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Kultur

Zweifelhaftes Projekt im ägyptischen Niemandsland

Ägypten ohne grüne Landstriche im Niltal und im Delta – eine geradezu apokalyptische Vorstellung. Doch sie schwebt wie ein Damoklesschwert über dem 74-Millionen-Menschen-Staat. Eine Katastrophe bahnt sich an.

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Bewässerungskanal als Lösung?

Nach pessimistischen Schätzungen verliert Ägypten jede Stunde 1000 Quadratmeter Ackerland. Fruchtbares Land macht gerade einmal fünf Prozent des Territoriums aus. Der Rest ist Wüste. Ursache dieses Schreckensbildes ist nicht nur die verbreitete Trockenheit, denn die Wüste ist in Ägypten eine jahrtausende alte geographische Realität. Das rasante Bevölkerungswachstum wird zu einer politischen Herausforderung.

Es stellen sich drängende Fragen: Wo werden die Ägypter leben? Und wie ist der aus dem Bevölkerungswachstum resultierende gigantische Bauboom politisch besser zu kontrollieren und zu steuern? Um das Problem in den Griff zu bekommen, hat sich Ägypten in gewaltigen Landerschließungsmaßnahmen engagiert.

Als Bauer keine Zukunft

Bestes Beispiel für die Brisanz des Themas ist Kairo. 16 von 75 Millionen Ägyptern leben in der Metropole am Nil, tagsüber steigt die Zahl auf über 20 Millionen. Die extreme Bevölkerungsdichte ist dort besonders spürbar. Die Stadt dehnt sich ohne Unterlass auf Kosten fruchtbaren Landes aus.

Bildgalerie Wüste Stadtexpandiert Ägypten

Die Stadt expandiert

Der Lebenslauf von Imam Ali illustriert die Erfahrung von Millionen von Ägyptern, die mit ansehen mussten, wie das Grün der landwirtschaftlich genutzten Flächen immer weiter zurückgedrängt wurde vom Rot der neu erbauten Backstein-Häuser. "Zu Beginn meines Arbeitslebens war ich Bauer," erklärt der 67-jährige Vater von fünf Kindern, "aber als ich sah, wie immer mehr fruchtbares Land zugebaut wurde, habe ich nach meinem Militärdienst den Führerschein gemacht. Seitdem arbeite ich als Taxifahrer." Für viele Ägypter wie Imam Ali ist längst klar: Die Regierung muss schnell reagieren – aber wie?

Der Nil wurde schon immer als Allheilmittel eingesetzt, wenn es um die Lösung großer Probleme in Ägypten ging. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Der Bau des südlich von Luxor gelegenen Assuan-Staudamms in den 1960er-Jahren ist dafür das vielleicht bekannteste Beispiel. Doch die Erfolge, die aus seinem Bau resultierten, reichten bei weitem nicht aus, um der rasant wachsenden Bevölkerung genügend Siedlungs- und Wirtschaftsraum zur Verfügung zu stellen.

Die Pyramiden Mubaraks

Eine Lösung musste dringend gefunden werden – das war die Geburtsstunde des Großprojekts Toshka, 1997 initiiert von der Regierung Mubarak. 1300 Kilometer südwestlich von Kairo, in der Nähe des Nasser-Sees, soll hier ein Traum verwirklicht werden. Ein Traum, der auf einen Schlag alle Probleme lösen soll: Die Wüste soll urbar gemacht und besiedelt werden. Die offizielle Presse, die das Projekt in höchsten Tönen lobt, nennt es gar Ahramat Mubarak – die Pyramiden Mubaraks.

Mammutprojekt Toshka

Unvorstellbare 25 Millionen Kubikmeter Wasser werden jeden Tag von der weltweit größten Pumpstation aus dem Nasser-See gepumpt und in den 50 Kilometer langen Hauptkanal geleitet. Trotz der hohen Außentemperaturen, die im Sommer bis zu 50 Grad im Schatten erreichen können, wird das kostbare Nass offen und ungeschützt gegen Verdampfung nach Toshka geführt. Vier Nebenkanäle können jeweils bis zu 80.000 Hektar Land bewässern.

18 Dörfer und Städte sollen so in den kommenden zehn Jahren entstehen – mitten in der Wüste. Insgesamt sollen bis zu fünf Millionen Menschen umgesiedelt werden. Und in der Tat ist es ein beeindruckendes Bild, hier mitten im Niemandsland asphaltierte und hell erleuchtete Straßen vorzufinden.

Konflikte vorprogrammiert

Doch noch ist Toshka nicht das grüne Paradies für Millionen, wie es auf den Reißbrettern von Stadtplanern und in den Reden der Politiker beschrieben ist. Das 60-Milliarden-Euro-Projekt könnte gar zu einer Pleite werden. "Es nützt nichts, sich zu grämen, dass die Investitionen in dieses Projekt besser in Maßnahmen zur landwirtschaftlichen Entwicklung, Landerschließung und Wassernutzung im Delta und im Niltal gesteckt worden wären", sagt Mohamed Hassan Abdel Aal, Vize-Dekan der landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Kairo und Spezialist für Umweltfragen.

Damit das Projekt überhaupt funktionieren kann, müssten zehn Prozent des Nilwassers abgezweigt werden. Das bliebe nicht ohne Auswirkungen auf den Unterlauf des Flusses. Konflikte mit den anderen Nil-Anrainern sind damit vorprogrammiert. Schon jetzt ist das Nil-Delta zunehmend von Versalzung bedroht.

Deutschland, das seit Jahrzehnten im Agrarbereich mit Ägypten zusammenarbeitet, hat sich am Toshka-Projekt nicht beteiligt. Einen der wesentlichen Gründe nennt Paul Weber, Bewässerungsfachmann von der GTZ in Kairo: Es bestünden erhebliche Zweifel, ob es überhaupt gelingen könnte, genügend Bauern zu finden und sie dazu zu bringen, unter den klimatisch äußerst widrigen Bedingungen in der Region Landwirtschaft zu betreiben.

Auch die offizielle Presse, die das Projekt am Anfang als "die größte Leistung der Ära Mubarak" gepriesen hatte, berichtet immer weniger von dem Prestigeprojekt. Da erscheint es fast als schlechtes Vorzeichen, dass auch die Zigarettenmarke "Toshka", die anlässlich des Projektstarts lanciert worden war, klammheimlich vom Markt verschwunden ist.

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