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Politik

Zwischen Resignation und Optimismus: Serben zehn Jahre nach den NATO-Luftangriffen

Knapp 250.000 Serben und andere Minderheiten flohen nach dem Kriegsende am 10. Juni 1999 aus dem Kosovo. Viele kamen bis heute nicht zurück in die alte Heimat. Wie blicken sie auf die NATO-Angriffe zurück?

Eine Brücke im Kosovo ist mit albanischen Nationalflaggen dekoriert, ein Jahr nach der Unabhängigkeitserklärung am 16.2.2009 (Foto: AP)

Nach der Unbhängigkeit des Kosovo glauben viele serbische Flüchtlinge nicht mehr an eine Rückkehr in die alte Heimat

Die stämmige Bäuerin Dusanka Banjac führt durch ein ehemaliges Sanatorium im zentralserbischen Kurort Mataruska Banja. Der Bau hat schon bessere Zeiten erlebt. Wasser tropft von den Wänden, die Decken sind einsturzgefährdet. "Sogar für das Vieh wäre es hier ungeeignet", sagt sie und weist auf die Toiletten."Wir können nur einmal die Woche duschen. Hier war das zweite WC, doch da darf man nicht mehr rein, ist zu gefährlich."

Aus dem Kosovo in die "Villen"

Roma-Flüchtlingslager in Zentralsebien (Foto: DW)

In Lagern wie diesem in Zentralserbien leben noch heute viele, die aus dem Kosovo nach Serbien geflohen sind

"Die Villen" hieß der kleine Komplex, als er in den Achtzigern noch benutzt wurde. Im Juni 1999, nach dem Ende des Kosovo-Krieges, hatten rund 200 Serben aus dem Osten der damaligen Provinz in diesen verlassenen und verwahrlosten Räumen Unterschlupf gefunden. Zehn Jahre später lebt die Hälfte dieser Flüchtlinge, alt und arbeitslos, immer noch hier. So auch Dusanka und ihr Ehemann. Sie floh mit ihren drei Kindern, als die jugoslawischen Truppen vor der NATO kapitulierten. "Unser Dorf war fast ausschließlich serbisch. Doch wir mussten fliehen, weil unsere Kinder bei Polizei und Armee waren", sagt sie. Ein Sohn wäre bei Kämpfen an der albanischen Grenze fast gestorben. Polizei und Armee hätten ihnen bei ihrem Rückzug befohlen, sofort wegzugehen, weil es sonst zu gefährlich wäre. "Also haben wir unser ganzes Hab und Gut ins alte Auto gepackt."

Die wenigen Serben aus ihrer Region, die nach dem Krieg nicht geflüchtet waren, seien wenig später von Albanern ermordet worden, erzählt Dusanka Banjac. Sie wirkt dabei gefasst, weint nicht, beklagt ihr Schicksal nicht. Die kleine Frau, sie ist über sechzig, in Wollmütze und mehreren dicken Pullovern eingepackt, resigniert vor allem ob des Desinteresses der serbischen Behörden am Schicksal der Kosovo-Flüchtlinge. Ob sie denn nicht auf die NATO und den Westen zornig sei? "Natürlich sind wir zornig. So viele Menschen sind gestorben. Und die feiern nun ihr unabhängiges Kosovo", sagt sie. Vielleicht wollten tatsächlich einige Staaten den Albanern helfen. Auch die Albaner hätten damals schließlich fliehen müssen. "Doch am Ende sind die zurückgekehrt. Und wir?"

Als Student eingezogen

Milorad hat sie damals auch gesehen, die Kolonnen der albanischen Flüchtlinge, die im Ostkosovo in Richtung albanische Grenze getrieben wurden. Er hat aber auch einen seiner Kameraden sterben sehen. Milorad Djusic war im Krieg, als Soldat der jugoslawischen Armee.

Er war 23 und Student, als die Einberufung kam. Zehn Jahre später erzählt der Ingenieur in einem Cafe auf dem zentralen Belgrader Boulevard von seinen Erlebnissen. Am 26. März kam er zu seiner Kampfeinheit, der Kriegsnotstand war schon ausgerufen. "Die Propaganda der Medien hatte auch Einfluss auf mich gehabt. Einerseits weckten sie meine patriotischen Gefühle. Andererseits hatte ich Angst vor einer Verweigerung der Wehrpflicht." Am 30. März, um Mitternacht, händigte man ihm scharfe Munition aus und seine Einheit rückte ins Kosovo vor.

Die regulären Armeeeinheiten nahmen an den Kämpfen meistens nicht Teil, sie sollten die Gebiete halten, die von serbischen Spezialkräften eingenommen wurden. In den ersten Wochen, erklärt Milorad, schaute man öfter in den Himmel, wo die NATO-Bomber kreisten. Gegen Ende des Krieges schaute man eher in den Wald, wo man die albanischen Guerillas vermutete. Die ersten im Kosovo stationierten westlichen Soldaten bekam Milorad erst nach den Bombardements, beim ausgehandelten Rückzug, zu sehen.

Kriegsspuren sind allgegenwärtig

Wie die meisten Serben denkt Milorad nicht so oft an die drei Monate im Frühling 1999, als der Jugoslawien-Krieg zu ihnen nach Hause kam. Doch die Luftangriffe der NATO sind auch nach einem Jahrzehnt bei vielen lebhaft in Erinnerung. Im Zentrum der Hauptstadt sind noch die Reste mehrerer zerstörter Regierungsgebäude zu sehen, im nordserbischem Novi Sad ragen Pfeiler einer zerstörten Brücke aus der Donau.

Dass der Westen nun die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt hat, ist für die Mehrheit der Menschen hier der Beweis, dass das Bombardement keine humanitäre Intervention war, sondern ein Krieg um Einfluss und Territorium. Trotzdem, Milorad Djusic nimmt der serbischen Regierung übel, dass sie für keine Verhandlungslösungen offen war. "Denen nehme ich übel, dass sie sich 1999 für die Anwendung roher Gewalt entschieden haben." Die Geschichte müsse man kennen, kennen, sagt er, "und doch die Entscheidungen so treffen, dass es einem heute und morgen besser geht." So könne zum Beispiel ein Beitritt zur NATO helfen, künftige Konflikte zu verhindern.

Die NATO ist keine Option

Nur ein Viertel der Serben jedoch ist für einen Beitritt des Balkanlandes in das westliche Militärbündnis. Eine EU-Mitgliedschaft dagegen befürworten mehr als 60 Prozent, weil die Europäische Union vor allem als eine auf Solidarität gegründete Wohlstandsgemeinschaft gilt. Und dass der Westen ihnen was schuldet, glauben viele Serben. Immerhin 30 Milliarden US-Dollar sollen nach Schätzungen von Experten die von der NATO angerichtete Kriegsschäden betragen.

Autor: Filip Slavkovic

Redaktion: Manfred Götzke

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