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El Mundo

Kommentar: Refugees Welcome? Schön wär's!

Amnesty International hat in einem Index von weltweit 27 Staaten eine viel höhere Willkommensbereitschaft gegenüber Flüchtlingen ermittelt, als meist dargestellt. Doch Christoph Hasselbach misstraut den Zahlen.

Für Amnesty-Generalsekretär Shalil Shetty ist die Sache klar: Regierungen könnten "nicht mehr die öffentliche Meinung als Ausrede nutzen", sich gegen Flüchtlinge abzuschotten. Die Bevölkerungen seien meist viel offener als ihre Regierungen. Tatsächlich erwähnen Innenminister und Regierungschefs immer wieder, sie könnten leider, leider nicht mehr für Zufluchtsuchende tun, weil sie auf eine fremdenfeindliche Stimmung im Land Rücksicht nehmen müssten.

Christoph Hasselbach

Christoph Hasselbach

Besonders krass fallen Regierungshandeln und die von Amnesty ermittelte Volksmeinung in Australien auseinander, das eine extrem restriktive Asylpolitik betreibt. Sieben von zehn befragten Australiern meinen, ihr Land müsse mehr für Flüchtlinge tun. Auffällig ist auch, dass fast 30 Prozent der Briten und 20 Prozent der Griechen bereit wären, Flüchtlinge bei sich zuhause aufzunehmen. In Deutschland, insgesamt auf Platz zwei, ist es immerhin noch jeder zehnte. Dabei wird die Diskussion in Großbritannien um einen EU-Ausstieg nicht zuletzt um das - negativ besetzte - Thema Migration geführt; und Griechenland ist von der Flüchtlingskrise besonders betroffen.

Die Realität vor Ort ist anders

Wenn die Stimmung tatsächlich so viel positiver ist als angenommen, warum fordert die britische Bevölkerung dann nicht ihre Regierung auf, sie solle die in Calais gestrandeten Migranten einreisen lassen? Warum sind nicht viel mehr Flüchtlinge in griechischen Privathäusern untergebracht? Und warum leben immer noch so viele in deutschen Turnhallen statt in deutschen Familien?

Offenbar muss man die Zahlen mit gehöriger Skepsis lesen. Ein Grund für die überraschend positiven Werte könnte ein altbekanntes Phänomen sein: Genauso, wie sich viele Menschen in Umfragen scheuen, sich zu rechtsextremen Parteien zu bekennen, sind sie umgekehrt geneigt, sich menschenfreundlicher zu geben als sie tatsächlich sind. Außerdem kann man die Frage rein theoretisch sehen. Wäre die Bereitschaft, Flüchtlinge bei sich zuhause aufzunehmen, wirklich so groß wie angegeben - es gäbe viel weniger Unterbringungsprobleme.

Bezeichnend ist, dass in fast allen untersuchten Ländern Mehrheiten von zwei Dritteln und mehr meinen, dass Menschen die Möglichkeit haben sollten, in anderen Ländern Zuflucht zu finden. In dieser allgemeinen Form kann das heißen: Ja, im Nachbarland schon, aber bitte nicht hier. Und fast ebenso hohe Zustimmungswerte gibt es auf die Frage: "Sollte Ihre Regierung mehr tun, um Flüchtlingen zu helfen, die vor Krieg oder Verfolgung fliehen?" Das könnte man so interpretieren, dass "Hilfe" nicht unbedingt Aufnahme im eigenen Land heißen muss, sondern zum Beispiel Finanz- oder medizinische Hilfe für Flüchtlingslager in der Herkunftsregion.

China sollte mehr Verantwortung übernehmen

Die zweifellos größte Überraschung ist der Spitzenreiter China: Fast jeder zweite befragte Chinese würde einen Flüchtling bei sich zuhause beherbergen, ein geradezu sensationell hoher Wert. Doch gerade im Zusammenhang mit China scheint die Frage ohne praktische Bedeutung. Denn China nimmt generell so gut wie keine Flüchtlinge auf. Kein Befragter muss also beweisen, ob er seine Gastfreundschaft ernst meint.

So rätselhaft vieles an der Statistik bleibt - warum zum Beispiel Chinesen so viel offener in dieser Frage als Thailänder oder Russen sind -, sie liefert allemal die Grundlage für eine Anregung: Die Verantwortung weltweit für Flüchtlinge müsste viel besser verteilt sein. Wenn die Bevölkerung zum Beispiel Chinas, Südkoreas oder Chiles für mehr Engagement für Flüchtlinge auch durch Aufnahme im eigenen Land ist, warum nehmen internationale Organisationen die Regierungen dieser Länder dann nicht mehr in die Pflicht? Es war noch nie einzusehen, warum ausgerechnet Deutschland in einem Jahr mehr als eine Million Menschen aufgenommen hat, viele andere sich aber bis heute völlig verschließen. An der Stimmung in der Bevölkerung scheint es jedenfalls nicht immer zu liegen.