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Ostmitteleuropa

Zwischen Kerzenlicht und Neonreklamen

- Albaniens Hauptstadt Tirana

Bonn, 18.12.2003, DW-RADIO / Albanisch, Adelheid Feilcke-Tiemann

Seit Januar führt Albanien Verhandlungen mit der Europäischen Union über ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen. Diese Gespräche gehen relativ zügig voran, vor allem nachdem es den internationalen Diplomaten gelungen ist, Albaniens Politiker dazu zu bringen, wichtige Reformen auf den Weg zu bringen: wie das Eigentumsgesetz, ohne das ausländische Investitionen praktische unmöglich ist. Stark gewandelt hat sich mittlerweile auch das Bild der albanischen Hauptstadt. Adelheid Feilcke-Tiemann hat Tirana dieser Tage besucht.

"Herzlich Willkommen in Tirana" - Herzlich willkommen in der Stadt der Paradoxe. Der Rap-Song beschreibt das Lebensgefühl in einer Gesellschaft, in der alles chaotisch und kreativ aufeinanderprallt und sich zu einer Mixtur vermengt, in der alles erlaubt ist und alles in Frage gestellt wird:

"Das ist unser Tirana, das Tirana der Widersprüche, des Kriegs, des Friedens, der Dunkelheit und des Lichts, da wo die Wahrheit betrogen wird, die Interessen verleumdet werden, die Stadt des Vergnügens und des Stress, der Nachtclubs und des Business."

Protagonist des neuen Lebensgefühls der albanischen Metropole, die vor kaum zehn Jahren aus der Tristesse des Sozialismus erwacht ist, ist ihr flippiger Bürgermeister, Edi Rama. Der 39-jährige Exzentriker ist seit drei Jahren Bürgermeister der Stadt und hat der Stadt äußerlich und innerlich ein neues Image gegeben. Dazu gehört auch der Rap-Song, in dem der Bürgermeister zusammen mit der "Westside Family" im besten Tiraneser Slang sein Tirana besingt:

"Tirana in unseren Herzen, du bist verrückt, aber du bist unsere Stadt. Tirana du lässt uns träumen in den späten Stunden, egal ob du zerstört bist, du bist unsere."

Tirana hat Flair bekommen. Und das gefällt auch den Ausländern. So findet auch der deutsche Botschafter Peter Annen, der seit gut einem halben Jahr in Tirana ist, dass Albanien trotz aller objektiven Schwierigkeiten seine schöne Seiten hat:

"Albanien ist ein Land, das unabhängig von seinen Problemen unverkennbar einen mediterranen Flair ausstrahlt. Man spürt immer wieder, dass dies ein Land ist mit starken Bezügen zu seinen Nachbarn Italien, Griechenland, aber auch der Türkei. Und man kann sich hier sehr wohl fühlen. Wir als Ausländer sind hier natürlich in einer privilegierten Situation. Uns sind die vielen Energie- und Wasserprobleme, all diese Probleme des täglichen Lebens, die die albanische Bevölkerung immer wieder heimsuchen, nicht so präsent. Das Leben ist schwierig, aber auch schön."

Was Tirana in den letzten Jahren freundlicher und schöner gemacht hat, sind die bunten Farben, mit denen nach Plänen des Bürgermeisters die Fassaden nach und nach angemalt werden. Wo früher graue Platte die Häuserfronten prägte, strahlen heute pink, orange, grün, hellblau und gelb. Und überall wird gebaut und poliert, werden Boulevards gepflastert und gläserne Hochhäuser in den Himmel gezogen.

Manche dieser "kulla"-Türme, wie sie im Volksmund genannt werden, sind von heftigen Skandalen begleitet. So sorgten Informationen, dass zwei Hochhäuser mit El-Kaida-Geld gebaut wurden, für einen vorläufigen Baustopp. Die beiden Türme - am zentralen Boulevard in Tirana, stehen nun schon monatelang halbfertig da. Mahnmale einer Gesellschaft, die nach Europa will und rechtsstaatliche Prinzipien einzuhalten versucht, aber immer wieder durch Korruption und mafiöse Skrupellosigkeit zurückgeworfen wird.

"Tirana, was ist das? Mehr als ein Paradox, da wo die Menschen bei den Zigeunern mit der Rolex am Arm kaufen. Wo die Snobs wie Delfine im Schlamm Geld machen..."

