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Ostmitteleuropa

Zwischen Weltoffenheit und Kleinkrämerei

- Die tschechische Gesellschaft schwankt seit mehr als 80 Jahren zwischen beiden Polen

Prag, 31.1.2002, PRAGER ZEITUNG, deutsch, Petr Pithart

Diejenigen, denen das größte Verdienst an der tschechoslowakischen Staatsgründung vom 28. Oktober 1918 gebührt, fehlen auf den Fotos von damals. Sie waren zu der Zeit nicht in Prag sondern irgendwo weit draußen in der Welt.

An jenem Tag herrschte in Prag ein großes Durcheinander. Noch am Mittag fragten die Vertreter des Nationalkomitees vorsichtig beim k.u.k. Statthalter-Amt in der Snemovni-Straße an, welche Anweisungen aus Wien für das Ende der Monarchie vorlägen. Kurze Zeit später rissen die Menschen schon die Blech-Adler, die Symbole der k.u.k.-Macht, herunter. Und der Volksliebling Karel Hasler dirigierte die begeisterte Menge am Wenzelsdenkmal. Die Menschen in Prag sangen und jubelten, obwohl sie am Morgen noch nicht ahnten, dass sie von nun an in einem selbständigen Staat leben würden. Es stimmt allerdings, dass der strenge und gewissenhafte Alois Rasin bereits am Abend zuvor das erste Gesetz des neuen Staates verfasst hatte.

Masaryks Verdienst

Diejenigen, die über alles viel früher und weit weg von der Heimat mit ihrem persönlichen Einsatz entschieden hatten, fehlten allerdings auf der politischen Bühne in Prag. Noch lange werden sie dort fehlen. Die tschechoslowakischen Legionäre, die an der Seite der Entente-Mächte gekämpft hatten, kehrten erst in den folgenden Wochen und Monaten Ende 1918 und Anfang 1919 von dem französischen und italienischen Kriegsschauplatz nach und nach zurück. Der künftige Präsident Tomas G. Masaryk sollte erst in zwei Monaten in Prag eintreffen, sein Weggefährte Edvard Benes hielt sich noch ein ganzes Jahr in Paris auf. Die verdienstvollsten Verbände der tschechoslowakischen Auslandseinheiten, also der Legionäre, die sich auf dem russischen Kriegsschauplatz tapfer geschlagen hatten, brauchten zwei Jahre, um über Sibirien, Wladiwostok, Yokohama und die Vereinigten Staaten nach Hause zu kommen.

Das Fehlen der Protagonisten war kein Zufall. Es war charakteristisch für jenen Tag, aber auch für die nächsten Jahrzehnte. Die improvisierte Gründung des tschechoslowakischen Staates sah in den ersten Stunden und Tagen wie eine lokale, fast familiäre Prager Angelegenheit aus. Doch das schien nur so. Unsere staatliche und nationale Existenz wäre nicht denkbar ohne den weltweiten Einsatz dieser Männer.

Damals entschied sich, was in die Grundfesten des Staates gelegt werden sollte: Das artige Abwarten der Prager, deren an Kleinkrämerei grenzende Vorsicht, oder Masaryks Selbstbewusstsein, seine Weltgewandtheit, seine Visionen, sein Mut und seine Großzügigkeit, alles in allem seine Weltoffenheit. Und die Entschlossenheit der Legionäre, für einen ungewissen eigenständigen Staat zu sterben.

Öffnen oder abschotten

Die gesamte Geschichte unseres Staates bestimmen eigentlich von Anfang an - und zwar bis heute -zwei sich grundsätzlich widersprechende Tendenzen, die schlechthin als das grundlegende tschechische Thema bezeichnet werden können: das Schwanken zwischen Weltoffenheit und der Haltung, "was zu Hause ist, das zählt". Das Schwanken zwischen dem riskanten Einsatz an den Weltkriegs-Fronten und der Einstellung, "schön im Warmen bleiben, auch wenn’s ein bisschen stinkt"?

