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Fokus Osteuropa

Zwischen Verdrängung und Fatalismus

Auch 25 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl ist ein Teil der Provinz Mogiljow im Südosten von Belarus radioaktiv verseucht. Für viele Bewohner am Rande der Sperrzone hat die Strahlung ihren Schrecken verloren.

Ein Grabstein, wo einst Dörfer standen (Foto: DW)

Ein Grabstein, wo einst Dörfer waren

Im Zentrum von Tscherikow steht ein Denkmal für die Dörfer, die nach dem Super-GAU von Tschernobyl dem Erdboden gleich gemacht wurden. Auf 25 Gedenktafeln ist zu lesen, wann die Dörfer abgetragen und wie viele Einwohner umgesiedelt wurden.

Ganz in der Nähe des Denkmals ist das Haus von Wasilij. Er ist Rentner. Ein Vierteljahrhundert nach der Katastrophe von Tschernobyl kommt er zu einer erstaunlichen These: "Im Dorf Uschaki lebt ein alter Mann - bis zum heutigen Tag. Im Dorf Malinowka lebt eine Familie - bis zum heutigen Tag. Aber diejenigen, die die Gegend verlassen haben, die leben nicht mehr", sagt Wasilij. Seiner Meinung nach liegt das daran, dass man versucht hat, die Menschen wie einen Baum zu verpflanzen, doch sie haben im neuen Ort keine Wurzeln schlagen können.

Die Messgeräte schlagen auch heute aus

Der Urkainer Wassilij in in seinem Dorf Tscherikow (Foto: DW)

Wassilij empfiehlt zu bleiben

Uschaki und Malinowka, von denen Wassilij spricht, sind Dörfer, an denen die Messgeräte auch heute ausschlagen. Doch die Alten, die hier geblieben sind, leben immer noch. Viele, die an saubere Orte umgezogen sind, haben angeblich nicht einmal ihr 55. Lebensjahr erreicht – sie haben den Stress nicht ausgehalten, erzählt man sich.

Nachbarin Jewgenija vertritt mit voller Überzeugung die gleiche Ansicht wie Wasilij: "Wir Alten haben nichts zu befürchten. Ich mache mir nur Sorgen um die Jungen und die Kinder. Wo sollen wir denn hin? Was ist, wenn wir in eine saubere Gegend fahren, so wie die anderen, die weggezogen sind. Die sind schon gestorben – an sauberen Orten!" Deshalb soll man bleiben, wo man ist, lautet Jewgenijas Empfehlung.

Wer von den Älteren die Möglichkeit hat, der schickt seine Kinder in eine andere Gegend. Trotzdem macht die Stadt Tscherikow einen jungen Eindruck, sie scheint Perspektiven zu bieten. Die Studentin Oxana etwa fährt jedes Wochenende aus der Stadt Mogiljow ins verstrahlte Tscherikow. Die erhöhte Hintergrundstrahlung schreckt sie nicht ab. Sie glaubt, die Radioaktivität habe sich sowieso schon viel weiter ausgebreitet. Den Beteuerungen der Behörden, dass sich die Strahlung nicht bis Mogiljow ausgebreitet habe, glaubt sie nicht. "Ich bin am Leben, 1987 geboren - wohin sollte ich gehen? Wir gehen hier sogar in den Wald und essen alles, was es dort gibt."

Kaum jemand will sich erinnern

Semjon Ponisowzew hält ein Messgerät in der Hand (Foto: DW)

Semjon Ponisowzew will die Wahrheit wissen

In der Region wurden 90 Dörfer abgerissen, 141 Orte wurden evakuiert, mehr als 21.000 Menschen umgesiedelt. Heute leben immer noch mehr als 100.000 Menschen in den verstrahlten Gebieten. An das, was 1986 geschehen ist, denken nur wenige zurück. Einer von ihnen ist Semjon Ponisowzew. Mitte der 1990er Jahre war er Delegierter im Bezirksrat. Er hält sich auf dem Laufenden, damit die Geschehnisse auch im Gedächtnis der nachfolgenden Generationen bleiben. Vom Staat ist er enttäuscht, weil dessen Gedächtnis nur für zehn Jahre gereicht hat.

