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Kultur

Zwischen den Stühlen: Ina aus China

Mit sechs Jahren flüchtete Aline 1937 aus Nanking nach Brandenburg und wuchs wie eine Deutsche auf. Doch der Krieg holte sie ein. Ein Leben zwischen den Kulturen, das den Irrsinn des 20. Jahrhunderts widerspiegelt.

Auch in Taiwan plötzlich ein Medienthema: Zeitungsartikel über Aline Siao Ma und ihren Mann; Taiwan-Ausgabe des Romans 'Ina aus China' in chinesischer Übersetzung (Foto: DW)

Auch in Taiwan plötzlich ein Medienthema

Auf der Straße in Taipeh fällt sie nicht weiter auf. Aline Siao Ma (81) ist eine elegant gekleidete Dame mit chinesischen Gesichtszügen, silbergrauem Haar und wachen Augen. Man könnte sie für eine normale taiwanesische Rentnerin halten. Doch ihr Leben war alles andere als normal. So kommt es, dass sie lieber Deutsch spricht als Chinesisch. "Von klein auf bin ich es gewohnt, hin- und hergestoßen zu werden", erzählt sie in akzentfreiem Deutsch. "Mal hierhin und mal dorthin, nicht nur von einem Land zum anderen, sogar von einem Kontinent zum anderen."

Flucht vor den Japanern

Ihre lange Reise beginnt in Nanking, damals Chinas Hauptstadt, im Jahr 1937. Aline ist sechs Jahre alt. Es herrscht Krieg, die Japaner sind in China einmarschiert. Ihr Vater, ein Bankier mit guten Beziehungen, will sie in Sicherheit bringen. Möglichst weit weg. Er schickt seine einzige Tochter zu Bekannten nach Deutschland. Auf der "Scharnhorst" geht es von Tsingtao über Hongkong und Singapur durch den Indischen Ozean und den Suezkanal nach Genua. Drei Wochen dauert die Passage.

Die kleine Chinesin kommt in Brandenburg an der Havel bei einer preußischen Offizierswitwe unter und wächst im Nazideutschland der dreißiger Jahre auf. Aline Siao Ma erinnert sich an die Mahnungen ihrer strengen Pflegemutter: "Was Du sagst und tust, danach werden die Leute alle Chinesen ansehen. Denn in der ganzen Stadt bist Du die einzige Chinesin."

Lesung aus dem Roman 'Ina aus China' in der Deutschen Sektion der Europäischen Schule Taipeh (Foto: DW)

Aline Siao Ma (81) signiert Bücher nach einer Lesung

In Deutschland immer eine Fremde

Aline lebt sich ein und meistert die deutsche Sprache. Bald schreiben sogar Klassenkameradinnen von ihr ab. Sie schließt Freundschaften, die noch heute bestehen, nach über 70 Jahren. Die meisten Erwachsenen aber sehen die Asiatin weiter in erster Linie als Fremde. Offenen Rassismus habe sie nicht erlebt, sagt Aline Siao Ma. "Aber ich wurde kühler behandelt. Immer als Außenstehende. Obgleich ich nun dieselbe Erziehung hatte und die gleiche Sprache erlernt habe, war ich nie Deutsche."

Dann holt der Krieg, vor dem sie aus China geflohen war, Aline auch in Brandenburg ein. Wie alle Schülerinnen sammelt sie Wertstoffe, hilft Flüchtlinge unterzubringen und zittert im Luftschutzkeller. Ein Leben von einem Tag auf den anderen, und immer die Furcht, nach Bombenangriffen nicht wieder aus dem Keller herauszukommen.

Über die Schweiz nach Taiwan

Wieder muss sie Freunde und Zuhause zurücklassen. Anfang 1945 schlägt sich Aline mit dem letzten Zug nach Süden zur Schweizer Grenze durch, mit einem Visum, das Verwandte besorgt hatten. In der Schweiz macht sie das Abitur. Weil eine Rückkehr ins kommunistische China nicht in Frage kommt, sieht sie ihren Vater nie wieder. Als junge Frau geht Aline 1955 nach Taiwan. Schon wieder eine fremde Welt, denn die chinesische Sprache hatte sie inzwischen komplett vergessen. Wie eine Fremdsprache musste die 25-Jährige Mandarin ganz neu lernen.

Alines Leben wird zum Roman

Lesung aus dem Roman 'Ina aus China' (Foto: DW)

Lesung aus dem Roman

An Taiwans bester Universität unterrichtet Aline Siao Ma fast 30 Jahre lang Deutsch. 1989 begegnet sie Susanne Hornfeck. Die Sinologin ist für den DAAD (Deutscher Akademischer Austausch Dienst) in Taiwan. Sie stöbert bei Kaffee und Kuchen in alten Fotos und staunt über Alines Lebensgeschichte. "Beim ersten Treffen sagte sie, eigentlich müsste man das mal aufschreiben", erinnert sich Hornfeck, die nun in der Nähe von München lebt. "Das ist irgendwo in meinem Hinterkopf hängen geblieben, und dann hat es noch ziemlich lange gedauert, bis der Stein wirklich ins Rollen gekommen ist."

Sie schreibt einen Roman und nennt ihn "Ina aus China". Keine exakte Nacherzählung, sondern eine Geschichte für junge Leser übers Abschiednehmen, Fremdsein und das Leben zwischen den Kulturen. Susanne Hornfeck hat an vielen Schulen aus ihrem Buch gelesen. Vor allem Jugendliche, deren Familie nicht aus Deutschland stammt, können sich mit dem Schicksal der kleinen Chinesin vor über 70 Jahren identifizieren, sagt sie. Inzwischen gibt es das Buch auch in China. Aline Siao Ma ist ein bisschen überrascht über das plötzliche Interesse an ihrer Geschichte. Am wichtigsten sei es gewesen, nie die Hoffnung aufzugeben: "Ich bin unversehrt durch viele Veränderungen und Gefahren gekommen. Manchmal, wenn ich zurückdenke, ist das wirklich wie ein Wunder."

Autor: Klaus Bardenhagen
Redaktion: Angela Müller

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