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Musik

Zwischen Künstlerförderung und Kulturkampf

Strände, Döner und Ghettoblaster: So sieht das Türkeibild vieler Deutscher aus. Wie kulturelle Bildung zu mehr Offenheit und Verständnis zwischen Türken und Deutschen beitragen kann, wurde in Istanbul diskutiert.

Eine neu gegründete deutsch-türkische Universität, drei Goethe-Institute in der Türkei, eine "Türkische Bibliothek", die von einer deutschen Stiftung herausgegeben wird - auf den ersten Blick scheint, als sei die deutsch-türkische kulturelle Zusammenarbeit eine einzige Erfolgsgeschichte. Autoren wie Feridun Zaimoglu und Emine Sevgi Özdamar sind in Deutschland ebenso erfolgreich wie Fatih Akin, dessen Film "Crossing the Bridge" von der Deutschen Filmförderung mitfinanziert wurde.

Auch die Deutsche Welle hat ihr türkischsprachiges Programm erweitert. Im Rahmen des Projektes "Beethoven ile buluşma - Begegnung mit Beethoven" richtet sie in Istanbul Workshops mit türkischen Kulturjournalisten und Musikern aus.

Was kann kulturelle Bildung leisten?

Alexander Hacke (r) begleitet Sezen Aksu (M) in einer Szene aus den Film Crossing the Bridge von Fatih Akin (c) dpa - Bildfunk

Eine Szene aus den Film "Crossing the Bridge" von Fatih Akin

Ob das eigentliche Ziel der kulturellen Zusammenarbeit durch derartige Projekte erreicht wird, ist eine offene Frage. Kann kulturelle Bildung wirklich einen Austausch zwischen den Menschen fördern und politische Integration ermöglichen? Welche Methoden eignen sich dazu?

Mit diesen Fragen beschäftigte sich eine Podiumsdiskussion an der Istanbuler Bilgi Universität als Teil des Projektes "Beethoven ile buluşma - Begegnung mit Beethoven". Unter dem Titel "Schöner Schein oder verlässliches Fundament? Zur Rolle von Kultur und Bildung in den deutsch-türkischen Beziehungen" diskutierten Joachim Sartorius, ehemaliger Generalsekretär des Goethe-Institutes; Shermin Langhoff, Intendantin des Theaters "Ballhaus Naunynstraße"; der Dirigent Cem Mansur sowie Cem Erciyes, Journalist bei der Tageszeitung "Radikal". Moderiert wurde die Diskussion von Gero Schließ, Leiter der Abteilung Programmprojekte, Promotion, Partnerschaften bei der Deutschen Welle.

Persönliche Kontakte fördern

Einig waren sich die Teilnehmer darüber, was Kulturpolitik nicht tun sollte: Bereits bekannte Künstler oder Musiker zu fördern, nütze nur den Künstlern selber, befand Cem Erciyes. Statt hochdotierte Preise zu vergeben, solle lieber in Austauschprogramme für Jugendliche investiert werden. Deshalb sei etwa die Aufnahme der Türkei in das Erasmus-Programm ein wichtiger Schritt gewesen. Denn erst der persönliche Kontakt helfe dabei, Vorurteile zu überwinden.

Gero Schliess und Cem Mansur

Gero Schliess und Cem Mansur bei der Podiumsdiskussion

Mit Cem Mansur saß ein Vertreter eines solchen Projektes auf dem Podium. Sein Turkish National Youth Philharmonic Orchestra nimmt zurzeit an einem türkisch-deutschen Workshop teil, den die Deutsche Welle in Istanbul durchführt. Für Mansur geht es dabei nicht nur um die musikalische Ausbildung der Jugendlichen. Viel wichtiger sind ihm die Werte, die mittransportiert werden: "Wie in der Demokratie geht es in der Musik um das Miteinander."

Für Shermin Langhoff muss Kulturpolitik dazu beitragen, feste Zuschreibungen und Ausgrenzungen aufzubrechen. Ihrem "postmigrantischen" Theater gehe es nicht darum, türkische Folklore nach Deutschland zu bringen. Stattdessen möchte sie zeigen, dass auch die Geschichte(n) der türkischen Migranten Teil der deutschen Kultur sind. Für die türkisch-deutsche Zusammenarbeit sei es wichtig, auf die Gemeinsamkeiten der beiden Länder zu achten statt auf die Unterschiede: Denn auch in der Türkei spiele etwa die (Binnen-)Migration eine zentrale Rolle.

Kulturkampf in der Türkei

Der Pianist und Komponist Fazil Say (c) dpa - Report

Fazil Say verkörpert künstlerische Freiheit

Die Kultur hat hier allerdings mit ganz anderen Herausforderungen zu kämpfen. Nicht alle Zuhörer empfanden die Abkehr vom strikten Kemalismus - die Ideologie des Staatsgründers Attatürk - als Ablegen einer "Zwangsjacke", wie Joachim Sartorius es nannte. Aus dem Publikum und vom Podium wurde die Angst vor Einsparungen im Kulturbetrieb und vor der Einschränkung der künstlerischen Freiheit geäußert. Dass der Pianist und Komponist Fazil Say sich wegen islamkritischer Twitter-Feeds vor Gericht verteidigen muss, sei ebenso Teil einer bedrohlichen Entwicklung wie die geplante Streichung von Theater-Subventionen oder die Einschränkung des Streikrechts im zivilen Luftverkehr.

Cem Erciyes brachte die Befürchtungen auf den Punkt: Die Türkei befinde sich in einem Kulturkampf, der nicht nur auf die Schließung von Theatern, sondern auf die Abschaffung der Freiheit ziele. Nötig seien aber Reformen, die Freiheiten garantieren und zugleich eine bessere Finanzierung kultureller Institutionen ermöglichten. Dass allein eine gemeinsame Kulturpolitik diese Probleme nicht lösen kann, ist offensichtlich. Sie kann aber den Dialog anregen und dazu beitragen, dass eine Auseinandersetzung über politische Entwicklungen stattfindet.

Autorin: Claire Horst
Redaktion: Rick Fulker

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