1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Nahost

Zwischen allen Stühlen: israelische Araber

Über die Situation der arabischen Minderheit in Israel ist international nur wenig bekannt - meist steht das Schicksal der Palästinenser im Vordergrund. Doch gerade in Krisenzeiten haben die Araber doppelt zu leiden.

default

Von Hisbollah-Raketen getötet: Israelische Araber trauern um zwei Angehörige

Moaz aus Nazareth war gerade draußen spielen, als es passierte. Erst ein Zischen, dann eine Explosion. Die beiden anderen Kinder waren sofort tot. Moaz ist erst 14. Er selbst hatte Glück und blieb unverletzt. Aber er musste alles mit ansehen: Die Katjuscha-Rakete der Hisbollah, die beiden toten Kinder im Straßenstaub. Sie hießen Rabija und Mohammed und waren seine zwei kleineren Brüder.

"Plötzlich hörte ich einen Riesenkrach", sagt Moaz. "Ich wusste sofort, dass das eine Rakete ist und dass meine Brüder jetzt tot sind. Erst sah ich nur dichten Rauch. Ich traute mich gar nicht da hinzugehen. Aber als der der Rauch weniger wurde, ging ich zu ihnen hin. Mein jüngster Bruder lag da mit zerfetztem Gesicht. Danach habe ich gar nicht mehr gewagt, nach dem anderen Bruder zu sehen. Aber ich konnte auch so etwas erkennen. Sein Körper war durchlöchert und verbrannt."

Rabija und Mohammed waren drei und siebeneinhalb Jahre alt. Die beiden Kinder waren die ersten arabischen Israelis, die einer Hisbollah-Rakete zum Opfer fielen. Aber sie blieben nicht die einzigen: 18 der 43 im Krieg getöteten Zivilisten in Israel waren Araber, allesamt getötet durch Raketenbeschuss aus dem Libanon.

Von Hisbollah zu "Märtyrern" erklärt

Hisbollah Raketen treffen Araber in Israel

Trauer um drei arabische Hirten: Auch sie starben unter Beschuss der Hisbollah

Aber anders, als man vielleicht vermuten könnte, geben ihre Hinterbliebenen nicht immer der Hisbollah die Schuld am Tod ihrer Verwandten. Abdel Rahim Tallousi, der Vater von Rabija und Mohammed sieht die israelische Regierung in der Verantwortung: "Erstens sollte der Staat Israel uns beschützen - unabhängig davon, ob wir nun Araber oder Juden sind. Und außerdem: Als Israel mit dem Krieg angefangen hat, da wussten sie doch schon, dass die Hisbollah solche Raketen besitzt!"

Unter den Arabern, die heute noch jenseits der besetzten Gebiete im Kernland von Israel leben, gehört Tallousi mit seinen radikalen Ansichten zu einer Minderheit. Während andere empört fragen, wie Araber auf Araber schießen können, hat er es als Ehre empfunden, dass Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah sich für den Tod seiner Kinder entschuldigt und sie zugleich zu "Märtyrern" erklärt hat.

Unzureichender Schutz für "Bürger zweiter Klasse"

Aber auch viele andere der rund 1,2 Millionen Araber im Lande haben während des Krieges wieder eine Bestätigung für ihr Gefühl gefunden, dass sie in Israel nur Bürger zweiter oder dritter Klasse sind. Viele leben in Gebieten, deren Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten gar nicht oder nur unzureichend gefördert worden ist - im Gegensatz zu vielen jüdischen Siedlungen. So bemerkte die breite israelische Öffentlichkeit auch erst nach der tödlichen Hisbollah-Attacke auf die Kinder in Nazareth, dass viele arabische Dörfer über keine sicheren Schutzräume oder funktionierenden Alarmsirenen verfügten.

Hisbollah Raketen treffen Araber in Israel

In diesem Haus starben eine arabische Mutter und ihr Kind durch Hisbollah-Raketen

Dieser Mangel wurde auch Mohammed Mana zum Verhängnis. Der 24-jährige Physiotherapeut aus einem arabischen Dorf nahe der Küstenstadt Nahariya starb am 4. August auf dem Weg von der elterlichen Wohnung zum Geldautomaten, ebenfalls durch einen Raketenangriff der Hisbollah. Mohammed Mana war Muslim. Er hatte drei Jahre lang in Deutschland studiert und wollte dort auch künftig wieder leben. Zuletzt hatte er in zwei Altersheimen in Akko und Haifa gearbeitet und war dort bei seinen überwiegend jüdischen Kollegen und Patienten sehr beliebt - Fotos und Beileidsbekundungen zeugen davon.

Sein Vater hat all das feinsäuberlich im Wohnzimmer auf den Tisch gelegt und zeigt es jedem Besucher. Er ist ein gebrochener Mann, der um seinen Sohn trauert. Heute ist sein Bruder Ali zu Gast. Auch er kann nicht verstehen, was passiert ist. "Unser Mohammed war ein guter Junge", sagt Ali Mana, "er war ganz anders, als viele Juden, aber auch Araber außerhalb Israels über uns hier denken".

Von zwei Seiten beargwöhnt

Das größte Problem der arabischen Israelis sei laut Mana, dass weder die Juden in Israel noch die Araber außerhalb Israels erkennen würden, in welch schwieriger Situation sie steckten. "Wir sitzen hier doch zwischen allen Stühlen! Wenn eine Rakete in Israel einschlägt, dann empfinden wir natürlich Schmerzen - auch für die Menschen aus dem Volk, mit dem wir hier zusammenleben und zusammenarbeiten. Aber meine Familie zum Beispiel hat auch einen palästinensischen Onkel in einem Flüchtlingslager im Libanon. Und was dort drüben passiert ist, das ist für uns auch eine Katastrophe! Deshalb ist unsere Lage hier so schwierig. Und weder die Juden hier wollen das verstehen, noch die Araber außerhalb Israels. Die betrachten uns als Verräter."

Die Redaktion empfiehlt