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Kultur

Zwischen Turbokapitalismus und Parteizensur

China ist Gastland der Frankfurter Buchmesse, die vom 14.-18. Oktober ihre Tore öffnet. Zum ersten Mal präsentiert das Land seine Kultur auf einer internationalen Bühne.

Tasche mit Logo der Frankfurter Buchmesse (Foto: Frankfurter Buchmesse)

Die Frankfurter Buchmesse ruft!

Chinesische Tradition gemischt mit westlicher Moderne, so will der Künstler und Designer Li Jiwei sein Land auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren. "Wir werden weitergehen. Das ist wichtig. Wurzel bleibt Gut", fasst er sein Konzept zusammen. Es handelt sich um einen Spagat zwischen hypermoderner Dynamik und Rückbesinnung auf die Werte des Konfuzius. Für diese Selbstdarstellung bietet die Frankfurter Buchmesse dem bevölkerungsreichsten Land der Welt erstmals eine große Bühne.

Prestige-Programm aller Sparten

Der Direktor der Frankfurter Buchmesse, Jürgen Boos (2.v.l.), posiert im Literaturhaus in Frankfurt mit dem Künstler und Designer der Ehrengastausstellung, Li Jiwei (l), der chinesischen Schriftstellerin Chi Zijian und dem Direktor des chinesischen Ehrengast-Komitees, Zhang Fuhai (Foto: dpa)

Li Jiwei neben Messe-Direktor Jürgen Boos und chinesischen Autoren

Mit großem Aufwand wird China in Frankfurt auftreten. Über 400 Veranstaltungen soll es während der Buchmesse geben: Von der Lesung eines Romans über die Minderheit der Ewenken bis hin zum Auftritt des Starpianisten Lang Lang beim Galakonzert in der Alten Oper. Für das Eröffnungskonzert wurde eigens eine "Büchersinfonie" in Auftrag gegeben. Besonders viel Aufmerksamkeit dürfte die Ehrengasthalle auf sich ziehen. Designer Li Jiwei hat sie entworfen, aufgrund von vier Elementen der chinesischen Kultur: Papier, Wasser, Schriftzeichen und dem Buch. "Ich versuche die chinesische Gedankenwelt, die Tiefe der chinesischen Kultur mit der europäischen Logik und Qualität zusammenzubauen. Und ich will weiter aus der chinesischen Kultur rausgehen.“

Lesen ist ein langer Fluss

Eine riesige Papierrolle soll die Silhouette eines imaginären Bücherbergs vorstellen. Im Zentrum ist eine Wasserfläche, auf der Schriftzeichen projiziert werden. Das uralte und das ultradynamische China sollen zu einem "Langen Fluss des Lesens" verknüpft werden. Li Jiwei verkörpert dabei das neue und progressive Künstlermilieu Chinas. "Wenn jemand immer nur Ja sagt und keine kritischen Fragen stellt, das finde ich langweilig", sagt er. Von dieser Offenheit und Kritikfreudigkeit des Künstlers ist beim Organisationskomitee allerdings wenig zu spüren.

Restriktiver Blick auf die Kulturszene Chinas

Der chinesische Autor Yu Hua (Foto: dpa)

Yu Hua zählt zu den bekanntesten Schriftstellern Chinas

Auf die Frage, ob auch die Pekinger "Künstlerszene 798" in Frankfurt vertreten sein wird, antwortete der Komiteechef Zhang Fuhai: "Die stehen nicht auf meiner Liste". Zhang verkündet, dass es um die Menschenrechte gar nicht so schlecht stehe in China. Und er verweist mit einem Bild auf den Unterschied der Kulturen: In Deutschland schlafe er immer so schlecht, weil die Kopfkissen so weich sind. In China seien die Kopfkissen und auch gewisse Gepflogenheiten härter. Stolz verweist Zhang Fuhai darauf, dass bei einem von ihm veranstalteten Symposium auch Wirtschaftsnobelpreisträger ihre Meinung sagen werden.

Parteiideologie statt literarischer Freiheit

Den eigenen und einzigen chinesischen Literaturnobelpreisträger Gao Xingjian lädt er jedoch nicht ein. Der lebe ja im Ausland, in Paris, und habe keine chinesische Staatsbürgerschaft, genauso wenig wie der Dichter Bei Dao. Viele Exilchinesen, die sich in Deutschland bereits einen Namen gemacht haben, können nur nach Frankfurt kommen, wenn deutsche Verlage sie einladen. Und die offiziellen Autoren mit chinesischem Pass weichen politischen Fragen aus, wie die Romanautorin Chi Zijian. „Es sollte eine Literaturdiskussion sein. Literatur ist die Ewigkeit. Ich erinnere mich, dass Goethe einmal gesagt hat, das Literaturniveau entscheide über das Niveau einer Nation. Ich glaube, das passt auch zu unserer heutigen Situation.“

Aufbruch trotz Zensur

In Frankfurt soll deshalb nur über "hohe" Literatur diskutiert werden. Dennoch: Der Literaturbetrieb in China ist in Bewegung. Es gibt in Peking eine kritische literarische Öffentlichkeit, etwa in großen privaten Buchhandlungen. Und, so wurde es am Tag der Pressekonferenz in Frankfurt bekannt gegeben: In China müssen private Verlage sich nicht mehr den staatlichen unterordnen. Sie dürfen erstmals unter eigenem Label veröffentlichen. Das lässt hoffen.

Autor: Ruthard Stäblein

Redaktion: Sabine Oelze