Wir pendeln zwischen einer Vorstellungskraft, die auch internationale Zusammenhänge einzubeziehen vermag, und der auf Sicherheit bedachten Schlaumeierei, dass sich der heimische Hof ohnehin nie verändern wird.

Die Gegenwartsgeschichte unseres Staates bestimmen zugleich Variationen über die Frage, was ist eigentlich die Nation und wie ist deren Existenz gesichert: durch Abgrenzung, Abschottung und eine entsprechende innere ethnische Reinheit, oder durch das Engagement in einer offenen, sich frei entfaltenden Welt, in der Bürger zu sein mehr bedeutet als nur Blutsverwandtschaft.

Die Frage nach der Nation

Es handelt sich um den ewigen Streit zwischen der lokalen und der globalen Orientierung, einer Orientierung, die zentrifugal auf das eigene Land gerichtet ist und einer, die von der Mitte weg nach Europa zielt. Es betrifft also den Streit um die nationalen Interessen.

Nur: Sind das die Interessen einer Gesellschaft, die sich auf ein gemeinsames Blut und eine gemeinsame Sprache begründet und berauscht ist vom Wein des Nationalismus, oder sind das die Interessen loyaler Bürger, die bereit sind, sich an der Verwaltung des Gemeinguts zu beteiligen, das durch das Gefühl des Patriotismus gefestigt ist?

Besteht die Nation nur aus denen, die tschechische, mährische oder schlesische Mütter haben, oder steht sie allen offen, die die Verfassung und Gesetze in unserem Land achten?

Sind unsere nationalen Interessen überwiegend auf Abwehr ausgerichtet, oder beziehen sie auch unsere Nachbarn, Europa und die Welt mit ein?

Werden wir künftig immer noch voller Großmannssucht jegliche hier und da sichtbare, bescheidene Solidarität mit denen, die irgendwo anders als bei uns zu Hause leiden, verlachen?

Nachdenken über Europa

Der Streit über den Begriff der Nation war bei uns stets verknüpft mit dem Streit zwischen einer auf uns selbst gerichteten Abschottungspolitik und einer offenen Politik, die solidarisch auf die uns umgebende Welt ausgerichtet ist. Die Erste Tschechoslowakische Republik wäre nicht entstanden - wenigstens nicht in dieser Gestalt, wie wir sie als einen der Höhepunkte unserer Geschichte ansehen - ohne Ma-saryks Bemühen, das damals Europa, Russland und Amerika umspannte. Damit Masaryk am 21. Dezember 1918 als Staatsoberhaupt nach Prag zurückkehren konnte, musste er buchstäblich den ganzen Erdball umkreisen.

Ebenso, nach einer Weltumschiffung, kehrten unsere Legionäre aus dem Osten zurück, die durch die Besetzung der transsibirischen Eisenbahn Masaryks Verhandlungsposition massiv gestärkt hatten. Das politische Exil und die Legionen waren die Voraussetzung dafür, dass der tschechoslowakische Staat schon international anerkannt war, bevor er überhaupt faktisch entstanden war.

Tomas Garrigue Masaryk schreibt im Exil sein Buch "Das neue Europa", über die Zukunft Europas denkt seinerzeit auch Edvard Benes nach. Ein Weltenbürger war ebenso Milan Rastislav Stefanik, ein glühender Slowake und Tschechoslowake.

Alle drei denken und handeln großzügig in europäischen und globalen Koordinaten. Der Staat, der nur dank des Engagements von Menschen in der ganzen Welt entstand, war demnach auch großzügig konzipiert. Auch wenn in der Praxis dessen spätere Nationalitätenpolitik schon längst nicht mehr so großzügig gehandhabt wurde, sondern sogar zeitweise peinlich kleinkariert war.

Und so war die Tschechoslowakei noch im Jahre 1938 der Staat mit dem prozentual größten Anteil an Mitbürgern anderer Völker oder Nationen in Europa - ein Drittel der Staatsbürger waren keine Tschechoslowaken. Dabei waren die Tschechoslowaken ja zu allem auch noch Tschechen und Slowaken, also Angehörige zweier Nationen, nicht nur einer einzigen.