Früher habe es Vergünstigungen gegeben, erzählt er. Die bestanden in der monatlichen Zuteilung von zwei Kilo Buchweizen, einer Flasche Wodka und einer Dose geschmortes Schweinefleisch. "Es hieß, dass man sich gut ernähren muss, um das Immunsystem zu kräftigen", sagt Semjon mit Bitterkeit. Jetzt kriegen die Leute überhaupt keine Vergünstigungen mehr. "Messungen? Ja, Messungen, die gibt es. Aber Messungen kann man drehen und wenden, je nachdem, was man zeigen will." Die Messungen hatten zwar belegt, dass Tscherikow radioaktiv belastet sei. Aber man habe zeigen wollen, dass Tscherikow sauber sei - also sei das auch das Ergebnis gewesen, sagt Semjon Ponisowzew. "Neuerdings verkündet Präsident Lukaschenko sogar, dass die Gegend gar nicht verstrahlt ist."

Die Grenze zwischen verstrahlt und nicht verstrahlt

Schild der Stadt Tscherikow (Foto: DW)

Hier verläuft die Grenze zwischen verstrahlter und nicht verstrahlter Gegend

Die Einwohner zeigen mit einem sarkastischen Lächeln Richtung Sperrzone. Sie ist fein säuberlich abgegrenzt: hier sauber, dort verstrahlt. Dort – das ist das gegenüberliegende Ufer des Flusses Sosch am Stadtrand von Tscherikow: Der Beginn der 25 Kilometer langen Sperrzone geht über eine einsame Landstraße hin zur nächsten Bezirksstadt Kostjukowitschi. Hier gelten besonders strenge Regeln. Unbefugte haben keinen Zutritt.

Unmittelbar vor der Sperrzone steht das Dorf Gronow, der letzte Ort, der offiziell bewohnt werden darf. Die Männer von Gronow diskutieren über die radioaktive Strahlung. "Es gab auch Strahlung, aber mit der Zeit ist sie weniger geworden. An manchen Stellen gibt es mehr, an anderen Stellen weniger – je nachdem. In den ersten Jahren war es beängstigend, jetzt nicht mehr." Fünf Kilometer entfernt sei ein Dorf geräumt worden. Es wurde zugeschüttet und dem Erdboden gleich gemacht. Die Rede ist von dem Dorf Weprin.

Was von Weprin übrig blieb

Walentina Kurilina (Foto: DW)

Walentina Kurilina hat ihre Lieben alle verloren

Geblieben sind ein Gedenkstein, ein Friedhof und Warnschilder vor der Radioaktivität. Aber die Leute aus der Gegend geben zu, dass sie im Herbst in die Gärten von Weprin gehen, um Äpfel zu pflücken. Eine depressive Stimmung herrscht hier nicht: Zwei mächtige Sägewerke in Gronow sorgen für Arbeitsplätze. Es gibt ein Geschäft und bald sollen Gasleitungen verlegt werden.

Einzig Walentina Kurilina, die seit langem in Gronow wohnt, erzählt traurig von den letzten 25 Jahren. "Mein Großvater ist gestorben, mein Bruder ist jung gestorben. Und jetzt lebe ich hier allein." Niemand bezahle eine Kompensation für die Folgen der Strahlung. Viele seien krank geworden. "Aber niemand bezahlt uns - niemand, nichts", erzählt Valentina traurig.

Früher gab es an der Einfahrt zur Sperrzone einen Kontrollpunkt der Miliz. Doch als man vor zehn Jahren das letzte Dorf zugeschüttet hat, wurde er abgebaut. Zur Überwachung gibt es nunmehr Autopatrouillen. Und über die einstigen Dörfer wächst nun junger Wald.

Autoren: Alexander Burakow / Birgit Görtz
Redaktion: Helle Jeppesen

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