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Politik & Gesellschaft

Zwickau kämpft um seinen Ruf

Als in Zwickau Rechtsextremisten enttarnt wurden, die zehn Morde begangen hatten, prägten Medien den Begriff "Zwickauer Terror-Zelle". Nun müssen sich die Zwickauer gegen ihr schlechtes Image wehren.

Nazis raus-Graffiti auf einer Skaterbahn im Zwickauer Stadtteil Eckersbach. Copyright: DW/Karin Jäger 23.03.2012

"Nazis raus" Graffiti auf Skaterbahn in Zwickau

Die Häuser in der Frühlingsstraße erstrahlen im Sonnenlicht. Die Fassaden in diesem bürgerlichen Viertel weisen einen makellosen Anstrich auf, und beim Herausputzen der Vorgärten scheint es, als wollten sich die Bewohner geradezu überbieten. Überall zwischen den gelb blühenden Forsythien und bunten Tulpen wird gejätet, geschnitten, gehackt. Auffällig: die Hausgärtner werkeln mit dem Rücken zur Straße, so als wollten sie nichts anderes sehen als ihr eigenes Grundstück. Reden will auch keiner über die ehemaligen Nachbarn: "Jetzt muss aber mal genug sein", ruft einer aus sicherer Entfernung.

Ruine der Zwickauer Terrorzelle in der Frühlingsstr.26., hier haben die drei untergetauchten Neonazis der NSU jahrelang gelebt. Copyright: DW/Karin Jäger 23.03.2012

Frühlingsstraße 26 - vor dem Abriss

Gras soll über die Sache mit den Terroristen in ihrer Straße wachsen. Vor Haus Nr.26 wächst das erste Unkraut aus den Trümmern heraus. Das obere Stockwerk der rechten Doppelhaushälfte ist komplett abgetragen. Vor den Fensterdurchbrüchen des Erdgeschosses verhindern fest vernagelte Spanplatten Einblicke ins Hausinnere. Die Ruine wird durch einen Bauzaun vor Eindringlingen geschützt. Das Haus wurde am 4. November durch eine Explosion in Schutt und Trümmer gelegt.

Zwei der Bewohner wurden damals tot in einem Wohnmobil in einem Eisenacher Vorort gefunden. Die Fahnder entdeckten dort auch die Dienstwaffe einer Polizistin, die vor viereinhalb Jahren in Heilbronn von Unbekannten erschossen wurde. Die Toten und ihre Mitbewohnerin Beate Zschäpe, die sich der Polizei stellte, gehörten zum Rechtsextremisten-Trio des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), das in den vergangenen zehn Jahren zehn Morde begangen hatte, bevorzugt an Ausländern, die in Deutschland lebten. Von Zwickau aus hatten sie ihre Verbrechen geplant.

Was Zwickau zu bieten hat

Seit der Aufdeckung klingelt das Telefon von Mathias Merz im Zwickauer Rathaus. "Aus der ganzen Welt waren Reporter da, sogar aus Finnland und Kanada", seufzt der Sprecher der Oberbürgermeisterin: "Alle wollen wissen, wie rechtsextrem die Zwickauer sind".

Mathias Merz gibt sich alle Mühe. Er vermittelt kompetente Gesprächspartner und bietet sich als Fremdenführer an. Der gebürtige Erlanger lebt seit 14 Jahren in der sächsischen Stadt am Fluss Mulde und das auch "gern", wie er betont. Als Merz aus dem historischen Rathaus, einem der schönsten Deutschlands, hinaustritt auf den roten, tadellos sauberen Teppich, ruft ausgerechnet in diesem Moment ein Schuljunge von höchsten sieben Jahren laut "Nazi" über den Platz. Der angesprochene Gleichaltrige, der ein paar Meter vorausgeht, dreht sich um und antwortet: "selber Nazi." Mathias Merz versucht die Frotzelei zu ignorieren, greift seinen Vortrag über die Stadtgeschichte wieder auf, redet von Silberfunden, den Steinkohlevorkommen, erzählt vom Reformator Martin Luther, der hier predigte, vom Komponisten Robert Schumann, der 1810 in der Stadt geboren wurde und von Autopionier August Horch, der ab 1904 in Zwickau PKW produzierte. Auf dem Weg  zum Dom und dem historischen Stadtkern, vorbei an zahlreichen Skulpturen und Brunnen, berichtet Rathaussprecher Merz von den DDR-Einheits-Autos "Trabant", die hier gefertigt wurden und dem VW-Konzern, der seit der Wende hier Autos baut. Altkanzler Helmut Kohl könnte Zwickau als Beispiel für "blühende Landschaften" anführen.

Trotz des sauberen, makellosen Erscheinungsbildes ist da diese Wunde, die drei Verbrecher der Stadt zufügten. "Viele Zwickauer sind betroffen, weil sie, wie ich auch, immer wieder mit dem Namen 'Zwickauer Terrorzelle' konfrontiert werden und sich dann rechtfertigen müssen, obwohl sie weder etwas mit den Verbrechern zu tun hatten noch rechtsextreme Ansichten vertreten."