Mut zur Wahrheit

Bis Mitte der dreißiger Jahre waren wir - trotz aller Missverständnisse, Spannungen und manchen Unrechts - wie ein geopolitischer Bolzen des zerbrechlichen Mitteleuropas (jemand sagte damals eine "lange Klammer", die den Osten und den Westen dieses zerspringenden Stückes Mitteleuropas zusammen hält). Ende der dreißiger Jahre war unser Land Zufluchtsort für deutsche und österreichische Emigranten, die vor Hitler flüchten mussten. Damals hat die Kleinstadt Prosec als Geste der Solidarität wie selbstverständlich den berühmten Schriftstellern, den Brüdern Thomas und Heinrich Mann, die hiesige Staatsbürgerschaft angeboten.

Dagegen kann man den wohl größten Verfall des tschechischen Denkens, der tschechischen Publizistik und Kultur sowie der tschechischen öffentlichen Moral in der Zeit der so genannten zweiten Republik verzeichnen, als wir nach dem Münchner Abkommen durch den Verrat der westlichen Demokratien so eingeschnürt waren, dass in den Grenzen des "Staates" nur noch das ethnisch reine einheimische Element verblieb. Es fanden sich Intellektuelle, die darin einen Vorteil sahen -"endlich allein"!

Strebsame Landsleute begannen bereits, bevor der Reichsprotektor kam, Juden zunächst aus den Kaffeehäusern, dann aus den Straßenbahnen zu verjagen, bis sie schließlich nur noch die Viehwagen für die Fahrt in die Gaskammern erwarteten. Damit die Reinheit des tschechischen Volkes noch reiner wurde, richtete die tschechische Regierung - noch vor dem 15. März 1939! - Lager in Lety und Hodonin bei Kunstat ein, die später Durchgangsstationen nach Auschwitz wurden, diesmal für Roma.

Unsere Ehre verteidigten allerdings unsere Flieger im Kampf um England, unsere Soldaten in Nordafrika, an der Ostfront und in Vorderasien. Wie könnte man die mutigen Männer vergessen, die in mondlosen Nächten an Fallschirmen über der Heimat absprangen: diejenigen, die dann die Handgranate auf Heydrich schleuderten!

Der Streit zwischen der weltoffenen Orientierung und der kleinlichen, nach innen gerichteten Abschottung brach nach 1989 wieder auf. Auch dieser Anfang sah recht vielversprechend aus. Dann jedoch zerfiel die Föderation, und unser Zusammenleben mit den Roma offenbarte sich immer mehr als Konflikt. Zur Nachkriegsvergangenheit wollten wir nicht zurückkehren, vor allem nicht zur Vertreibung auch der unschuldigen Deutschen - anstelle einer strengst möglichen Bestrafung der Schuldigen!

Heute leben weder Slowaken, noch Ungarn in einem Staat mit uns zusammen, und die Roma flüchten aus unserem Land. So sind wir inzwischen einer der ethnisch reinsten Staaten Europas, angeblich gleich hinter Island.

Vielen Menschen ist Havels Weltberühmtheit ein Dorn im Auge, sie verstehen sie nicht und halten die Debatten von weltbekannten Intellektuellen und Geistlichen, die seiner Einladung zum Forum 2000 nach Prag folgen, für herausgeworfenes Geld.

Nicht immer können wir Einfluss nehmen auf den Lauf der Welt. Aber immer müssen wir versuchen, ihn zu verstehen und uns der Stereotypen zu entledigen. Schon über 80 Jahre stehen wir vor der Wahl: Entweder wir begeben uns mit Masaryk und Havel auf den Weg in die Welt hinaus, oder wir klammern uns an eine kleinkarierte Sicherheit und belehren die Welt aus den Niederungen unserer Kleinkrämerei heraus. (ykk)

Der Autor war tschechischer Premier von 1990 bis 1992, gegenwärtig ist er Präsident des Tschechischen Senats.

  • Datum 31.01.2002
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