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Kommentar: VW-Skandal: Wo bleibt die Aufklärung?

Immer neue Klagen, immer neue Puzzlesteine im VW-Abgasskandal, aber nichts wirklich konkretes. Der Konzern muss endlich offensiv aufklären, sonst ist er verloren, meint Henrik Böhme.

Ein halbes Jahr ist es nun her. Da wurde bekannt, dass Europas größter Autobauer Volkswagen in den USA mit einer speziellen Software den Schadstoff-Ausstoß seiner Dieselfahrzeuge manipulierte. Und zwar über viele Jahre hinweg. Dieser 18. September 2015 - der Konzern feierte auf der Autoshow IAA in Frankfurt gerade sein Hochamt - dieser Tag dürfte als einer der schwärzesten in der fast 79-jährigen Geschichte des Unternehmens eingehen. Und wenn Volkswagen nicht bald damit beginnt, umfassend aufzuklären, Ross und Reiter zu benennen; sich großzügig gegenüber den betrogenen Fahrzeugbesitzern zeigt und sich nicht scheut, viele Milliarden für mögliche außergerichtliche Vergleiche zu zahlen, dann wird dieser Tag nicht nur einer der schwärzesten gewesen sein, sondern er wird den Anfang vom Ende markieren.

Mutmacher für die Belegschaft

Henrik Boehme.

Henrik Boehme.

Da sprach vor knapp zwei Wochen der Vorstandschef Matthias Müller vor der Belegschaft im Wolfsburger Stammwerk davon, dass man "aus einer Phase des Krisenmanagements nun zusehends in eine Phase des Gestaltens" komme. Die Krise lasse man langsam hinter sich. Welch ein Irrtum! Natürlich schob der Konzernchef noch nach, die Folgen der Tricksereien würden den Autobauer noch lange beschäftigen und die finanziellen Belastungen seien noch nicht "in Gänze" absehbar, und ja, man sei dabei "schonungslos" aufzuklären. Aber das war dann doch nur ein kläglicher Versuch, die Belegschaft bei Laune zu halten. Eine Belegschaft, die sich berechtigte Sorgen um ihre Zukunft macht, und die am ehesten die Zeche wird zahlen müssen, wenn die Krise ihre Wirkung mit voller Wucht entfaltet. Eine Belegschaft, die die Fehler einiger weniger - so bislang die Sprachregelung der Chefetage - wird auszubaden haben.

Milliarden-Klagen weltweit

Denn mittlerweile wird deutlich, welch ein Klage-Tsunami sich da rund um den Globus aufbaut. Es klagen VW-Käufer, Händler, Anleger, US-Bundesstaaten. Beim zuständigen Landgericht Braunschweig ging dieser Tage die erste Klage ein, in der Großinvestoren Schadenersatz fordern: Mit knapp 3,3 Milliarden Euro hat man da schon mal eine erste konkrete Hausnummer. Diese Klage kommt hinzu zu den schon knapp 70 in Braunschweig vorliegenden, aus denen sich eine Forderung von weiteren 3,7 Milliarden ergibt. In dieser Woche meldete sich der US-Staranwalt Michael Hausfeld per Brief beim VW-Chef. Die Ansage war mehr als klar: Ein Treffen innerhalb der kommenden zwei Wochen, alle Fakten auf den Tisch und Entschädigungen in Milliardenhöhe. Dazu kommen etliche Klagen rund um den Globus, ob in Frankreich oder Indien.

Keine Lösung in Sicht

Doch selbst das alles zusammen dürften Peanuts sein gegen die Klagewelle, die in den USA droht. Hier sind etliche Klagen vor einem Gericht in Kalifornien gebündelt, und der dortige Richter hat den Wolfsburgern ein Ultimatum gesetzt: Bis zum 24. März wüsste der Bezirksrichter Charles Breyer gerne, ob sich die 600.000 betroffenen Diesel-Autos reparieren oder umrüsten lassen. Weil aber VW bei den zuständigen Umweltbehörden mit seinen Plänen ziemlich auf Granit beißt - was kein Wunder ist angesichts der skrupellosen Methoden, mit denen sie über Jahre von VW ausgetrickst wurden - deutet derzeit nicht viel darauf hin, dass Volkswagen bis zum kommenden Donnerstag liefern kann.

Die Uhr tickt

Denn nicht nur Gerichte ermitteln, auch die Behörden und Parlamente sind hinter VW her. Volkswagen muss nun endlich in die Offensive kommen. Freilich sind gigantische Datenmengen auszuwerten, VW selbst spricht von 102 Terabyte, was ca. 50 Millionen Büchern entspricht. Die Jahrespressekonferenz und die Hauptversammlung wurden auf Ende April beziehungsweise Ende Juni verschoben. In der "zweiten April-Hälfte" will sich VW das nächste Mal offiziell zur "Diesel-Thematik" äußern. Da müssen dann aber schon ein paar Karten auf den Tisch. Die vielen Puzzle-Steine sollten dann zu einem ersten Bild zusammen gesetzt werden. Der Konzern sagt, er klärt schonungslos auf. Bislang ist der Eindruck eher der: Der Konzern spielt auf Zeit. Ein riskantes Spiel auf dem Rücken von über 600.000 Mitarbeitern.