Dr.Mathias Merz, Sprecher der Stadt Zwickau sitzt vor dem Robert Schumann-Denkmal. Der Komponist wurde in Zwickau geboren. Copyright: DW/Karin Jäger 23.03.2012

Rathaussprecher Mathias Merz

Und dann erzählt Merz noch, dass er kürzlich einen Pfarrer aus Hoyerswerda getroffen habe, der unmissverständlich erklärt habe, die Stadt sei den Ruf ,"ausländerfeindlich" eingestellt zu sein, bis heute nicht los geworden, seit im September 1991 Neonazis unter anderem ein Flüchtlingswohnheim angriffen und die Polizei die Situation nicht in den Griff bekam.

Es gebe fremdenfeindliche Tendenzen, gibt Mathias Merz zu, "das sollte man nicht wegdiskutieren, aber Zwickau ist nicht fremdenfeindlicher als andere Städte auch", fügt er hinzu. Und die Polizeistatistiken geben ihm recht. Demnach ist Zwickau eine der sichersten Städte Deutschlands.

Die wahren Probleme

Christoph Ullmann, Streetworker des Blauen Kreuzes in Zwickau vor seinem Arbeitsplatz im Wohngebiet Neuplanitz. Copyright: DW/Karin Jäger 23.03.2012

Streetworker Christoph Ullmann

Viel gravierender sei der demografische Wandel. Pro Jahr verliert die Stadt 500 bis 600 Einwohner. Es sterben viel mehr Zwickauer, als Kinder in der Stadt geboren werden. Beim Zusammenbruch der DDR lebten noch 122.000 Menschen in der Stadt, jetzt zählt sie noch 93.000. Und wo einst die DDR-typischen Einheits-Plattenbauten in den Himmel ragten, wächst nun Gras. Viele Hochhäuser wurden abgerissen, weil sie unbewohnt waren.

Im Zwickauer Stadtteil Neuplanitz reihen sich solche Mehrfamilienbauten noch aneinander, allesamt renoviert, mit reinlichem Anstrich. Keine Schmuddelecken, nirgends Graffiti-Schmiereien, aber auch nur wenige Menschen, die sich draußen in Parks und auf Spielplätzen aufhalten.

Arbeit mit Jugendlichen an der Basis

"Die Jugendlichen ziehen sich alle zurück in private Räume, kommunizieren über Handy oder Computer", erklärt Christoph Ullmann die Lage. Der Sozialarbeiter, angestellt beim Blauen Kreuz, blickt von seinem Büro direkt auf den verwaisten Spielplatz und auf die Hochhäuser. Die Wände sind unterschiedlich gestrichen in rot, gelb und weiß, und so differenziert sieht Ullmann auch die Menschen, mit denen er zu tun hat. Das Image, das die Stadt seit der Enttarnung der drei rechtsextremen Verbrecher habe, mache ihn wütend. Damit tue man den Zwickauern unrecht.

Und dann legt er los, erzählt ohne Punkt und Komma von Aufmärschen, die die NPD vor Jahren organisiert habe. Obwohl der Ausländeranteil bei unter zwei Prozent liege, habe es fremdenfeindliche Tendenzen gegeben. Beate Zschäpe habe er auch einmal dort gesehen. Und ihn habe fast der Schlag getroffen als ihm bewusst wurde, dass die junge Frau sich so radikalisiert habe und kriminell wurde.

Der lange Schatten der DDR-Vergangenheit

Die Ursache sieht Christoph Ullmann in der DDR-Vergangenheit. "Die Bürger waren damals über vier Jahrzehnte entmündigt. Wir hatten keine Freiheit und somit keine Herausforderungen zum eigenständigen Denken und selbstständigen Handeln."

Die Geister der mörderischen Diktatur seien auch 20 Jahre nach dem Ende der DDR noch unterwegs: "Wir tun uns schwer mit der Freiheit und anderen Kulturen, wir tun uns schwer, Menschen mit anderem Aussehen in unserer Umgebung zu akzeptieren."

Schatten rechtsaußen auf einer Tartanlaufbahn, die ins Nichts führt. Symbolbild für: wie sieht rechter Terror aus? Copyright: DW/Karin Jäger 23.03.2012

Jugendlichen Gesicht und Stimme geben

"Auf Grund unserer Geschichte fällt es uns schwer, uns als Deutsche zu repräsentieren. Patriotismus ist bei uns Deutschen doch immer noch etwas Verdächtiges. Dabei gibt es doch so viele Ereignisse, so viele Persönlichkeiten in unserer Geschichte, auf die wir Sachsen, wir Deutsche stolz sein können", mahnt Ullmann. Ihm sei nach Vorträgen sogar vorgeworfen worden, den Begriff Heimat zu verwenden. Das sei verdächtig. Für Ullmann sind Nazis dagegen Entwurzelte, gefährdete junge Menschen. Gefährdet seien die Heranwachsenden, die Unter-20-Jährigen. Und besonders groß war die Zahl der Orientierungslosen Anfang bis Mitte der 1990er Jahre.

Nachdem aber das Potential an Sympathisanten in der Stadt so geschrumpft sei, hätte man Neonazis von auswärts mit Bussen hergeschafft, und das sei nur noch peinlich gewesen. Und wenn man die Neonazis angesprochen habe, seien ihnen schnell die Argumente ausgegangen. Die Mitglieder der rechtsextremen Szene sagten schon, dass sie das Wohngebiet an ihn, Ullmann, verloren hätten. Das macht den Streetworker stolz. Große Aufmerksamkeit widmet er Vorträgen in Behörden und Schulen über Aufklärung und Prävention, und dann sind da ja noch die Jugendlichen, die er draußen anspricht oder die ihn anrufen und um ein Gespräch bitten.

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