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Kommentar: Frust statt Freude über Einheitsdenkmal

Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages hat entschieden: kein Einheitsdenkmal in Berlin! Eine Blamage, die Fragen nach politischer Kultur und nationalem Selbstverständnis aufwirft, meint Gero Schließ.

Was in Frankreich oder den USA undenkbar wäre - in Deutschland ist es jetzt passiert: Mehr als 25 Jahre nach dem für unser Land wichtigsten Ereignis von epochaler Tragweite, der Wiedervereinigung beider deutschen Staaten, gibt es immer noch kein Denkmal für diesen Glücksfall in der jüngsten deutschen Geschichte. Seit Mittwoch ist klar, dass dies auf absehbare Zeit so bleiben wird.

Diese Entscheidung wirft Fragen auf - nicht nur nach politischen und prozeduralen Versäumnissen, die zu diesem Desaster geführt haben. Weit wichtiger ist die Frage, was mit unserem nationalen und kulturellen Selbstverständnis nicht stimmt. Warum sind die Deutschen nicht in der Lage, so viele Jahre nach der Widervereinigung hierfür eine künstlerische und architektonische Ausdrucksform zu finden? Warum geling es nicht, positive Botschaften in positiven Denkmälern Gestalt werden zu lassen? Und warum hat es eigentlich mehr als 17 Jahre gedauert, bis die Planung zum Denkmal anlief? Man stelle sich soviel Skrupel und Verklemmung bei unseren engsten Verbündeten vor: In Washington würde wohl die Hälfte der National Mall noch leer stehen. Und in Paris wäre der Arc de Triumphe niemals gebaut worden.

Ungeliebtes Kind

Das Einheits- und Freiheitsdenkmal - im Volksmund "Einheitswippe" genannt - war von Anfang an ein ungeliebtes Kind. Und am Ende wollte es keiner mehr so richtig haben: Nicht die Bürger, nicht der Bundestag, nicht die anfangs beteiligten Künstler und wohl auch nicht Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die die umstrittene Wettbewerbsentscheidung für die "Wippe" von ihrem Vorgänger Bernd Neumann geerbt hatte.

Zur Erinnerung: Im Jahr 2009 hatten die Choreografin Sasha Waltz und die Architekten Mila und Partner mit dem gemeinsam gestalteten Entwurf einen aufwendig ausgerichteten Wettbewerb gewonnen. Das Denkmal sollte neben dem Berliner Schloss der friedlichen Revolution von 1989 und der deutschen Einheit im Jahr danach gedenken. Errichtet werden sollte eine 50 Meter lange begehbare Schale, die sich neigt, wenn sich auf der einen Seite genug Menschen versammelt haben. Soweit so schlecht.

Unentschlossen und verkopft

Schon damals vermochte das eigenartig unentschlossen und verkopft wirkende Konstrukt viele nicht zu überzeugen. Stolz und Freude sehen anders aus. Doch das traut sich heute kaum einer zu sagen. Lieber wird zur Begründung für das holprige Ende des Einheitsdenkmals auf die unrühmliche Geschichte von Pannen, Konflikten und Verzögerungen verwiesen.

Es stimmt: Die Künstler zerstritten sich und Sasha Waltz stieg bald aus dem Projekt aus. Die immer neuen Auflagen für Natur- und Denkmalschutz schlugen die merkwürdigsten Kapriolen und das Alles wirkte wie Bremsklötze, die mit Bedacht ausgelegt wurden. Doch am Ende waren es nicht die seltenen Wasserfledermäuse, die dem Projekt das Lebenslicht ausbliesen. Sondern - so zumindest die offizielle Lesart - es waren die stetig steigenden Baukosten von zehn auf zuletzt 15 Millionen Euro, die den Haushaltsausschuss die Notbremse ziehen und das Ende des Projektes besiegeln ließen.

Vorbeimogeln an inhaltlicher Entscheidung

Doch das ist in Wahrheit ein Armutszeugnis für unsere politische Kultur. Es ist ein weiterer Skandal, dass Haushälter des Deutschen Bundestags Entscheidungen von solch nationaler Tragweite im Alleingang treffen können. Indem sie sich den schwarzen Peter zuschieben ließen, haben sie den wirklich politisch Verantwortlichen einen großen Gefallen getan. Die können sich nämlich jetzt an einer inhaltlichen Entscheidung vorbeimogeln.  

Der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sprach von einer Blamage für den Deutschen Bundestag und für Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Vielleicht ist das ja Antrieb genug, noch einmal eine Diskussion über unsere politische und kulturelle Identität loszutreten. Wenn das bisher noch nicht mit Blick auf die Wiedervereinigung und die jüngste Geschichte gelungen ist, dann dürfte der Blick in die Auffanglager für die hunderttausenden von Flüchtlingen Ansporn genug sein. Denn wir Deutschen fordern zu Recht Respekt und Beachtung für unsere Werte und unsere Lebensweise. Doch dazu müssen wir erst einmal wissen, wer wir sind und was wir eigentlich wollen. 

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