1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Zwischen Tram und Trakl

Die Buchmesse in Leipzig ist immer auch ein Ort der Überraschungen. Vor allem beim Lesefest "Leipzig liest" bieten sich literarische Entdeckungsreisen in Hülle und Fülle – nicht selten an ungewöhnlichen Orten.

default

Bücher bewegen Menschen

Mittwochabend im "Telegraph" in der Leipziger Innenstadt. Das Kellergewölbe des Cafés füllt sich allmählich. Junges Publikum und ältere Leser, erkennbare Messegäste und nervöse Veranstalter. Auf der Bühne sitzt Martin Beyer. Er stellt sein neues Buch vor, es ist erst am Vortag erschienen. "Alle Wasser laufen ins Meer", so der poetische Titel, mit dem der Autor ins Wien des frühen 20. Jahrhunderts entführt. Es geht um die verzwickt-verzweifelte Beziehung des Dichters Georg Trakl zu seiner Schwester Margarethe. Beyer hat den höchst realen Stoff in Romanform gegossen.

Lesen und lauschen

Buchmesse in Leipzig

Lies' mal wer da spricht

Der Autor liest eine knappe Viertelstunde das Kapitel "Leutnant Alexander". Es war das erste, das er an den Verlag geschickt hat. Der Applaus am Ende ist herzlich. In den kommenden Tagen wird Beyer selbst oft als Zuhörer im Publikum sitzen. "Ich kenne kein größeres Literaturfestival, wo man so viele Autoren hören kann", so der Bamberger, "und ich habe mir jetzt auch zwei Tage genommen, um genau das zu tun: mir Lesungen anzuhören." Leipzig ist keine Routine für den Schriftsteller und Literaturwissenschaftler. Er genießt die Zeit in der Stadt, um Bücher und Kollegen kennen zu lernen – und zuzuhören: "Leipzig ist gemütlich, ist zum Verweilen. Ich finde, man hat hier nicht das Gefühl, dass das große Geschäft gemacht wird. In Frankfurt etwa fühlt man sich immer etwas unter Druck gesetzt, wenn man durch die Hallen läuft und denkt sich, dass jetzt gerade Millionen umgesetzt werden."

Papier für neue Texte

Tangogeschichten

Autorin Katrin Dorn: Durch ihre Initiative wurde 1993 die Literaturzeitschrift "eDIT -Papier für neue Texte" gegründet

Junge Literatur, wie die von Martin Beyer, wird an diesem Abend im Café "Telegraph" von der Literaturzeitschrift EDIT vorgestellt. EDIT – das ist "Papier für neue Texte", wie sich die Zeitschrift selbst im Untertitel nennt. Dreimal im Jahr erscheint die Publikation mit dem Neuesten aus Prosa, Lyrik und Essayistik. "Wenn es die Leipziger Buchmesse öfter im Jahr gäbe, wären wir total überfordert", so Almut Ulrike Sandig, EDIT-Redakteurin. Sie seien Monate im Voraus damit beschäftigt, alles zu organisieren und Autoren anzufragen, führt Ulrike Sandig fort. "Unser Ansatz ist es ja gerade, das Publikum mit neuen Autoren zusammenzubringen - und da ist Leipzig ideal für."

EDIT kommt auch aus der Buchstadt Leipzig, die nach dem Wegzug des Brockhausverlages allerdings um eine verlegerische Attraktion ärmer geworden ist. Doch das scheint rund um die Buchmesse vergessen. In Leipzig feiert man dieser Tage Verlage und Autoren – zur Not auch in der Straßenbahn.

Achtung, Hexengeschichten!

Hexensabbat in Waldkirch

Hexen machen Geschichten

"Herzlich willkommen in der Literaturstraßenbahn!" Michael Örtel hält sich an einer Haltestange über seinem Kopf fest, in der anderen Hand das Mikrofon. "Wir werden uns jetzt schon mal ein bisschen warm lesen, bevor noch mehr Gäste zusteigen." Die Straßenbahn legt sich in die erste Kurve, und Laura Maria Plecher, 12 Jahre, liest die erste Geschichte. "Eine Hexe fällt vom Himmel" heißt sie und erzählt von der Hexe Traxalia, die nicht mehr zur Schule will. Warum auch, hexen kann sie ja.

Laura Maria Plechers Geschichte steht im Buch "Knetgeschichten" des Vereins Mehrweg e. V., der in Leipzigs erste Literaturstraßenbahn eingeladen hat. Michael Örtel, Vereinsvorsitzender, sitzt zwischen den Kindern und Medienvertretern und lauscht den jungen Autoren. Mehrweg e. V. bietet seit 2003 integrative Kinderbuchworkshops an, in denen Kinder ihre Phantasien und Vorstellungen in Bücher verwandeln können. "Zuallererst geht es uns darum, Kinder mit und ohne Behinderung vom Lesen und Schreiben zu begeistern", so Örtel. "Und natürlich hoffen wir auch, dass das eine oder andere Kind sich weiterentwickelt und vielleicht einmal als junger Leipziger Literat Furore macht." Bis dahin wird die Leipziger Straßenbahn noch einige Male um den Ring fahren. Vielleicht aber hat die ein oder andere Hexe tatsächlich das Zeug zum Kinderbuch. Es muss ja nicht gleich Harry Potter sein.