagkräftiger werden! Die #link:http://www.nytimes.com/interactive/2016/04/01/insider/how-the-times-covers-breaking-news.html:New York Times hat gerade dargelegt, wie das in den ersten Stunden nach den Anschlägen von Brüssel# bei ihr ablief.

Also: Konzentration auf das Wesentliche! Weniger Gequassel! Die Süddeutsche Zeitung - und damit seien die Kollegen in München an dieser Stelle ein letztes Mal beklatscht und bejubelt - macht vor, wie das geht. Unser Kompliment. Allen anderen sei mit Kurt Tucholsky gesagt: "Ein schlechter Journalist ist noch kein Philosoph."

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LINK: http://www.dw.de/dw/article/0,,19162387,00.html