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Deutschland

Zweiter Abschied von Westerwelle

Am Samstag wurde der ehemalige Außenminister in Köln beigesetzt. Jetzt fand im Auswärtigen Amt eine Gedenkfeier zu Ehren des Verstorbenen statt. Aus Berlin berichtet Marcel Fürstenau.

FDP-Chef Christian Lindner neben dem Foto des verstorbenen Guido Westerwelle

FDP-Chef Christian Lindner würdigt den Verstorbenen

Vier Jahre war er hier der Chef - von 2009 bis 2013. Nun steht ein kleines Schwarz-Weiß-Bild von ihm im Weltsaal des Außenministeriums. Das gerahmte Foto vor der deutschen und der europäischen Fahne ist mit einem Trauerflor versehen. In der ersten Reihe hat Guido Westerwelles Vorgänger und Nachfolger Frank-Walter Steinmeier Platz genommen. Der amtierende deutsche Außenminister spricht als Erster über den am 18. März verstorbenen Freidemokraten. "Guido Westerwelle war Optimist, er wollte Menschen Mut machen zum Leben", sagt der Sozialdemokrat. Auch Jean-Claude Juncker würdigt anschließend den Mut jenes Mannes, den viele während seiner Amtszeit als Fehlbesetzung verspottet haben.

An diesem Bild von Guido Westerwelle hat sich schon lange vor seinem Tod einiges geändert. Das liegt sowohl an seiner politischen Lebensleistung als auch an seinem Wirken nach dem Ende seiner Amtszeit. Von dieser späten Wertschätzung ist am Montag in Berlin viel zu spüren. Der braun getäfelte Saal mit den mächtigen Kronleuchtern unter der Decke ist überfüllt. Viele müssen stehen. Natürlich sind zahlreiche Weggefährten aus der FDP gekommen. Westerwelles Partei hat gemeinsam mit der nach ihm benannten Stiftung und dem gastgebenden Auswärtigen Amt zur Gedenkfeier eingeladen.

Westerwelle: "Sie haben doch auch nur ein Leben"

Am Samstag, beim Gottesdienst in Köln, waren die Spitzen des Staates dabei. Angeführt von Bundespräsident Joachim Gauck, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU). Viele derer, die an der Beisetzung teilgenommen haben, sind auch beim zweiten Abschied dabei. Allen voran Hausherr Steinmeier und Jean-Claude Juncker. Beide würdigen Westerwelles Empathie für Menschen und seine Verdienste um Europa. Steinmeier zitiert einen Ausspruch seines Amtsvorgängers: "Sie haben doch auch nur ein Leben." Der Satz fiel auf einer Dienstreise in Bangladesch auf dem Weg zum Flughafen, als er aus dem Auto heraus eine Familie beobachtet, die in einem Abfallberg nach Essbarem sucht.

Außenminister Steinmeier, EU-Kommissionpräsident Juncker, Alt-Bundespräsident Köhler, Ex-Außenminister KInkel (v.l.n.r.)

Außenminister Steinmeier, EU-Kommissionspräsident Juncker, Alt-Bundespräsident Köhler, Ex-Außenminister KInkel (v.l.n.r.)

Solche Eindrücke, sagt Steinmeier, hätten Westerwelle berührt. "Gerade die nicht-offiziellen Momente, scheinbar am Rande." Begegnungen mit Aktivisten oder Auszubildenden, mit Künstlern oder Unternehmensgründern, "und oft genug einfach mit Menschen auf der Straße". Er habe sich die Zeit für diese Begegnungen genommen. Und nicht nur einmal habe er nach einer besonders berührenden Begegnung gerufen: "Die haben doch auch nur ein Leben – genau wie wir." Steinmeier wiederholt diesen Westerwelle-Satz, weil er als Aufruf gemeint gewesen sei. "Das war der Ur-Impuls seiner politischen Arbeit: die Hinwendung zum Menschen und seiner Freiheit."

Kommissionspräsident Juncker erinnert an Kiew und Kairo

EU-Kommissionspräsident Juncker führt diesen Gedanken weiter aus. Er erinnert an Westerwelles Auftritte auf dem Maidan in Kiew und dem Tahrir-Platz in Kairo während der Revolutionstage in den beiden Ländern. Diese Auftritte seien ein "Angebot an den Rest der Welt" gewesen. Das Angebot der Freiheit, die in Deutschland so selbstverständlich ist. In der Ukraine und in Ägypten aber eben nicht. Besonders hebt Juncker Westerwelles Blick für die kleineren europäischen Länder hervor und jene, die noch nicht so lange in der Europäischen Union sind. Als Beispiel nennt der Luxemburger die erste Auslandsreise des Deutschen. Polen war das Ziel und Westerwelle habe versucht, das Land einzubinden "als Motor der europäischen Integration".

Michael Mronz (Mitte) auf der Gedenkfeier für seinen verstorbenen Ehemann Guido Westerwelle

Michael Mronz (Mitte) auf der Gedenkfeier für seinen verstorbenen Ehemann

Am Ende der Gedenkfeier würdigt Christian Lindner seinen mit 54 Jahren an Leukämie verstorbenen Parteifreund. Er wurde 2009 auf Vorschlag Westerwelles FDP-Generalsekretär. Knapp 30 Jahre jung war Lindner damals, als sein Förderer nach dem grandiosen Wahlsieg der Liberalen zum deutschen Außenminister avancierte. Es gibt viele Parallelen zwischen den beiden. Auch Westerwelle startete seinen Aufstieg 1994 als junger Generalsekretär. Später folgte die Wahl zum Parteichef - wie 2013 bei Lindner. Er übernahm den Vorsitz, als die FDP nach 65 Jahren erstmals aus dem Bundestag flog. Es war zugleich das Ende der politischen Karriere Westerwelles.

Westerwelle: "Europa hat einen Preis, nicht nur einen Wert"

Knapp zweieinhalb Jahre später verabschieden sich politische Weggefährten aller politischen Couleur im Auswärtigen Amt von ihm. "Er soll nicht mehr da sein", ringt Lindner um Fassung. Einer, "der so lange Zeit immer da war." Der eine ganze Generation inspiriert habe - oder provoziert. Sein Menschenbild sei voller Vertrauen und Zutrauen in die Kraft jedes einzelnen gewesen. Die von ihm geprägten "Wiesbadener Grundsätze" der FDP bezeichnet Lindner als "Wertegerüst". Das sei kein "kaltes, hartes Konzept", sondern ein "Plädoyer für Gerechtigkeit zwischen Generationen". Das habe nichts an Aktualität verloren.

Zum Schluss erinnert Lindner an einen Westerwelle-Satz, der bleiben werde: "Europa hat einen Preis, nicht nur einen Wert." Damit stehe er in der Tradition Hans-Dietrich Genschers. Der bekannteste deutsche Außenminister und prägende Liberale ist am vergangenen Freitag mit 89 Jahren gestorben - zwei Wochen nach Westerwelle.

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