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Alltagsdeutsch – Podcast

Zwillingstreffen

Viele Wissenschaftler haben sich mit ein- und zweieiigen Zwillingen und ihrer engen Verbindung zueinander befasst. Wo sie auftauchen, erregen sie Aufmerksamkeit. Nur bei Zwillingstreffen nicht. Da sind es die "Einlinge"!

Sprecher:

Selbst in unserem technologisierten Zeitalter gibt es noch ein Phänomen, das seit Menschengedenken schon Forscher und Schaulustige gleichermaßen anzieht: das Zwillingsphänomen. Dass die Natur plötzlich der Laune verfällt, einen Menschen gleich zweimal herzustellen, mit exakt den gleichen Erbanlagen, besitzt eine unvergleichliche Faszination. Man sagt von diesem Menschen auch, sie seien doppelt gemoppelt. Diesen Ausdruck kennen wir auch aus dem Sprachgebrauch. Er bezeichnet Wendungen, bei denen sich der Sprecher nicht für einen Ausdruck entscheiden konnte und deshalb direkt zwei aneinander hängt, die beide dasselbe sagen nur in etwas anderer Formulierung. Wie bei kurz und knapp, oder der weiße Schimmel, oder neu renoviert. Eines der beiden Teile ist bei doppelt gemoppelten Redewendungen eigentlich überflüssig. Nicht so bei den Paaren auf den Zwillingstreffen. Zwillinge reisen zu ihren Treffen aus den entferntesten Gebieten Deutschlands an und das gibt uns heute auch wieder einmal die Gelegenheit, einen Blick auf die Umgangssprache der verschiedenen Dialekte zu werfen.

Sprecherin:

Sie lachen gleichlaut mit den gleichen Grübchen über dieselben Witze – wie die beiden Frauen, identisch vom gewagten Minirock bis zur Lockenfrisur. Sie denken und reden im selben Moment das gleiche wie die beiden Herren aus dem Sachsener Werdau, mit dem schütteren Haaransatz und dem doppelt gekauften Nadelstreifenanzug. Dazwischen die unzähligen kleinen Babypaare in ihren zweisitzigen Doppelkinderwagen. Und die beiden Jungen mit der gelben Kappe schieben sich gar synchron die Bratwurst in den Mund. Wer beim jährlichen Zwillingstreffen alles doppelt sieht, der hat nicht unbedingt zu tief ins Bierglas geschaut. Trotzdem: dass allein 500 der 2.000 Gäste bei solch einem Treffen von ihrem eigenen Spiegelbild begleitet werden, ist nicht nur für Gerhard und Richard Bracht, die singenden Zwillinge aus Münster, ein verblüffender Anblick.

Richard Bracht:

"Irgendwie is' verrückt, s is' irgendwie comicmäßig: du läufst daher und plötzlich siehst du immer geklonte Leute darum laufen. Aber irgendwie, das hab' ich vorhin auch schon gesagt, man spürt die komische Atmosphäre wie ich die sonst noch nie so getroffen hab', irgendwie als gäb's so 'ne Art Solidarität, bloß weil, weil man jetzt eigentlich einzigartig ist. Ne Sache, die wir ja nicht erleben. Normalerweise sind Zwillinge immer irgendwie was Besonderes, fallen immer aus 'm Rahmen und hier fallen die Leute, die einzeln auftreten aus 'm Rahmen, ne. Alles rumgedreht. Deswegen, also sehr witzig."

Sprecher:

Richard Bracht sagt, die Leute sind wie geklont. Klone kommen eigentlich nur in der Biologie vor. Geklonte Menschen kennt man bestenfalls aus dem Comic oder aus dem Film. Dort gibt es verrückte Wissenschaftler, die Massen von Menschen erschaffen, die alle gleich aussehen. Und an solche eher unheimliche Fiktionen fühlt sich Richard Bracht beim Anblick der Hundertschaft von Doppelgängern auf dem Zwillingstreffen erinnert. Und da fällt ein einzelnes Zwillingspärchen eben auch nicht aus dem Rahmen. Es ist wirklich nichts Besonderes mehr.

Sprecherin:

Das Schlimmste für Zwillinge – so haben die Forscher herausgefunden – ist die Angst, den anderen zu verlieren. Das führt in vielen Fällen auch dazu, dass Zwillinge sich in ihrem Leben nie an einen Partner binden aus Furcht, das enge Geschwisterverhältnis könnte unter eventueller Eifersucht leiden. Doch so problematisch das Zwillingsdasein sein kann: seine Vorteile hat es auch. Die Paare selbst schwärmen von ihrer ganz besonders herzlichen und unvergleichlich engen Beziehung. Davon, dass sie sich in jeder Lage hundertprozentig aufeinander verlassen können und immer Verständnis und ein offenes Ohr bei ihrem Gegenstück finden. Zwillingseltern und die Erzieher sind nach Meinung der Zwillingsforscher gefordert, damit aus den zwei Hälften eines Doppelwesens zwei einzelne, individuelle und eigenständige Persönlichkeiten werden, auch wenn ihre Unterschiede manchmal kaum wahrnehmbar und nur graduell sind. Eine Aufgabe, die nicht immer ganz einfach ist, weiß die Mutter der beiden kleinen Zwillingsmädchen Sarah Denise und Simone – vor allem wenn ihr immer wieder wildfremde Menschen versuchen, in die Erziehung hineinzureden.

