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Kultur

Zwischen "einsam“ und "gemeinsam“

Von P. Heribert Arens Ofm, Bad Staffelstein-Vierzehnheiligen

Titel: Pater Heribert Arens OFM, Bad Staffelstein-Vierzehnheiligen

Ein Kind wächst ins Leben hinein, erschließt sich die Welt. Einer der glücklichen Momente auf diesem Weg ist es, wenn der kleine Mann, die kleine Frau zum ersten Mal sagt: „Ich kann schon alleine!“ Das ist eine wichtige Erfahrung im Selbstwerdungsprozess.

Irgendwann tritt dann etwas ins Leben, was diese Erfahrung auf den Kopf stellt: Da sagt ein Mensch: „Ich brauch’ nicht mehr alleine!“ Er entdeckt Freundschaft, Partnerschaft, die Freude, gemeinsam etwas anzupacken. Er macht die Erfahrung: gemeinsam sind wir fruchtbar. „Ich brauche nicht mehr alleine.“ Das bringt Glück und Reichtum ins Leben.

Und dann kommt für viele irgendwann eine schwere Erfahrung: „Ich kann nicht mehr alleine.“ Du bist in einer Krisensituation, brauchst Hilfe, bist angewiesen auf andere: „Ich kann nicht mehr alleine.“ Im Älterwerden sind viele auf andere angewiesen: „Ich kann nicht mehr alleine.“ „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.“ – heißt es im Schöpfungsbericht der Bibel. Erst als der Mensch Gemeinschaft ist, Mann und Frau, liest man dort: „Gott sah, was er geschaffen hatte. Es war sehr gut“ Der Mensch ist zur Gemeinschaft geschaffen. „Da kam ein Aussätziger zu Jesus und bat ihn um Hilfe.“ Aussatz ist wohl die einzige Krankheit, die nach gesellschaftlichen Symptomen benannt wird: der Leprakranke ist aus der Gemeinsamkeit verbannt. Ausgesetzt. „Ich muss alleine, auch wenn ich mich nach Gemeinschaft sehne.“ Dieser Aussätzige gibt sich nicht mit seinem Schicksal zufrieden. Er sucht Hilfe. Er tut etwas für sich. Daran wird mir deutlich:Du musst schon auch selbst Schritte tun und kannst nicht alles von anderen erwarten.

Einsamkeit wird nicht nur aufgelöst, indem andere aktiv werden: Sprich andere an, vertrau deine Not an, klingle mal an der Nachbartür. Geh auf andere zu, erzähl von deiner Freude, von deinem Leid, geh hin, wo du andere treffen kannst. Unsere Gesellschaft scheint mir in eine Einsamkeitsgesellschaft abzudriften. Viele grenzen ihre Welten ab, interessieren sich nicht für den anderen Alleinsein wird in unserer Gesellschaft schnell zur Einsamkeit, weil keiner sich kümmert. Wie anders klingt da die Absicht des Schöpfers: Ihr seid geschaffen, um füreinander zu leben, miteinander fruchtbar zu werden.

Das ist auch im Sinne Jesu: Im Moment tiefster Einsamkeit, als er schmerzvoll am Kreuz hängt, bleibt er offen für die Menschen um sich und fordert Johannes auf: „Siehe da, deine Mutter! Kümmere dich um sie.“ Ich selbst bin eingeladen, nicht in meiner Einsamkeit zu versinken, auf Mitmenschen zuzugehen, mich ihnen zu öffnen. Gleichzeitig weiß ich, bei aller Gemeinsamkeit gehört zur Kunst gelungenen Lebens auch das Alleinsein-Können, die Fähigkeit, zumindest ein gewisses Maß an Einsamkeit aushalten zu können. Das gehört zum Leben, ja, es ist notwendig, wenn das Leben gelingen soll.

Jesus macht uns das vor: Immer wieder zieht er sich zurück, um allein zu sein, zu beten, sein Leben zu bedenken. Auch mir gilt die Einladung: Pflege deine Einsamkeit, damit du nicht zur Klette deiner Mitmenschen wirst. Pflege deine Einsamkeit, damit du Raum hast, bei dir selbst zu sein und über dich und deine Möglichkeiten und Grenzen nachzudenken, mit ihnen vertraut zu werden, und es gilt die Einladung: Gewinne in deiner Einsamkeit eine Beziehung zu Gott - nur er kann deine Einsamkeit zutiefst auffangen und deine Leere füllen.

Einsam und gemeinsam: so gestaltet sich unser Leben. Leben gelingt, wo es eine gute Balance zwischen diesen Kräften gibt. Darum Ich wünsche Ihnen die tragfähige Kraft des: „Ich kann schon alleine!“ Ich wünsche Ihnen Freude durch die Erfahrung: „Ich brauche nicht alleine!“ Und wo Sie erleben „Ich kann nicht mehr alleine!“ wünsche ich Ihnen einen Menschen - wünsche ich Ihnen nicht zuletzt die Begegnung mit Gott, der im Tiefsten allein unsere Einsamkeit aufheben kann.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Dr. Silvia Becker