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Europa

Zwischen Scharia und russischem Recht

In einigen Regionen Russlands richten Muslime ihr Leben nach dem islamischen Recht aus und berufen sich auf die Scharia. Ihre Regeln stehen oft im Widerspruch zur Gesetzgebung der Russischen Föderation.

Moschee in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny (Foto: ITAR-TASS / Rasul Yarichev)

Moschee in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny

Stark eingeschränkte Rechte von Frauen, Polygamie und Eheschließungen mit Minderjährigen, sogenannte "Ehrenmorde" und Blutrache - das sind nur einige Beispiele für Verstöße gegen die russische Gesetzgebung in einigen mehrheitlich muslimischen Regionen der Russischen Föderation. Vertreter der dortigen Machteliten dulden solche Verstöße gegen das russische Recht oft mit der Begründung, islamische Traditionen müssten respektiert werden.

"An der Wolga, wie in Tatarstan und Baschkortostan, gehört die Scharia längst der Vergangenheit an, aber im Nordkaukasus wird sie tatsächlich angewandt", sagt Ahmet Jarlykapow vom Moskauer Institut für Internationale Beziehungen. So gebe es in Dagestan in Bergregionen Scharia-Gerichte, deren Richter von den lokalen Gemeinden gewählt würden. Über deren Arbeit wache ein Rat muslimischer Gelehrter. "In der Regel beschränken sich die Gerichte auf kleinere Kriminalfälle oder Streitigkeiten zwischen Eheleuten. Oft müssen sie nach einer Scheidung das Eigentum teilen", erzählt Jarlykapow. Doch die Gerichte seien nicht sehr kompetent, weil es in diesen Regionen nur wenige gute Kenner des islamischen Rechts gebe, so der Kaukasus-Experte.

Erbschaftsfragen und Scheidungsrecht

Richterin Leila Dschabbarowa (Foto: DW)

Richterin Leila Dschabbarowa macht auf Probleme im Familienrecht aufmerksam

Oft würden die Menschen das islamische Recht einfach selbst anwenden, um untereinander Konflikte beizulegen. Doch viele Vorstellungen - zum Beispiel in Bezug auf das Familienrecht - seien sehr unterschiedlich im islamischen und im russischen Recht, sagt die Juristin Leila Dschabbarowa. Sie ist Muslima und arbeitet an einem Moskauer Gericht. "In Russland bleibt nach einer Scheidung ein Kind meist bei seiner Mutter. Aber nach islamischem Recht kann es nur so lange bei ihr bleiben, bis sie wieder heiratet. Ein Stiefvater gilt als fremder Mann, deshalb darf ein Mädchen nicht mit ihm im selben Haus leben", erläutert die Juristin.

Widersprüche gebe es auch bei Erbschaften. Nach russischem Recht könne ein Testament hinterlassen werden. Die Scharia sehe das aber nicht vor. "Wenn es in einer Familie Söhne gibt, erhalten sie den größten Teil des Nachlasses. Mädchen bekommen einen sehr geringen Anteil", so Dschabbarowa.

Unterschiedliche Sicht auf Polygamie

Im Widerspruch zu den russischen Gesetzen steht auch die Polygamie, die nach der Scharia nicht verboten ist. Ahmet Jarlykapow betont, dass unter den russischen Muslimen die Vielehe aber viel seltener vorkomme als angenommen. "Das Ausmaß ist stark übertrieben. Nur in Inguschetien ist sie tatsächlich weit verbreitet. Aber auch dort sind es nicht mehr als sieben Prozent der Ehen, die von den russischen Behörden nicht anerkannt werden. In Dagestan ist der Anteil solcher Ehen noch geringer", so der Experte.

Dem russischen Religionswissenschaftler Roman Silantjew zufolge wird die Vielehe meist in ganz bestimmten Situationen eingegangen: "Wenn beispielsweise eine Frau ihren Ehemann verliert, kann ein anderer Mann sie zu seiner zweiten Frau machen: damit sie nicht mit ihren Problemen allein da steht. Ich persönlich habe für solche Fälle Verständnis", betont Silantjew.

Leila Dschabbarowa fügt hinzu, dass ein Mann nur mit Zustimmung seiner ersten Frau eine zweite ehelichen darf. "Wenn eine Frau gläubig ist, stimmt sie in der Regel zu. Natürlich will sie ihren Ehemann nicht mit jemand anderem teilen, aber die Liebe zu Gott ist stärker", so Dschabbarowa. Ihr zufolge ist die wichtigste Voraussetzung für eine solche Ehe, dass beide Frauen absolut gleichgestellt sind.

Lage in Tschetschenien am schwierigsten

Die russische Menschenrechtlerin Jelena Burtina (Foto: DW)

Die Menschenrechtlerin Jelena Burtina hilft Frauen, denen ein "Ehrenmord" droht

Deutlich größer als in anderen mehrheitlich muslimischen Regionen der Russischen Föderation sind die Probleme mit der Anwendung des islamischen Rechts in Tschetschenien. "Die schwersten Verletzungen russischer Gesetze stellen die Unterdrückung von Frauen und Fälle von Blutrache dar", berichtet Jelena Burtina von der russischen Hilfsorganisation für Flüchtlinge "Zivile Unterstützung". Sie berichtet, dass sich oft tschetschenische Frauen, die aus ihrer Heimat geflohen sind, an sie wenden. Ihnen drohe dort ein "Ehrenmord", wenn Familienangehörige ihnen Verfehlungen vorwerfen. "In Tschetschenien werden Blutrache und Ehrenmord nicht geahndet. Erst vor Kurzem wurde zum ersten Mal ein Mann zur Verantwortung gezogen, der seine Tochter getötet hatte", erklärt die Menschenrechtsaktivistin.

Ihr zufolge ist der Kreml zu nachgiebig gegenüber der tschetschenischen Führung. Sie glaubt, dass Präsident Ramsan Kadyrow und sein Umfeld die islamischen Traditionen nur für die eigenen Ziele ausnutzen, um ihre Macht zu festigen und Übergriffe zu vertuschen. "Sie deuten Traditionen auf eigene Art und lehnen nur solche ab, die für sie nicht vor Vorteil sind", so Burtina.

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