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Amerika

Zwischen Legionären und Kommunisten

Erst Mexiko, dann Kuba stehen auf dem Reiseplan von Papst Benedikt XVI. In beiden Ländern erwarten viele Menschen Antworten von ihm - vor allem zu einem unangenehmen Thema, das die Weltkirche beschäftigt.

Pünktlich zur Reise von Papst Benedikt XVI. holt die mexikanische Kirche eines ihrer dunkelsten Kapitel wieder ein: sexueller Missbrauch. Der Autor José Barba hat auf 109 Seiten die Missbrauchsfälle des Gründers der konservativen Ordensgemeinschaft Legionäre Christi aufgelistet.

Das Buch ist zunächst nur in einer kleinen Auflage von 6000 Exemplaren ausschließlich in Mexiko erhältlich. Darin dokumentiert Barba, dass der Vatikan bereits seit 1953 über die Machenschaften des mittlerweile verstorbenen mexikanischen Ordensgründers Marcial Maciel Degollado (1920-2008) informiert war - aber offenbar erst viel zu spät eingriff. Im Sommer 2006 war Marcial Maciel Degollado die Ausübung des priesterlichen Dienstes untersagt worden. Ihm wurde auferlegt, ein zurückgezogenes Leben in Gebet und Buße zu führen.

Kein Treffen mit Missbrauchsopfern?

Barba zählt nach eigenen Angaben zu den ehemaligen Mitgliedern der Ordensgemeinschaft, die den Vatikan immer wieder vergeblich auf die Verdachtsfälle aus Maciels Umfeld hingewiesen hatten. Mittlerweile ist das ganze Ausmaß der Misere bekannt: Maciel, der im Vatikan einen direkten Zugang zu Papst Johannes Paul II. hatte, führte ein Doppelleben. Er hatte mehrere Kinder und junge Seminaristen missbraucht. Die Buchveröffentlichung zerrt die schlagzeilenträchtige Vergangenheit der inzwischen reformierten Legionäre Christi unmittelbar vor dem Papstbesuch zurück in die mexikanischen Medien.

Die Opfer Maciels werden allerdings keine Gelegenheit haben, mit Papst Benedikt XVI. über das Thema zu sprechen. Die Mexikanische Bischofskonferenz, so hieß es aus Rom, habe kein Treffen gewünscht. Im Gegensatz zu anderen Reisen Benedikts steht diesmal also keine Auseinandersetzung mit Missbrauchsopfern im päpstlichen Terminkalender.

Welche Mittel gegen den Drogenkrieg?

Erzbischof Carlos Aguiar Retes, Vorsitzender der Mexikanischen Bischofskonferenz (Foto: DW/Tobias Käufer) März, 2012

Erzbischof Retes, Vorsitzender der Mexikanischen Bischofskonferenz

Stattdessen soll die Gewalt des mexikanischen Drogenkrieges das beherrschende Thema des viertägigen Aufenthaltes sein. Am Freitag wird Papst Benedikt XVI. auf dem Flughafen in Leon erwartet. In der größten Stadt des zentralmexikanischen Bundesstaates Guanajuato wird er bis Montag bleiben, ehe er weiter nach Kuba reist.

In Lateinamerika gilt der deutsche Papst als intellektuell herausragend, aber kühl. Die Spitzen der mexikanischen Kirche haben deshalb Sorge, dass die Euphorie nicht an die Begeisterungsstürme während der fünf Mexiko-Reisen des Vorgängers Johannes Paul II. heranreicht. "Papst Benedikt XVI. ist kein Klon von Johannes Paul II.", sagt Erzbischof José Guadalupe Martín Rábago aus der gastgebenden Diözese Leon fast schon entschuldigend. Der Vorsitzende der Mexikanischen Bischofskonferenz, Erzbischof Carlos Aguis Retes, ist dagegen fest davon überzeugt, dass "die Liebe der Mexikaner zur Institution des Papstes ungebrochen ist".

Viel wird davon abhängen, ob Papst Benedikt XVI. die richtigen Worte findet im Zusammenhang mit dem Drogenkrieg, der vor allem im Norden des Landes tobt. Seit 2006 sind nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen dabei mehr als 50.000 Menschen ums Leben gekommen. Mexikos konservativer Präsident, Felipe Calderon, setzt mit Unterstützung der USA auf eine militärische Lösung des Konfliktes. Die mexikanische Kirche aber distanziert sich von diesem Kurs: "Solange sich die Vereinigten Staaten nicht bewusst sind, dass sie als der weltweit größte Drogenmarkt auch der größte Faktor des Problems sind, werden wir weiterhin nicht in der Lage sein, das Problem zu lösen", sagt der Erzbischof von Tlalnepantla. Als Vorsitzender des lateinamerikanischen Bischofsrates CELAM ist er zugleich das Sprachrohr der katholischen Kirche des gesamten Subkontinents.

In Gesprächen mit Präsident Calderon soll es auch um die Position der Kirche gehen bezüglich der zahlreichen illegalen lateinamerikanischen Einwanderer, die über Mexiko in die USA wollen. Der Papst werde versuchen, das Thema zurück auf eine humanitäre Ebene zu bringen, heißt es aus mexikanischen Kirchenkreisen. Höhepunkt des Aufenthaltes ist ein Freiluftgottesdienst am Sonntag vor rund 300.000 Menschen in Leon. Dann will der Papst den Mexikanern nicht nur eine Botschaft über den Drogenkrieg und die Migration mit auf den Weg geben, sondern auch über Armutsbekämpfung sprechen.

Hohe Erwartungen auf der Zuckerinsel

1998 traf Johannes-Paul II. den kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro (Foto: AP Photo/Paul Hanna, Pool)

Johannes Paul II. trifft Fidel Castro

Mit Spannung wird der zweite Teil der Papstreise erwartet. Denn: Der von der kubanischen Kirche als streng pastoral gekennzeichnete dreitägige Kuba-Aufenthalt dürfte tatsächlich deutlich politisch werden. Nach dem bislang ersten und einzigen Papstbesuch im sozialistischen Kuba im Januar 1998 durch Johannes Paul II. hat die katholische Kirche auf der Karibik-Insel zunehmend an Einfluss gewonnen. Noch auf dem Rollfeld hatte Revolutionsführer Fidel Castro dem damaligen Kirchenoberhaupt die Zusage gegeben, erstmals seit der kubanischen Revolution dem Bau eines Priesterseminars zuzustimmen. Inzwischen wurde es im Beisein von Präsident Raul Castro eingeweiht - und mehr noch: Es finden wieder Gespräche auf Augenhöhe statt. Sogar Kreuzwegprozessionen waren in den vergangenen Tagen in Havanna möglich.

Kardinal Jaime Ortega erreichte in den vergangenen beiden Jahren die Freilassung von mehr als 100 Regimekritikern, die während des sogenannten Schwarzen Frühlings 2003 verhaftet wurden. Zudem entließ die kubanische Führung - als Geste im Vorfeld des anstehenden Papstbesuches - zu Weihnachten 3000 Häftlinge in die Freiheit. Seit Raul Castro und der Erzbischof von Havanna direkt miteinander reden, wächst die Hoffnung unter den oppositionellen Gruppen des Landes, die Kirche könne eine Art Stellvertreter-Funktion übernehmen. Genau das aber geht Orlando Marquez, dem Sprecher der Hauptstadtdiözese, zu weit: "Es gibt sicher ein Risiko, denn das Fehlen von unabhängigen Institutionen oder Parteien, kann die Kirche in eine Rolle drängen, die sie gar nicht ausführen kann."

Mitglieder der Gruppe Frauen in Weiß bei ihrer wöchentlichen Demonstration in Havana/Kuba (Foto: Franklin Reyes/AP/dapd)

Seit 2003 demonstrieren die Frauen in Weiß für die Freilassung politischer Häftlinge

Ein Dilemma, das schon jetzt deutlich wird: In den vergangenen Tagen wurden Kirchen besetzt, Vertreter der Bürgerrechtsorganisation "Damas de blanco" - der "Frauen in Weiß" - trafen sich mit der Kirchenspitze. Sie fordern "eine Minute mit dem Papst": "Wenn der Papst sich mit Fidel Castro treffen kann, dann muss auch Zeit für ein Treffen mit der Opposition sein", bekräftigte die Sprecherin der "Damas de blanco" gegenüber ausländischen Journalisten. Die Frauen in Weiß demonstrieren seit 2003 jeden Sonntag friedlich für die Freilassung politischer Häftlinge.

Der Vatikan machte unterdessen deutlich, dass es wohl nicht zu einem Treffen kommen wird. Stattdessen liegt der offizielle Fokus am Montag auf einer Messe in Santiago de Cuba und einem Freiluftgottesdienst am Mittwoch auf dem Platz der Revolution in Havanna. Während das Treffen mit Fidel Castro von dessen Gesundheitszustand abhängt, ist das Gespräch mit dessen Bruder und Nachfolger Raul Castro fest eingeplant.