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Politik

Zwischen Koran und Karriere

In Westeuropa leben über elf Millionen Muslime. Ihre Integrationsfähigkeit wird besonders seit dem 11. September heftig diskutiert. Gibt es den europäischen Islam oder ist Demokratie und moslemischer Glauben unvereinbar?

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Minarett im Ruhrgebiet: Symbol von Integration oder Abschottung?

Ob in Frankreich, Großbritannien oder Deutschland: Für viele Muslime in Europa war der 11. September ein tiefer Einschnitt. Sie sahen sich plötzlich pauschalen Verdächtigungen ausgesetzt. Denn die Attentäter von Washington und New York - das waren doch Muslime! Dabei sympathisierten nur wenige der zumeist eingewanderten Muslime und ihrer Nachkommen in Europa offen mit Osama Bin Laden. Doch diese wenigen trugen dazu bei, die Mehrheit unter Generalverdacht zu stellen.

Eine Veränderung stellten nach dem 11. September die rund zwei Millionen Muslime in Großbritannien fest. Sie gerieten unter Erklärungszwang, erinnert sich Humera Khan, Kolumnistin der Londoner Muslim-Zeitschrift "Q-News": "Die Muslime wurden nach dem 11. September gedrängt zu bekennen: Okay, erklär' mal Deine Religion!"

Bekenntnis zu europäischen Werten

Dass solche Fragen plötzlich gestellt wurden, kann man allerdings auch positiv sehen. Sie führten nämlich dazu, dass Muslime in Europa ihr Selbstverständnis überdachten. In Deutschland bewog der 11. September den Zentralrat der Muslime (ZMD) dazu, sich erstmals in Form einer Grundsatzerklärung ausdrücklich zum deutschen Grundgesetz und zu den europäischen Werten zu bekennen.

Der ZMD, dessen Glaubwürdigkeit von einigen Islamexperten bezweifelt wird, spricht zwar höchstens für ein Viertel der drei Millionen Muslime in Deutschland. Dennoch wurde durch die Erklärung ein Thema angesprochen, das sich seit dem 11. September in Europa immer drängender stellt: die Frage nach der Integration der Muslime.

Knackpunkt Integration

Für Dilwar Hussein ist dies längst beantwortet: "Ich komme aus Großbritannien, meine Eltern kamen aus Bangladesch", sagt der Abteilungsleiter der britischen "Islamic Foundation", einem Institut zur Erforschung der Integration von Muslimen in Europa . "Ich bin ein Muslim der zweiten Einwanderer-Generation. Ich fühle, dass ich britisch bin."

Hussein hat die Integration geschafft. Er ist jedoch nicht repräsentativ für die Muslime in Europa. In den 1960er und 1970er Jahren kamen überwiegend besitzlose Menschen mit niedrigem Bildungsniveau nach Europa. In vielen Großstädten sind Ghettos entstanden, in denen extremistische Muslim-Gruppen immer wieder erfolgreich Anhänger rekrutieren können. Die Menschen, die dort leben, fühlen sich nicht als Teil der Gesellschaft.

Frage der Loyalität

Patriotische Bekenntnisse zu ihren Aufenthaltsländern hört man von europäischen Muslimen wohl auch deshalb eher selten. Besonders in Deutschland fällt die Identifikation mit der neuen Heimat schwer. "Wenn man sich den deutschen historischen Kontext anschaut, dann sieht man, dass Zugehörigkeit dort bisher immer durch Blut definiert wurde", erklärt Hussein das Phänomen.

In Großbritannien und Frankreich sind die meisten Muslime inzwischen Staatsbürger. In Deutschland dagegen erschwert nicht nur das Staatsangehörigkeitsrecht die Integration, sondern auch der noch immer starke Einfluss der Türkei. Denn die meisten Muslime in Deutschland sind türkischer Abstammung. "Ich denke, die europäischen Muslime müssen sich einer sehr ernsthaften Frage stellen - nämlich der Frage, wie sie sich von ihren Herkunftsländern abkoppeln können", betont Hussein.

Juristin mit Kopftuch

Kadriye Aydin hat dies bereits verinnerlicht. Die junge Frau ist türkischer Abstammung, aber geboren und aufgewachsen in Deutschland. Nach ihrem Studium will sie jetzt als Anwältin Karriere machen: in Deutschland - und ganz bewusst mit Kopftuch. Sie steht für eine neue Generation von gläubigen Muslimen in Europa, die ihre Religion zwar strenger praktizieren als viele ihrer Altersgenossen, die aber deswegen nicht als Fundamentalisten abgestempelt werden wollen. "Ich bin doch durch mein Umfeld geprägt! Ich bin im Westen aufgewachsen, und der Westen ist auch ein Teil meiner Kultur", betont Aydin.

Toleranz und Respekt - auf diesen Prinzipien beruht auch das Ideal eines europäischen Islams, der nicht im Widerspruch zu Demokratie und Moderne steht, sondern am gesellschaftlichen Leben in Europa teilnimmt.

Eine schöne Vision - doch die Probleme lauern im Alltag. Besonders strittig ist die Frage des Religionsunterrichtes für muslimische Kinder. In Österreich gibt es einen einheitlichen, staatlich geförderten Religionsunterricht, während sich in den Niederlanden und Großbritannien islamische Privatschulen etabliert haben. In Deutschland wird dagegen noch mit verschiedenen Modellen experimentiert. Kadriye Aydin plädiert für staatlichen Religionsunterricht: "Damit beispielsweise - ganz banal gesagt - ein muslimischer Mann nicht seine Frau schlägt und dann sagt 'Das ist aber im Islam so' und 'Die Frau hat eben keine Rechte' oder 'wird unterdrückt'."

Symbol Kopftuch

Neben Religionsunterricht ist das Kopftuch muslimischer Frauen ständiges Thema hitziger Debatten. Viele Muslime in Europa können nicht verstehen, warum es in Diskussionen über die Integrationsfähigkeit des Islam immer wieder um Symbole geht: Kopftuch gleich Frauenunterdrückung. Diese von vielen Europäern empfundene Gleichsetzung mag zwar im Einzelfall stimmen, sagt die britische Muslim-Aktivistin Humera Khan. Sie sei aber nicht verallgemeinerbar. Deswegen ärgert sie sich, wenn solche Klischees immer wieder von europäischen Medien oder Frauenrechtlerinnen verwendet werden.

Der Weg bis zur Herausbildung eines modernen und demokratischen europäischen Islam ist offenbar noch weit und verläuft unterschiedlich. Im laizistischen Frankreich unterliegen Muslime einem starken Assimilationsdruck. In Großbritannien verfolgt der Staat das Ideal einer toleranten multikulturellen Gesellschaft. Und Deutschland hat gerade erst erkannt, dass es seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland ist - gerade für Menschen aus islamischen Ländern.