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Amerika

Zwischen Versöhnung und Verzweiflung

Die kolumbianische Menschenrechtlerin Yanette Bautista hilft Angehörigen von vermissten Opfern des bewaffneten Konfliktes in ihrem Heimatland. Dafür hat sie Morddrohungen erhalten.

Viel Platz gibt es nicht in den Büros der Stiftung "Nydia-Erika-Bautista" in der kolumbianischen Hauptstadt Bogota. Hier im dritten Stock stapeln sich die Ordner und Briefe. Jeder Winkel der engen Räumlichkeiten wird für einen Arbeitsplatz genutzt. Menschenrechtsarbeit in Kolumbien hat vor allem viel mit Idealismus zu tun. Yanette Bautista setzt sich seit mehr als 25 Jahren für die Rechte von Angehörigen verschwundener und vermisster Menschen ein. "Opfer helfen Opfern. Es geht vor allem um juristischen Beistand", sagt Bautista. Die zierliche Frau spricht mit ruhiger und bedachter Stimme: "Es ist die Suche nach der Wahrheit, die mich antreibt."

Doch nun braucht die Kolumbianerin wieder einmal jede Menge Mut, um ihr Engagement für die Opfer des bewaffneten Konfliktes fortzusetzen. Sie holt einen Aktenordner hervor, in dem die jüngste Morddrohung abgeheftet ist. Absender ist die paramilitärische Gruppe "Aguilas Negras", die sie als Guerillakämpferin bezeichnet und mit ihrer Ermordung droht. Die Nachricht kam per E-Mail. "Ich habe nie in meinem Leben eine Waffe in der Hand gehabt, nie einer illegalen Gruppe angehört", sagt Bautista im Gespräch mit der Deutschen Welle. Doch seit Ex-Präsident Alvaro Uribe sie bei einer Parlamentsdebatte über Paramilitarismus vor einigen Wochen als Kämpferin der Guerillaorganisation ELN brandmarkte, ist die Situation dramatischer geworden. "Er berief sich dabei auf Zeugenaussagen, ohne aber seine Quellen zu benennen", sagt Bautista entrüstet.

Suche nach Wahrheit ist gefährlich

Kolumbien Menschenrechte Menschenrechtsaktivistin Yanette Bautista

Bautista ist Trägerin des deutsch-französischen Menschenrechtspreises

Bautista glaubt, die Gründe für die gefährlichen Anschuldigungen zu kennen. Sie nahm im August als eines von insgesamt zwölf Opfern in der ersten Opferdelegation an den Friedensgesprächen der linksgerichteten Guerilla-Organisation FARC und der kolumbianischen Regierung in der kubanischen Hauptstadt Havanna teil. "Sie sollten einen Querschnitt der Menschenrechtsverletzungen des bewaffneten Konfliktes darstellen", erklärt Bautista die Auswahl. Die Vereinten Nationen, die Universität Nacional und kolumbianische Bischofskonferenz suchten die Opfer aus. Sie sehen in Bautista keine Guerillakämpferin. Auch die deutsche und die französische Botschaft haben ein anderes Bild von Bautista als Uribe und verliehen ihr vor zwei Jahren den deutsch-französischen Menschenrechtspreis Antonio Narino.

In Havanna berichtete sie über den Mord an ihrer Schwester, die der linksgerichteten Guerilla-Organisation "M19" angehörte. Für die Tat macht sie die Armee und Paramilitärs im Rahmen einer Militärgeheimdienstaktion verantwortlich. "Meine Schwester ist verschleppt, sexuell missbraucht und ermordet worden, weil sie sich für eine andere Politik begeisterte", sagt Bautista. Vor ein paar Wochen beantragte sie die Wiederaufnahme der Ermittlungen gegen rund ein Dutzend Militärangehörige, die sie mit dem Mord an ihrer Schwester in Verbindung bringt. Sie wirft Uribe vor, an Menschenrechtsverletzungen beteiligte Militärs vor Strafverfolgung schützen zu wollen. "Der Ex-Präsident will zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen", glaubt Bautista. "Er will jene Opfer, die in Havanna aussagen in Misskredit bringen und sie zugleich einschüchtern."

Friedensgespräche Kolumbien in Havanna Kuba 02.10.2014

"Der Schmerz vereint"

"Der Frieden ist jede Anstrengung wert"

Die Frage, ob sie auch irgendwann einmal Ex-Präsident Uribe vergeben könne, den sie als Vertreter des Staates für die Menschenrechtsverbrechen von Armee und Paramilitärs mitverantwortlich macht, lässt sie einen Moment stutzen. "Dazu müsste er sich erst einmal entschuldigen und zu den Taten bekennen". Der Schlüssel für eine Versöhnung liege ihrer Meinung nach ohnehin bei den vielen tausend Opfern. Und bei den Kolumbianerinnen. "Sie können viel zu einer Versöhnung beitragen, denn sie sind häufig die Opfer, die am meisten leiden. Durch Vertreibung, sexuelle Gewalt und den Verlust von Kindern." In Havanna sei es zu einer besonders bewegenden Szene gekommen. Sowohl die Opfer der Guerilla als auch die der Paramilitärs hätten gemeinsam geweint, als sie von dem Schicksal der jeweils anderen erfuhren. Danach hätten sie sich zusammengeschlossen. "Der Schmerz vereint", sagt Bautista. "Und der Frieden ist jede Anstrengung wert."