Im Zentrum der Stadt, dort wo aus der Zeit der italienischen Besatzungszeit großzügig Boulevards und repräsentative Ministerien angelegt sind, dort wo auch in kommunistischer Zeit die Funktionäre im alten Sperrbezirk recht gut lebten, hier in dem Viertel, das noch heute "Block" heißt, ist auch jetzt die Welt der Reichen und Schönen, der Gewinner der neuen Liberalität und Öffnung des Landes.

Sie genießen das pralle Leben einer mediterranen Metropole im Aufbruch, hupen sich mit ihren protzigen Autos den Weg durch das Verkehrschaos, shoppen in den endlosen Reihen der chicken Boutiquen die neueste italienische und französische Mode und tanzen und trinken nachts in den zahllosen Pubs und Diskotheken..

Die einstige Beschaulichkeit Tiranas, als es in Albanien noch keine Privatfahrzeuge gab, ist hin. Heute erstickt Tirana in den Abgasen und dem Lärm der ununterbrochenen Autokohllohnen, die sich durch das Zentrum quälen. Verkehrsregeln finden wenig Beachtung, vor allem die Rücksichtnahme und Vorsicht gegenüber Fußgängern und Radfahrern geht gegen Null, wie diese Fußgängerin beklagt:

"Die meisten Autofahre passen gar nicht auf. Da kommen alte Leute auf ihren Rädern. Und schon ist es passiert, die kümmern sich gar nicht darum."

Doch es sind nicht nur Fahrzeuge, die Tirana, das vor zehn Jahren nur gut 250.000 Einwohner zählte, belasten: Der Zuzug von hunderttausenden Menschen aus den rückständigen Bergregionen hat Tirana in eine echte Großstadt verwandelt, in deren Einzugsgebiet gut eine Million Menschen leben. Mit den Zugezogenen, die von den alteingesessenen Tiranern spöttisch "Tschetschenen" genannt werden, hat sich die Stadt weit ins Umland ausgedehnt. Hier hausen Armut und Chancenlosigkeit, fehlt bis heute eine zuverlässige Strom- und Wasserversorgung.

"Die Politiker wissen gar nicht, was uns bewegt. Sie fahren hier in ihren Autos herum und kennen unsere täglichen Sorgen und Nöte nicht."

Jeder muss sich irgendwie in dieser Stadt durchschlagen, so wie die ungezählte Schar der Straßenhändler, die von morgens bis abends die Boulevards säumen, um eine Banane, ein Blätterteigbrötchen, Sonnenbrillen oder Telefonkarten an die Passanten zu verkaufen, um 300 oder 500 Leke, umgerechnet 3, 4 oder 5 Euro Tageslohn nach Hause zu bringen.

"Ich verkaufe hier meine Teilchen und stehe hier den ganzen Tag herum für 300 Leke".

Die Beamten und die Rentner haben es besonders schwer in den neuen, teuren Zeiten. Ein Rentnerehepaar bekommt beispielsweise umgerechnet 130 Euro im Monat, doch allein die monatliche Stromrechnung beläuft sich auf 50 Euro. Das kann nicht aufgehen! Dabei ist der Strom nicht einmal verlässlich da. Und so leben die Albaner auch im Jahr 2003 noch häufig mit Kerzen und warmen Decken. So wie dieser Student Clirim:

"Wir lernen in unserem Bett, weil es sehr, sehr kalt ist. Wir nehmen eine Bettdecke und so wärmen uns ein bisschen. Und am Abend lesen wir beim Kerzenlicht".

Zwischen Kerzenlicht und Neonreklamen, zwischen Müll und Popart, Chaos und Ordnung - In Tirana, der Stadt der Paradoxe pulsiert das Leben im neuen Albanien. Und die balkanischen Wurzeln verschmelzen mit den Chancen und der Hoffnung auf eine Zukunft im geeinten Europa zu einer neuen Identität.

"Neben den abgerissenen Kiosken sind die Super-Paläste. Da wo der Fluss Lana stinkt, verkauft man Parfum, da wo man gleichzeitig Zufriedenheit, Druck und Stress erlebt, wo es Intellektuelle und Hinterwälder gibt, wo die Bettler und Arbeitslosen mit Handy sprechen." (fp)

  • Datum 19.12.2003
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