1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Zweite Chance für Aktionärsschreck

Nach dem offiziellen Ende der Gemeinschaft mit Daimler hatte der Autokonzern Chrysler einen neuen Boss. Robert Nardelli wird neuer Unternehmens- und Verwaltungsratschef. Er gilt als knallharter Sanierer.

Robert Nardelli, neuer Chrysler-Chef, vor einer Wand mit Chrysler-Werbung, Quelle: AP

Neuer Chef: Robert Nardelli

Bisher war nicht viel bekannt über das Privatleben von Robert Nardelli – nun hat er immerhin preisgegeben, wo er mit seiner Frau Susan das erste Schäferstündchen verbracht hat. Seine Ernennung zum Chrysler-Chef müsse eine Fügung des Schicksals sein, soll die Mutter seiner vier Kinder geäußert haben. Schließlich sei ihr erstes Date in einem Dodge Dart gewesen – ein Automodell des Chrysler-Konzerns.

Mit der lockeren Anekdote wollte der neue Chef des US-Automobilbauers wohl zwei Schwächen zu überspielen, die ihm Kritiker vorwerfen. Erstens hat der Spitzenmanager keine Erfahrung in der Automobilbranche. Und zweitens gilt der 59-Jährige nicht gerade als Kumpeltyp. Am Montag (06. 08.) teilte der Finanzinvestor Cerberus mit, dass Nardelli Nachfolger des bisherigen Chrysler-Chefs Tom LaSorda wird, der künftig nur noch Vize-Chef ist. Die Personalie sehen Branchenkenner als Vorzeichen eines harten Sanierungskurses. Nardelli gilt als derb, egozentrisch und zahlenbesessen.

Steile Karriere

Der Lebenslauf des neuen Chrysler-Chefs ist der eines Mannes, der schon immer ganz nach oben wollte. Nardelli begann seine Karriere 1971 als Ingenieur bei General Electric, nachts studierte er Betriebswirtschaft. Weil er nicht ins Management aufsteigen durfte, verließ er General Electric, bekam aber 1991 doch noch einen der Vorstandsposten des Mischkonzerns. Als er 2000 entgegen seiner Hoffnung nicht Nachfolger von Konzernchef Jack Welch wurde, kündigte er erneut – und hatte angeblich binnen Minuten den Geschäftsführerposten der Baumarktkette Home Depot, wo er sechs Jahre blieb.

Ein Chrysler-Schild, im Gras davor ein abmontiertes Daimler-Chrysler-Schild, Quelle: AP

Scheidung im Himmel: Chrysler und Daimler gehen getrennte Wege

Die Zeit bei Home Depot hat Nardellis Image als Raffzahn und Aktionärsschreck maßgeblich geprägt. Als er das Unternehmen verließ, erhielt er eine Rekordabfindung von 210 Millionen Dollar – Anleger und Mitarbeiter schäumten vor Wut. Trotzdem stieg die Aktie spontan, als der zuletzt unbeliebte und glücklose Chef seinen Sessel räumte.

Unerbittlicher Führungsstil

Dabei hatte Nardelli anfangs mit Rekordgewinnen punkten können. Dann geriet Home Depot in schwieriges Fahrwasser, und Investoren kritisierten Nardellis großzügige Bezahlung. Auf der Aktionärsversammlung 2006 kam es zum Eklat: Nardelli weigerte sich, über sein Gehalt zu diskutieren. Er stellte zwei riesige Stoppuhren auf und drehte Aktionären das Mikrofon ab, wenn sie länger als eine Minute redeten. Nach einer Dreiviertelstunde beendete er die Versammlung eigenmächtig. Nach Nardellis Rücktritt entschuldigte sich das Unternehmen bei den Aktionären.

Auch intern pflegte Nardelli bei Home Depot einen streng militärischen Stil. Er soll Mitarbeiter wegen Kleinigkeiten mit E-Mails bombardiert und eine Atmosphäre der Furcht etabliert haben. Seine Unerbittlichkeit und sein Hang zu radikaler Kostensenkung haben nach Ansicht von Kritikern viele erfahrene Mitarbeiter aus dem Unternehmen getrieben und damit dem Service geschadet.

Chance auf doppeltes Comeback

Chrysler-Logo über einem Autokühler, Quelle: AP

Schwer verkäuflich: Chrysler baut große Autos mit hohem Verbrauch

Nun bekommt der Manager, wie es die "New York Times" formuliert, die Chance auf zwei Comebacks: das von Chrysler und sein eigenes. Chrysler hat im ersten Quartal 1,5 Milliarden Dollar operativen Verlust gemacht. Der Automobilkonzern ist weit stärker vom umkämpften US-Markt abhängig als die Konkurrenten Ford und General Motors – zudem baut Chrysler vor allem große Autos, die angesichts der Benzinpreise schwer zu verkaufen sind. Nardelli fand bei seiner ersten Pressekonferenz markige Worte: Chrysler sei eine "große amerikanische Ikone" und er wolle beweisen, dass die Automobilindustrie "Teil von Amerikas Zukunft, nicht seiner Vergangenheit, ist."

Immerhin wird ihm wohl diesmal niemand ein zu hohes Gehalt vorwerfen – angeblich soll Nardelli einen symbolischen Lohn von einem Dollar erhalten, der nur bei Erfolg erhöht wird. Sein Stil gegenüber Aktionären wird bei Chrysler auch kein Problem sein. Weil das Automobilunternehmen eine Cerberus-Tochter ist, gibt es keine Aktionärsversammlungen.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema