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Kommentar: RB Leipzig tut der Bundesliga gut

Die Bundesliga kehrt zurück nach Leipzig - in die Stadt, aus der der erste deutsche Fußballmeister kommt. Die Traditionalisten laufen Sturm gegen den "Retorten-Club". Henrik Böhme sieht im Aufstieg von RB eine Chance.

Ausverkauftes Stadion, bestes Fußballwetter, spannendes Spiel, zwei erlösende Tore. Dann stand es am späten Sonntagnachmittag fest: Leipzig ist zurück in der Fußball-Bundesliga. 26 Jahre nach dem Abstieg des damaligen VfB Leipzig ist es nun ein Verein mit dem umständlichen Namen RasenBallsport Leipzig, der die sächsische Halbmillionenstadt wieder in die Beletage des deutschen Fußballs zurück geschossen hat.

Tradition allein schießt keine Tore

Genau damit aber haben eine Menge Leute ein Problem: Wieder so ein Retorten-Verein, eine Werkself ohne Tradition, abhängig von den Millionen eines Mäzens. Wieder ein Klub mehr, die die gute, alte Bundesliga kaputtmacht. Der Hass ergießt sich in den Tiefen des Internets, aber auch in den Stadien, in denen die Fußballer aus Leipzig zu Gast sind. Hass gegen einen Verein, der nur sieben Jahre nach seiner Gründung den Weg aus Liga Vier in Liga Eins geschafft hat. Und der einem Traditionsverein seinen Platz in der Bundesliga weggenommen hat - zur Erinnerung: auf rein sportlichem Wege.

Henrik Böhme

Henrik Böhme

Doch diese ganze Traditions-Debatte ist einfach nur einseitig. Denn erstens hat jede Tradition irgendwann mal angefangen. Zugegeben, meist nicht mit den Millionen eines Brauseherstellers aus Österrreich. Aber wo stünden heute Traditionsclub aus Hamburg ohne die Millionen eines reichen hanseatischen Logistik-Mäzens? Was wäre mit Schalke 04, würden nicht mit dem Segen Wladimir Putins die Gazprom-Millionen fließen? Oder noch mehr Tradition: 1860 München - längst von der Bildfläche verschwunden, würde nicht ein umstrittener jordanischer Investor Millionen in den Verein pumpen. Tradition allein schießt eben keine Tore.

Mehr als nur Leipzig

Vielleicht sollten die Kritiker mal den Blick über den Tellerrand wagen. Der Aufstieg von RB Leipzig ist Balsam für die geschundene ostdeutsche Fußball-Seele. Nach dem Mauerfall wurde eine ganze Fußball-Generation von westdeutschen Klubs aufgekauft. Große Namen wie Dynamo Dresden, 1.FC Magdeburg, Carl Zeiss Jena, - und na klar: Lokomotive Leipzig, einer der bekanntesten DDR-Klubs in Europa, sie alle verschwanden von der großen Bühne und darben in unteren Ligen dahin.

Dabei steht Leipzig für Fußball-Tradition. 1900 wurde hier der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gegründet. Hier wurde der VfB Leipzig 1903 erster deutscher Fußballmeister. Unvergessen sind die großen Europapokal-Spiele des 1. FC Lokomotive in der Saison 1986/87, als der Verein das Finale im Europapokal der Pokalsieger erreichte. Aber vom Abstieg 1994 aus der Bundesliga (als VfB Leipzig) erholte sich der Verein bis heute nicht, genau wie der ewige Ortsrivale Chemie Leipzig. Beide sind sich bis heute in herzlicher Abneigung verbunden - und damit in ihrer Vergangenheit verhaftet.

Konkurrenz für die Bayern?

Doch der Hunger der Menschen in der Region nach gutem Fußball, er war geblieben. Das Potential, die Begeisterung: Das erkannten die Manager des Sportimperiums von Red Bull. Und wer sieht, was in Leipzig in den sieben Jahren seit der Gründung entstanden ist, kann sich dem Eindruck nicht entziehen, dass das Projekt auf Nachhaltigkeit angelegt ist. Denn es setzt vor allem auf die Ausbildung von Nachwuchs - auch und vor allem aus der Region. Hier wird nicht sinnlos mit Millionen umher geworfen, hier ist eine brauchbare Infrastruktur entstanden, die dem deutschen Fußball in Zukunft noch gut tun könnte.

Denn allen Kritikern sei zugerufen: Gönnt dem deutschen Fußball-Osten seinen Erstligisten! Dank RB Leipzig hat Ostdeutschland wieder einen fußballerischen Hoffnungsträger - auch wenn der Verein viele Herzen noch erobern muss. Am besten durch Leistung: Dafür hat RB in den vergangenen Jahren gezielt investiert, talentierte Spieler geholt und zuletzt mit Ralph Hasenhüttl einen kompetenten Trainer geholt. Mit Ralf Rangnick dahinter als gut vernetztem Sportdirektor hat der Verein solide Strukturen geschaffen. Deswegen hat der Aufsteiger bereits mittelfristig die oberen Tabellenregionen im Visier. Und das ist auch gut so. Denn die Ära der Langeweile-Liga mit dem Bayern-Abo auf den Titel darf irgendwann auch mal zu Ende gehen. Und sollte es versehentlich RB Leipzig sein, die die ewigen Bayern vom Thorn schubsen - das wäre erstens kein Zufall und zweitens eine echte Story.

Henrik Böhme ist DW-Redakteur und gebürtiger Leipziger. Er hat in seiner Kindheit und Jugend sowohl beim 1. FC Lokotovive Leipzig wie auch bei Chemie Leipzig gespielt. Heute schlägt sein Herz für Schalke 04. Die Entwicklung des Fußballs in seiner Heimatstadt verfolgt er bis heute mit großem Interesse.