O-Ton:

"Man überlegt ja immer. Wie macht man es richtig, ne? Wir als Einlinge sind ja da irgendwie doch ziemlich unerfahren. Man möchte se nit über einen Kamm scheren. Man möchte doch jedes Kind individuell behandeln. Und trotzdem versuchen se immer wieder das gleiche zu bekommen. Deshalb auch gleich angezogen, weil's sonst gibt's Krach und Streit. Sie sind ja auch verschieden, auch im Charakter, ne, und im Wesen her. Sie sind also total verschieden; und deshalb kann ich auch nit sagen, sie sind gleich. Sie sind vom Aussehen gleich, aber vom Wesen her nit. Je älter die werden, umso knatschiger werd' ich, wenn mich da jetzt jemand so dumm anmacht."

Sprecher:

Die Mutter der beiden Mädchen sagt: Wir Einlinge – eine Wortschöpfung, die ebenso neu wie logisch ist. Wenn es Zwillinge gibt und Drillinge, warum sollten Leute, die nur alleine geboren werden, nicht Einlinge heißen? Aber ob Zwillinge oder Einlinge, niemand möchte wohl gerne mit anderen über einen Kamm geschoren werden, auch wenn sich das bei Zwillingen geradezu anbietet. Wenn sie sich sowieso meist gleich kleiden und die gleichen Frisuren tragen, kann man ihnen ja auch gleichzeitig über einen Kamm und mit einer Schere die Haare schneiden. Aber, so wörtlich ist das wohl nicht gemeint. Das Sprachbild wird gerne immer wieder dann benutzt, wenn Menschen ungerecht und vereinfachend gleich behandelt werden. Und wenn das passiert, dann wird die Mutter knatschig. Sie wird böse. Knatschig werden gewöhnlich eher Kinder, die, wenn sie etwas ärgert, das nicht so gut ausdrücken können und dann knatschen oder quengeln oder nörgeln oder stänkern, was alles dasselbe bedeutet. Wenn die Zwillinge aber jemand dumm anmacht, das heißt umgangssprachlich dumm anspricht oder auch unverschämt ist, dann gibt es mit der Mutter Krach und Streit, und zwar doppelt gemoppelt. Es gibt nicht nur Krach, es gibt nicht nur Streit, es gibt Krach und Streit, damit jeder weiß, dass es richtig Krach gibt.

Sprecherin:

Zwillinge haben eine ganz besondere, nicht immer erklärliche Verbindung zueinander. Und das reizt auch die Wissenschaftler. Bei Vergleichen der identischen Zwillinge lässt sich beispielsweise herausbekommen, welche Persönlichkeitsmerkmale vom Erbgut gesteuert und welche von den Umwelteinflüssen abhängig sind. Die berühmte und umstrittene Minnesota-Studie zum Beispiel hat Zwillinge miteinander verglichen, die direkt nach der Geburt getrennt wurden. Erstaunliche, beinahe gespenstische Ergebnisse wurden veröffentlicht. Obwohl die beiden Zwillingspartner nie Kontakt zueinander gehabt hatten, trugen viele die gleiche Frisur, die gleichen Bärte, die gleichen Brillen, hatten dieselben Berufe ergriffen und heirateten teilweise sogar Frauen gleichen Vornamens. Solche unerklärlichen und übersinnlichen Geschichten durften natürlich auch auf dem Zwillingstreffen nicht fehlen, wie bei Dieter und Otto Kehnert, von denen nach der Schule einer studierte und einer eine Lehre begann und die sich nach Jahrzehnten beide als Konstrukteur wiederfanden.

O-Töne:

Beruflich ist das eigentlich, obwohl dass wir getrennt mit 'm vierzehnten Lebensjahr auseinandergingen, am Schluss, unter drunter, unter be Strich betrachtet, is' es dasselbe Ergebnis, bloß die Wege dazu waren unterschiedlich. / Hat sich in Moers 'ne Jacke gekauft und ich bin mit meinem Mann nach Ratingen gefahren und hab' in Ratingen, 'Och' sach' ich, kummer mal wat 'n schönen gelben Blazer! Ich sach, 'da geh' ich jetzt rein, ob die meine Größe hab'n'. Hatten se, ich hab' gekauft und hab' angerufen. Ich sach' 'Ruth'ken, ich hab' ne neue Jacke'. 'Ja' sagt se, 'wenn de kommst, ziehst de die mal an'. Und sie holt ihre raus, original die gleiche Jacke. / Mit Knüppen. / Ohne dass ich dat wusste."

Sprecher:

Was hier vor allem auffällt, sind die extremen Dialekte. Die beiden Herren sprechen tiefstes Sächsisch aus dem Osten des Landes und die beiden Damen, die wir ja schon kennen, sprechen rheinisches Platt aus dem äußersten Westen.

