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Welt

Zwischen Krieg und Frieden

Kolumbien hofft auf Frieden: In Oslo haben die Friedensgespräche zwischen der linksgerichteten Farc-Guerilla und der Regierung von Präsident Santos begonnen.

Selatiel Méndez Secue träumte vom Frieden, von einem Leben ohne Guerilla, ohne Militär, ohne Waffen. Wie so viele Menschen in den Konfliktregionen Kolumbiens. Doch für Secue kommen die Friedensgespräche zwischen der Regierung und der Guerilla zu spät.

Anfang Oktober wurde Secue ermordet. Drei Kämpfer der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) erschossen den 40-Jährigen vor den Augen seiner Frau. Die beiden waren mit dem Motorrad auf der sogenannten "Straße des Todes" unterwegs. Sie führt aus den Bergen der Cauca-Region im Süden Kolumbiens, einem der Brennpunkte des Konflikts, in das Provinzzentrum Santander de Quilichao. Immer wieder wurden hier in den vergangenen Jahren Menschen getötet.

Guerillas der marxistischen Rebellenorganisation Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens (Foto: picture-alliance/dpa)

Geschwächt, aber nicht besiegt: FARC-Rebellen in Kolumbien

Secue war ein politischer Führer des indigenen Stammes der Nasa. Er setzte sich mit friedlichen Mitteln für einen Rückzug von Guerilla, Militär und paramilitärischen Gruppen aus den Gebieten der Ureinwohner ein.

Doch solche Forderungen stoßen bei den Konfliktparteien auf Ablehnung. Allein in diesem Jahr wurden in der Region 40 Vertreter der Indios ermordet - von der Guerilla oder von rechtsextremen Todesschwadronen.

Dementsprechend groß ist die Wut bei den Indios: "Von welchem Frieden sprechen Regierung und FARC, welchen Frieden verhandeln sie, wenn sie weiter schutzlose Mitglieder unserer Gemeinde massakrieren?", schreibt die Indio-Organisation CRIC auf ihrer Internetseite.

Kein Waffenstillstand

Noch ist der Frieden nur eine Hoffnung, ein Ende der Gewalt in Kolumbien nicht in Sicht. Regierung und Guerilla konnten sich bisher nicht auf einen Waffenstillstand einigen. Die Regierung befürchtet, dass die Guerilla eine Kampfpause nutzen könnte, um ihre Kräfte zu sammeln und sich neu aufzustellen.

Indigene versuchen Militärs von ihrem Gebiet zu vertreiben (Foto: AP)

Kolumbiens Ureinwohner fordern den Rückzug der Kriegsparteien aus ihrem Gebiet

Trotzdem begrüßen laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup rund 60 Prozent der Kolumbianer die Gespräche. Die Menschen sind kriegsmüde. Seit fast 50 Jahren kämpfen die marxistisch-leninistische FARC und die kleinere ELN-Guerilla gegen den kolumbianischen Staat. Hundertausende Menschen starben. Mehr als fünf Millionen mussten aus den Konfliktregionen in andere Landesteile fliehen.

Die Guerilla war ursprünglich angetreten, um für eine gerechte Verteilung des Lands zu kämpfen. Eine Forderung, die in Teilen der Bevölkerung zunächst durchaus auf Verständnis stieß. Inzwischen aber hat die Guerilla an Rückhalt verloren. Zu groß waren die Opfer, die die Bevölkerung in den vergangenen Jahren bringen musste. Jetzt hoffen die Menschen auf ein Ende des Krieges.

Unklare Perspektive

FARC-Kommandeur Timochenko (Foto: Reuters)

FARC-Kommandeur "Timochenko"

Die FARC hat in den vergangenen Jahren große Verluste erlitten. Nach Angaben des kolumbianischen Militärs hat sie heute nur noch rund 8000 Kämpfer, vor zehn Jahren waren es noch 18.000. Viele ihrer Anführer wurden getötet, die Rebellen aus Teilen des Landes vertrieben. "Sie wissen heute, dass sie den Konflikt niemals militärisch gewinnen können", sagt Leon Valencia, Direktor des Friedensforschungsinstituts Nuevo Arco Iris, "ihr Traum vom Triumph ist ausgeträumt".

