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Kultur

Zwischen Gestern und Heute

Am Donnerstagabend (3.10.) fielen die Hüllen vom Brandenburger Tor: Mit großem Pomp wurde in Berlin das Ende der Restaurationsarbeiten zelebriert. Und was geht dabei einem Nicht-Berliner durch den Kopf?

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20 Monate lang war nichts zu sehen vom Brandenburger Tor

Michael S. Cullen, gebürtiger New Yorker, gehört inzwischen zu den profundesten Berlin-Kennern. Er hat zahlreiche Bücher zu Berlin-Themen veröffentlicht, unter anderem über den Deutschen Reichstag, das geplante Holocaust-Denkmal und das Brandenburger Tor.

Zum ersten Mal schrieb Michael Cullen 1990 kurz nach der Wiedervereinigung über das symbolträchtige Tor. Seitdem hat es ihn nicht mehr losgelassen. Die vergangenen zwölf Jahre hat er nahezu vollständig damit zugebracht, Material zu sammeln für eine großangelegte Fernseh-Dokumentation zur Geschichte des 211 Jahre alten Baudenkmals.

DW-WORLD-Redakteur Andreas Tzortzis sprach mit Michael Cullen über das alte Wahrzeichen von Berlin.

Hat sich Berlin und haben sich die Berliner schon immer mit dem Brandenburger Tor identifiziert?

In der Zeit, bevor die Quadriga abgenommen wurde, war es nicht wichtiger als anderes in der Stadt auch. Da ging keiner extra hin, sich das Brandenburger Tor anzuschauen, wenn man denn in der Stadt war. Zumal man ja gar nicht herankam. Die Berliner wurden erst darauf aufmerksam, als die Stadt 1806 von den Franzosen besetzt wurde und Napoleon die Quadriga herunternehmen ließ. Dann fingen die Berliner plötzlich an, etwas zu vermissen. Dieser Zustand hielt ungefähr sieben Jahre an. Dann schrieben wir das Jahr 1807 und Napoleon verlor die Schlacht bei Leipzig. Die siegreichen Truppen kamen bis nach Paris und fanden dort die Quadriga. 50 Tage dauerte dann die Rückführung – eine glanzvolle Prozession der Sieger. Sie hatten Napoleon geschlagen und Preußen konnte wieder aufatmen.

Und welche Bedeutung erlangte das Brandenburger Tor danach?

Es wurde nach und nach zum Symbol für Berlin und natürlich zum Symbol für eine siegreiche Schlacht. Ich denke, das hat insbesondere etwas damit zu tun, dass das Tor wirklich hübsch anzuschauen ist. Außerdem steht es dem Stadtverkehr im Weg. Sogar die Nazis haben versucht, das Tor für sich einzunehmen. Aber immerhin: Der Ruf des Brandenburger Tors hat darunter nicht so gelitten wie das Ansehen des Reichstags. Mit dem Tor hat eigentlich keiner ein Problem. Und das finde ich gut.

Welche Rolle spielt es im modernen Berlin?

Heute ist es ein Symbol für Berlin – ein Symbol für das Ende des Kalten Krieges. Berlins früherer Bürgermeister und späterer Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat einmal gesagt: "So lange das Brandenburger Tor geschlossen ist, ist die deutsche Frage offen." Im Umkehrschluss heißt das: Jetzt, wo das Tor wieder offen ist, ist die deutsche Frage geklärt. Die meisten Probleme sind ja auch aus der Welt geräumt und das Brandenburger Tor steht für diesen Prozess. Es ist ein Symbol für Normalität.

Wird das Brandenburger Tor in Ost und West unterschiedlich wahrgenommen?

Für die meisten Ostberliner hat das Brandenburger Tor nicht so eine Bedeutung wie für die Westberliner. Ich denke, das kommt daher, dass sie in dem Tor ein Symbol für die Wiedervereinigung sehen – und die hat es ja mit ihnen nicht immer gutgemeint. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Ostberliner keine Lust haben, einfach mal so zum Brandenburger Tor zu gehen und sich daran zu erfreuen. Aber trotzdem gibt es viele, die das Tor mögen, vor allem auch wegen der Architektur.

Sie haben sich die letzten zwölf Jahre intensiv mit dem Brandenburger Tor und seiner Geschichte befasst – wird es da nicht langsam Zeit, etwas Neues anzufangen? Nein. Um ganz ehrlich zu sein, ich möchte noch viel mehr darüber wissen. Es ist noch so viel ungeklärt und ich hoffe, dass ich in meinem Leben noch dazu kommen werde, alle offenen Fragen zu beantworten. Es gibt viel zu tun: Manchmal stoße ich auf winzige Details, um die sich noch nie jemand Gedanken gemacht hat. Ich habe mich ja auch schon intensiv mit dem Reichstag befasst, das kommt auch immer mal wieder hoch. So bleibe ich am Ball und habe obendrein noch Freude daran.