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Europa

Zypern: Die Kandidatin von der anderen Seite der Linie

Zypern wählt ein neues Parlament. Gerechnet wird mit einem haushohen Sieg der Nationalisten um Präsident Papadopoulos. Für Aufsehen sorgt eine Kandidatur, die eigentlich kaum Aussichten hat.

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Wahlkampf in Nikosia.

Chancen? "Nein, die habe ich wohl nicht", sagt Nese Yasin. Auf einem der hinteren Listenplätze der kleinen Partei "Vereinigte Demokraten" kandidiert die Dichterin für das zypriotische Parlament, das am Sonntag (21.5.) gewählt wird. Bisher stellt die Partei gerade einen Abgeordneten im Parlament des griechischen Inselteils. Doch auch ohne Aussicht auf einen Parlamentssitz ist Yasins Kandidatur eine kleine Sensation. Denn Nese Yasin ist Türkin. Sie ist die erste zypriotische Türkin seit mehr als vierzig Jahren, die für das Parlament der Republik Zypern kandidiert. Eine symbolische Geste. "Wenn griechische Zyprioten eine türkische Zypriotin wählen, dann zeigen sie, dass sie bereit sind, die Macht zu teilen", glaubt Yasin. Auch wenn es nur wenige sind.

Stillstand auf der Insel

Zwei Jahre nach dem gescheiterten Referendum, sieht es nicht gut aus für die Wiedervereinigung Zyperns. Nach drei Jahrzehnten der Teilung konnten die Zyprioten vor 2004 über einen UN-Plan zur Bildung eines gemeinsamen Staates abstimmen. In Nordzypern stimmte die überwältigende Mehrheit dafür. Im Süden aber fiel der Plan, der eine Föderation aus zwei ethnischen Einheiten vorsah, durch. Seitdem herrscht Stillstand auf der Insel.

Nese Yasin

Cancenlos: Nese Yasin kandidiert für das Palament der Zypern-Griechen

Yasins Name steht wie wohl nur wenige für die Wiedervereinigung. Vor dreißig Jahren schrieb die damals 17-jährige ein Gedicht. "Meine Heimat ist geteilt, welche Hälfte soll ich lieben?", heißt es darin. Der griechisch-zypriotische Komponist Mario Toka vertonte das Lied und es wurde zu einer inoffiziellen Hymne für die Wiedervereinigung. Im Süden sangen es die Griechen auf Griechisch, im Norden die Türken auf Türkisch.

Kämpfe zwischen den Volksgruppen

Als Zypern 1960 von Großbritannien unabhängig wurde, machten die türkischen Zyprioten knapp ein Fünftel der Bevölkerung aus. Ihrer Angst vor einem griechisch dominierten Staat wurde in der Verfassung mit einem strengen Proporzsystem Rechnung getragen. 24 Parlamentssitze standen den Türken zu. Die Griechen stellten den Staatspräsidenten und die Türken seinen Stellvertreter, der in vielen Fragen ein Vetorecht hatte. Dem ersten Präsidenten Makarios wurde das schnell zu kompliziert. 1963 versuchte er, die Privilegien der türkischen Seite kurzerhand abzuschaffen. Die Türken zogen sich aus allen Staatsämtern zurück und es kam zu blutigen Kämpfen zwischen beiden Volksgruppen. Schließlich griff die Uno ein. Die türkischen Zyprioten flohen in ethnische Enklaven, die von Blauhelmen geschützt werden mussten. 1974 führte ein Putschversuch griechischer Generäle zum Einmarsch der türkischen Armee in den Norden und zur Teilung der Insel. Eine von der UN bewachte "grüne Linie", die mitten durch die Hauptstadt Nikosia führte, trennte nun den griechischen und die türkischen Teil. Fast 200 000 Menschen wurden umgesiedelt.

Karte von Zypern

Geteilte Insel: Türken im Norden, Griechen im Süden

Auch Nese Yasin gehörte als Kind zu denen, die ihren Heimatort verlassen mussten. Geboren in einem Dorf südlich der geteilten Hauptstadt Nikosia, flüchtete sie bei den Unruhen 1964 mit ihren Eltern in eine türkische Enklave im Nordteil. Nach der Teilung war sie Bürgerin der türkischen Republik Nordzypern. Als sie dort in den neunziger Jahren wegen ihres Engagements für die Widervereinigung immer mehr unter Druck geriet, überquerte sie die grüne Linie und lebt seitdem im Südteil von Nikosia.

"Die Rechte der Gemeinschaft untergraben"

Dass sie nun für das griechische Parlament im Südteil kandidieren kann, ist durch ein Urteil des europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte möglich geworden. 2004 hatte einer der knapp 2000 türkischen Zyprioten, die im Süden leben, gegen das Wahlgesetz der Insel geklagt. Bisher war den Türken im Süden die Teilnahme an den Abstimmungen immer mit dem Hinweis auf die Verfassung von 1960 verboten worden. Denn darin steht ja, dass die beiden Gemeinschaften jeweils nur ihre eigenen Vertreter wählen. Der Europäische Gerichtshof hielt das für Diskriminierung und der griechische Teil Zyperns musste den Türken auf seinem Territorium das Wahlrecht einräumen.

Zypern Ende der EU

Blauhelme an der EU-Außengrenze: Seit 2004 gehört der Süden zu Europa

Auch in Nordzypern hat man sich übrigens neulich wieder einmal an die Verfassung von 1960 erinnert. Eine Gruppe von Intellektuellen und Politikern forderte vor kurzem das Recht, die 24 Sitze zu besetzen, die den Türken laut Verfassung zustehen. Nese Yasins Kandidatur war damit aber nicht gemeint. Jenseits der grünen Linie stoße sie mit ihren Plänen auf Skepsis, erzählt sie. "Mir wird vorgeworfen, dass meine Kandidatur als Individuum die Rechte der Türken als Gemeinschaft untergraben würde."

"Mein eigenes Zypern-Problem gelöst"

Doch auch wenn die politische Situation im Moment festgefahrener denn je ist – die Zeit, als die grüne Linie noch eine unüberwindliche Grenze war, ist vorbei. Inzwischen ist es relativ einfach, von einem Teil der Insel in den anderen zu reisen. "Ich lebe in einer geteilten Stadt, aber ich lebe in der ganzen Stadt", sagt Yasin. Manchmal überquere sie die grüne Linie zwei, drei Mal am Tag. "Ich habe mein eigenes Zypern-Problem gelöst."

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