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Europa

Zweiklassengesellschaft an den Hochschulen

Knapp fünf Prozent der französischen Studenten besuchen eine der 400 "Grandes Écoles". Nur die besten Abiturienten werden aufgenommen. Ihnen winken am Ende Jobangebote während andere Studenten bei der Suche verzweifeln.

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Die "École Nationale d'Administration" ist eine der bekanntesten Eliteschmieden (hier eine Aufnahme des früheren Sitzes in Paris)

Zehn Stunden am Tag arbeitet Simon in einer Pariser Unternehmensberatung. Noch ist es ein Praktikum, aber das Unternehmen hat ihm eine unbefristete Stelle angeboten. "Das ist der Vorteil einer 'Grande École': Die Unternehmen kommen zu uns in die Schule, wir knüpfen schon im Studium Kontakte. Wir brauchen uns praktisch nicht zu bewerben", erklärt Simon.

Job garantiert

Der 23-Jährige hat gerade erst seinen Abschluss in Ingenieurwesen an einer "Grande École" in Bordeaux gemacht. Als "Maschine, die den Menschen Arbeit verschafft", bezeichnet er diese besondere Schule. 90 Prozent der Absolventen finden nach ihrem Studium einen Job. Während des Praktikums verdient Simon bereits 1500 Euro im Monat – sonst bekommen Praktikanten nur rund 400 Euro und zwar nur, wenn sie länger als drei Monate bei einem Unternehmen arbeiten. Das ist gerade mal ein Drittel des Mindestlohns.

Ein junger Mann sitzt an einem Schreibtisch und macht sich Notizen(picture alliance/dpa)

Der Weg auf eine "Grande École" erfordert viel diszipliniertes Lernen

Als Teil einer Elite sieht sich Simon aber nicht. Es sei eher ein Privileg, sagt er. Er habe viel dafür lernen müssen: Nur die besten Abiturienten, also etwa einer von zehn Schülern, schaffen es auf die "Grande École". Und auch nur dann, wenn sie die zweijährigen Vorbereitungskurse, die so genannten "classes préparatoires" durchhalten.

Das heißt: Unterricht von acht bis 18 Uhr, drei Stunden Einzelunterricht am Samstagmorgen und ein bis zwei Hausarbeiten pro Woche. "Ich saß jeden Tag bis Mitternacht am Schreibtisch, die Haare hingen mir in die Augen, ich hatte einen Bart, weil ich keine Zeit zum Rasieren hatte", erinnert sich Simon. Denn jeder wolle ganz oben auf der Rangliste stehen.

Student zweiter Klasse

Wer es nicht an eine "Grande École" schafft, ist Student zweiter Klasse. Denn auf den normalen Universitäten fehlen die Mittel: Die Hörsäle sind überfüllt und der Umgang mit den Studenten ist unpersönlich. Die "Grandes Écoles" hingegen sind klein: "Hier herrscht Korpsgeist, die Klassen kennen sich untereinander, wir kennen die Ehemaligen, die schon arbeiten. Eine 'Grande École' ist ein Netzwerk", so Simon.

Arbeitslose auf Jobsuche

Die Jobsuche ist für Absolventen von "normalen" Hochschulen viel schwieriger

"Korpsgeist" nennen es die, die dazugehören. "Vetternwirtschaft" nennen es alle anderen. Die 25-jährige Daisy war nicht auf einer "Grande École". Sie hat an der Sorbonne Sprachen und Wirtschaft studiert. Mit einem Master in der Tasche würde sie einen Job finden, dachte sie, als sie anfing zu studieren. Nach fünf Jahren Studium und sechs Praktika ist sie ernüchtert: "Hätte ich lieber Klempner oder Polizistin gelernt, da hätte ich jetzt wenigstens etwas in den Händen. Da studierst du fünf Jahre und lebst am Ende von Sozialhilfe." Noch sei sie allerdings zu stolz dafür, Sozialhilfe zu beantragen.

Ein Leben ohne Sicherheiten

Immerhin hat Daisy jetzt eine Wohnung gefunden – durch Beziehungen und Mund-zu-Mund-Propaganda. "Denn ohne Arbeit findest du auch keine Wohnung. Es ist ein Teufelskreis", erzählt sie.

Um sich irgendwie über Wasser zu halten, bezieht Daisy jetzt Arbeitslosengeld und jobbt ein bisschen nebenher, gerade als Babysitter. So habe sie noch Zeit für die Jobsuche. 700 Euro verdient sie derzeit im Monat - besser als ein unbezahltes Praktikum. "Als Praktikant ist man austauschbar, ohne Versicherung und ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft."


Autorin: Nadine Baier
Redaktion: Mareike Röwekamp

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