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Politik

Zynisches Pokerspiel

Nach amerikanischen Angaben hat Nordkorea zugegeben, gegen den Atomwaffensperrvertrag zu verstoßen und heimlich an der Entwicklung von Kernwaffen zu arbeiten. Hans Jürgen Mayer analysiert die Vorgänge.

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Kein Zweifel - Nordkorea, der letzte kommunistische Staat stalinistischer Prägung, steht mit dem Rücken zur Wand. Während Kim Jong-il, der "Geliebte Führer", nach wie vor seinen grotesken Personenkult pflegt, liegt die Wirtschaft am Boden und der Hunger hat bereits zehntausende, wenn nicht gar hunderttausende Bürger zur Flucht über den Amur ins benachbarte China veranlasst. Es ist schon fast Routine geworden, dass Nordkoreaner sich in Peking in ausländische Missionen flüchten, um sich dann nach Südkorea abschieben zu lassen. Wie viele Menschen den wiederholten Hungersnöten in Nordkorea zum Opfer gefallen sind, weiß niemand.

Fest steht: Vieles im Reich Kim Jong-ils gemahnt an die Endphase der DDR, allerdings war der Staat Erich Honeckers - verglichen mit Nordkorea - ein geradezu liberales Land mit einer wenigstens halbwegs funktionierenden Landwirtschaft. Fest steht aber auch, dass Nordkorea schon seit vielen Jahren eigentlich vor dem Kollaps steht - und eben doch weiterbesteht, abgeschottet von der Weltöffentlichkeit und für seine Nachbarstaaten unheimlich wegen seines nicht einschätzbaren Militärpotenzials.

Pjöngjang hat die Furcht vor seiner Unberechenbarkeit und die Sorge über vermeintliche oder offen demonstrierte militärische Fähigkeiten immer wieder als Hebel eingesetzt, um seinen Kontrahenten - vor allem den USA - Konzessionen abzutrotzen, die das Überleben des Regimes sichern sollten. Dafür ging Nordkorea Kompromisse ein, ohne sich letztlich entscheidend in die Karten schauen zu lassen.

Was nun bedeutet es, dass Nordkorea die längst nicht mehr so heiß gehandelte These George Bushs, Nordkorea sei Teil der "Achse des Bösen" mit seinem plötzlichen Eingeständnis zu stützen scheint? Will es provozieren oder lediglich noch mehr Hilfe als bislang schon vom Westen heraushandeln? Immerhin liefert der Erzfeind USA bereits jetzt kostenlos schweres Heizöl, um die Energieversorgung Nordkoreas sicherzustellen - in der Hoffnung, in der Zwischenzeit werde das nukleare Potenzial Kim Jong-ils entschärft.

Wieder einmal könnte Kim Jon-il hoch pokern. Denn niemand weiß ja: Verfügt Pjöngjang tatsächlich über genug spaltbares Material für den Bau von ein oder zwei Plutoniumbomben, wie es die CIA behauptet?

Wird tatsächlich hochangereichertes Uran mit dem Ziel hergestellt, eine modernere Kernwaffengeneration zu produzieren? Und: Will Nordkorea sich vielleicht ein Arsenal atomar bestückter Trägerwaffen zulegen, nachdem man bereits vor Jahren eine mehrstufige Mittelstreckenrakete über Japan hinweg in den Pazifik geschossen hat?

Schlimmen Befürchtungen steht die Auffassung gegenüber, Nordkorea habe in letzter Zeit Offenheit demonstriert: Mit der Entschuldigung für die Versenkung eines südkoreanischen Kriegsschiffes und mit dem Eingeständnis, japanische Staatsbürger seien in der Vergangenheit nach Nordkorea entführt worden. Das alles diene dem Ziel, eine Vertrauensbasis zu Südkorea und zu Japan zu schaffen, das bislang als besonders verhasst galt. Außerdem sei Nordkorea wohl kaum an einer Konfrontation gelegen zu einer Zeit, in der Nord- und Südkorea an der Wiederherstellung der jahrzehntelang unterbrochenen Eisenbahnverbindungen arbeiteten und der Norden gerade mit Wirtschaftsreformen zu experimentieren beginne. Das alles sei der Versuch, Zeit und Kapital zur Stabilisierung des Regimes zu gewinnen.

Auch die Mitteilung über das Kernwaffenprogramm solle lediglich ein Ende der Geheimniskrämerei demonstrieren. Es liegt an Nordkorea selbst, für Klarheit zu sorgen. Weigert sich das Land weiterhin, strikte Kontrollen aller seiner kerntechnischen Anlagen zuzulassen, so bleibt es der Paria der Region. Kim Jong-ils zynisches Pokerspiel darf nicht aufgehen, endlos Hilfe einzufordern - durch das Winken mit dem atomaren Zaunpfahl und die indirekte Erpressung durch eine hungernde Bevölkerung.

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