Doch auch die kolumbianische Regierung hat offenbar eingesehen, dass der Konflikt militärisch nicht zu beenden ist. Alvaro Uribe, Vorgänger des heutigen Präsidenten Juan Manuel Santos, hatte Gespräche mit der FARC immer kategorisch ausgeschlossen. Santos führte Uribes Politik der militärischen Stärke fort, streckte aber gleichzeitig die Hand zu Verhandlungen aus. Angesichts der lange verhärteten Fronten zwischen den Konfliktparteien ist schon die Einigung auf Verhandlungen ein großer Erfolg.

Kolumbien Präsident Juan Manuel Santos (Foto: Reuters)

Ausgestreckte Hand: Kolumbien Präsident Juan Manuel Santos

Eine Tagesordnung von fünf Punkten und die Verhandlungsprozedur wurden bereits in den vergangenen Monaten in geheim gehaltenen Gesprächen in Havanna vereinbart. Bei den Gesprächen in Oslo gehe es nun zunächst darum, Vertrauen zu schaffen, erklärt Sabine Kurtenbach, Kolumbien-Expertin des Hamburger GIGA-Instituts. Beide Seiten hätten bei vergangenen Friedensverhandlungen "traumatische Erfahrungen" gemacht. In den 1980er Jahren waren rund 3000 Guerilleros, die nach einem Friedensabkommen die Waffen niedergelegt und eine politische Partei gegründet hatten, von Todesschwadronen ermordet worden. 1998, beim bisher letzten Verhandlungsversuch zwischen Regierung und FARC, räumte das Militär einen Teil des Landes. Die Guerilla nutzte das Gebiet als sicheren Rückzugsraum, während sie ihre Angriffe im ganzen Land verstärkte.

Komplexe Agenda

Ob die Gespräche Erfolg haben, sei im Moment nur schwer zu sagen, so Kurtenbach. Dazu gebe es zu viele Stolpersteine. Auf der Agenda stehen neben dem Weg zur Einstellung der Kampfhandlungen eine ganze Reihe weiterer wichtiger Themen, darunter die Einbindung der FARC in die politischen Strukturen des Landes und der juristische Umgang mit den Verbrechen der Guerilla. Menschenrechtsorganisationen befürchten, dass die Führer der FARC mit niedrigen Strafen oder gar straflos davon kommen könnten.

Besonders wichtig, sagt die Kolumbien-Expertin Kurtenbach, sei auch das Thema der Entwicklung des ländlichen Raums: "Es gibt dort viel Armut und Elend. Wenn die Menschen keine Perspektive haben, wandern sie in die Städte ab, gehen zur Guerilla oder bauen Drogen an - und das soll ja aufhören." Hier könnten die Verhandlungen aber allenfalls eine Entwicklungsperspektive aufzeigen.

Sollte es tatsächlich zu einem Friedensabkommen kommen, steht Kolumbien vor der schwierigen Aufgabe, Tausende von FARC-Kämpfern und Sympathisanten in die Gesellschaft zu integrieren. "Diese Leute", sagt Kurtenbach, "brauchen eine Perspektive, wie sie im zivilen Bereich überleben können." Viele haben nur das Kriegshandwerk gelernt. Ohne Perspektive könnten sie schnell wieder zu den Waffen greifen. Denn an Nachfrage nach Männern und Frauen mit Kampferfahrung mangelt es in Kolumbien nicht. Drogenbanden und rechtsextreme Todesschwadrone werden auch nach einem Friedensschluss zwischen Regierung und Guerilla weiter ihr Unwesen treiben.

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