Otto Kehnert:

"Am Schluss, unter drunter, unter be Strich betrachtet, is' es dasselbe Ergebnis."

Sprecher:

Otto Kehnert hat hier nicht nur doppelt gemoppelt, sondern gleich dreifach, denn er hätte entweder sagen können: am Schluss oder unter 'm Strich oder im Ergebnis – was alles dasselbe bedeutet. Aber er sagt, im Ausdruck nicht ganz korrekt: "am Schluss, unter drunter, unter be Strich betrachtet, ist es dasselbe Ergäbnis". Und das Ganze noch im schönsten Sächsisch mit weichen Konsonanten und breitesten Vokalen.

O-Ton:

"'Och' sach' ich, kummer wat 'n schönen gelben Blazer!'. Ich sach, 'da geh' ich jetzt rein, ob die meine Größe hab'n'."


Sprecherin:

Und sie dachten, der Sachse sei schwer zu verstehen? Oder wissen Sie, was kummer wat 'n ist? Trösten Sie sich. Kummer wat 'n werden Sie in keinem Lexikon finden und deshalb erklären wir es hier. Am besten übersetzen wir gleich den ganzen Satz: "Guck mal, wat'n schönen gelben Blazer" heißt: "Guck mal, was für ein schöner gelber Blazer". "Guck mal wat 'n" ist also im Rheinischen gleich ein halber Satz, bei dem ein knappes Duzend Buchstaben einfach weggelassen wird, und bedeutet: "Guck mal, was für ein…". Typisch rheinisch ist auch nicht zu sagen schöner, sondern schönen, also im Akkusativ. Denn nicht nur die Aussprache und die Wortwahl ändert sich regional, sondern teilweise sogar die Grammatik.

Sprecher:

Einen Satz mit "Ich sach" oder "Sach ich" einzuleiten, das ist nun nicht wohngebietsspezifisch, sondern ist endlich einmal eine Besonderheit allein der gesprochenen, der Umgangssprache in ganz Deutschland. Schriftlich würde man formulieren: "Und dann sagte ich; darauf antwortete er." Weil das aber viel zu kompliziert ist und es trotzdem ein gehöriges Durcheinander geben würde, wenn man nur den Inhalt des Gesprochenen wiedergibt, nicht aber benennt, wer nun in der Geschichte was sagt, erinnert man sich an die Theaterdialogschriftsteller und sagt: "Sach ich – gedachter Doppelpunkt – kummer wat 'n schönen gelben Blazer". Es ist also original die gleiche Jacke. Sie ist nicht ähnlich, nicht nachgemacht, sondern identisch. Welche von beiden nun das Original und welches die Kopie ist, lässt sich nicht entscheiden. Wie bei den Zwillingen. Aber das Einzigartige bei denen ist wohl, dass es zwei Originale gibt.

Sprecherin:

Denn ob sie sächseln, Rheinisch sprechen oder Jugendsprache, ob sie sich 'n Langohr schimpfen oder gegenseitig abmurksen könnten, ob sie aus dem Rahmen oder aus den Wolken fallen: sie sehen nicht nur gleich aus, sondern sprechen auch immer beide genau die gleiche Sprache. Unsere beiden singenden Zwillinge vom Anfang haben sich das mit ihrer Blechgang längst zunutze gemacht. Ein Blick – und der Einsatz stimmt.

Gerhard und Richard Bracht:

"Als ich auf die Welt kam, / hatte ich kaum Zeit für mich, / er kam fünf Minuten später, / sah genauso aus wie ich. / Da wurde mir auf einmal klar, / warum es vorher so eng war. / Wir sah 'n uns in die Augen / und wir konnten es kaum glauben. / Und dann das Entsetzen in Vaters Gesicht. / Da hab ' wir uns geschwor'n: / Beide oder keinen."

Musik:

Die Zwillinge und die Blechgang: "Beide oder keinen"

"Beide oder keinen, beide für einen,

einer für beide,

zwei Leben lang.

Beide oder keinen, beide für einen,

einer für beide,

zwei Leben lang…"


Fragen zum Text

Nicht aus dem Rahmen fallen können …

1. Leinwände.

2. ungewöhnliche Personen.

3. Karosserien.

Wenn man jemanden umgangssprachlich abmurkst, dann …

1. beschimpft man jemanden.

2. tötet man jemanden.

3. umarmt man jemanden.

Die Bracht-Brüder besingen in ihrem Lied, dass …

1. sie ohne einander nicht leben wollen.

2. der Vater erfreut war über ihre Geburt.

3. sie gleichzeitig auf die Welt kamen.

Arbeitsauftrag

In der deutschen Sprache gibt es zahlreiche "doppelt gemoppelte" Wörter und Redewendungen – Tautologien und Pleonasmen –, die vor allem in der Alltagssprache gerne gebraucht werden. Wählen Sie beispielsweise einen Zeitungstext, die Rede eines Politikers oder ein Kapitel aus einem Buch und finden Sie entsprechende Wörter und Redewendungen.

Autorin: Daniela Wiesler

Redaktion: Beatrice Warken

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