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THEMEN

Zwischen Liege und Mikrofon

Der linksextremistische Terror fand 1977 seinen Höhepunkt. Dieter Wünsch, damals Leiter des "Funkjournals" der DW, erinnert sich.

Dieter Wünsch, ehemaliger Redaktionsleiter des Funkjournals und Chef des DP - Copyright: DW

Dieter Wünsch

Wir saßen noch in der Kölner Innenstadt, in der Brüderstraße, eine Adresse, die zu unserem Pausenzeichen passte: "Es ruft der Bruder seine Brüder", aus Beethovens "Fidelio". Wir - das waren die Macher des deutschen Hörfunkprogramms der Deutschen Welle, eines Vier-Stunden-Programms, sechs Mal in Folge über Kurzwelle in sechs verschiedene Senderichtungen ausgestrahlt. Es waren Zeiten mit knisternden Weltempfängern, Frequenzansagen und anderen urtümlichen Eigenheiten. Urtümlich war unser "Funkjournal" allerdings nicht. Neben den Nachrichten war es der wichtigste Sendeplatz, wo Hörerinnen und Hörer weltweit sich über das Neueste und Aktuellste in Deutschland, Europa und der Welt informieren konnten - ein News-Magazin, das Tag und Nacht berichtete.

Tag und Nacht im Büro

Das Fahndungsfoto zeigt die ab 1970 per Haftbefehl von den deutschen Justizbehörden gesuchten Terroristen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Ronald Augustin, Jan-Carl Raspe, Klaus Jünschke, Ilse Stachowiak und Irmgard Möller. Foto: picture-alliance/dpa

Führende Köpfe der RAF auf einem Fahndungsfoto von 1970

Auch in jenem sogenannten "Deutschen Herbst" 1977. Diese Tage und Nächte, diese Wochen, sind für uns Journalisten - Reporter und Moderatoren am Mikrofon - unvergesslich geblieben. Warum sich übrigens für diese Offensive der links-radikalen Terroristen der Rote Armee Fraktion (RAF) der Begriff "Deutscher Herbst" eingeprägt hat, ist nicht so recht verständlich. Vielleicht war es die mörderische und selbstmörderische Konsequenz und Gründlichkeit, mit der die Täterinnen und Täter vorgingen, die uns zu dieser beinahe zynischen Kurzformel führte.

Wir in der "Funkjournal"-Redaktion waren besonders gefordert. Dienstpläne, von den Personalvertretungen ausgehandelt, gab es nicht mehr. Keine Schichten, keine festen Arbeitszeiten, kaum Pausen - gut, mal für einen Kaffee aus der redaktionseigenen Kaffeemaschine... Ein Kernteam der Redaktion schlief auch auf mitgebrachten Strandliegen neben Schreibtisch und Telefon. Die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer, seine dramatischen Hilferufe aus der Gefangenschaft der Terroristen, die Reaktionen der erpressten politischen Führung der Bundesrepublik Deutschland - jederzeit konnte es eine dramatische Wendung geben.

Die Ereignisse überschlagen sich

Das Archivbild zeigt den Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski (M), der nach seiner Rückkehr aus Mogadischu auf dem Köln-Bonner Flughafen von einem Journalisten befragt wird. - Foto: picture-alliance/dp

Der "Held von Mogadischu": Hans-Jürgen Wischnewski

Und in der Tat: Der Lufthansa-Jet "Landshut" wurde von einem palästinensischen Kommando gekapert, das mit den deutschen Terroristen zusammenarbeitete. Ein Irrflug begann, mit Passagieren als Geiseln, fünf Tage lang, bis in Mogadischu ein Sonderkommando des deutschen Bundesgrenzschutzes die Maschine stürmte.

Wir berichteten übrigens zunächst nicht über den Einsatz der Grenzschutzeinheit GSG 9, ebenso wenig über die diplomatischen Aktivitäten des deutschen Sonderbeauftragten Hans-Jürgen Wischnewski in diesem Zusammenhang, weil vermieden werden sollte, dass die Terroristen und ihre Helfershelfer vor Ort über die Kurzwelle vorzeitig von der Aktion erfahren könnten. Und dann, endlich, die Befreiung der Geiseln - welche Erleichterung!

Wechselbad der Gefühle

Der Bildausschnitt von der Titelseite der französischen Zeitung Liberation vom 28.09.1977 zeigt den entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer unter dem Logo der RAF (Rote Armee Fraktion) - Foto: picture-alliance/dpa

Der entführte Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer wurde von der RAF ermordet

Aber kurz darauf der Schock: Schleyers Leiche wurde gefunden, er war eiskalt ermordet worden. Am darauf folgenden Vormittag dann die Nachricht, dass die inhaftierten Topterroristen, die ja freigepresst werden sollten, sich selbst in ihren Zellen gerichtet hatten.

Keine, keinen aus der "Funkjournal"-Redaktion hat das damals, bei aller professionellen Nüchternheit, unberührt gelassen. Und, wie man sieht, den damaligen Chef des tollen Redaktionsteams berührt es bis heute, fast 36 Jahre danach.

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