1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik

Zwei Tote bei Rassenunruhen in England

Jugendliche pakistanischer und karibischer Herkunft haben sich in Birmingham Straßenschlachten geliefert, bei denen zwei Menschen starben. Droht ein Krieg zwischen den Einwandergruppen?

default

Polizeipräsenz nach den Unruhen

Birmingham Unruhen

Zwei ausgebrannte Fahrzeuge nach den Unruhen

Als die Rassenunruhen in Birmingham ausbrachen, blieb Gargi Bhattacharyya zuhause; doch der Gewalt entging sie trotzdem nicht völlig. Durch ihre Straße rannten aufgepeitschte Jugendliche, durch den Garten hinter ihrem Haus bewaffnete Polizisten und gegenüber ging ein Auto in Flammen auf. "Wir haben ständig die Feuerwehr angerufen, aber nichts passierte", erzählt die Soziologie-Dozentin. So griff das Feuer auf ein weiteres Auto über und loderte, bis beide Wagen vollständig ausgebrannt waren.

Die Anwohner der Straße sind bunt gemischt, Einwanderer aus der Karibik und Südasien leben hier nebeneinander, im Viertel Lozells gehören 82 Prozent der Bewohner ethnischen Minderheiten an. Ja, es gebe manchmal leichte Spannungen zwischen den Gruppen, gravierend sei dies aber nicht; die Leute kämen miteinander aus, sagt Bhattacharyya. Von den Ausschreitungen am Wochenende wurde sie vollkommen überrascht.

Ein Gerücht als Zünder

Als die Straßenschlachten zwischen mehreren hundert afro-karibischen und südasiatischen Jugendlichen in den frühen Morgenstunden des Montag (24.10.2005) endlich vorbei waren, gab es zwei Tote zu beklagen. Ein 18-Jähriger starb am Montag an Schussverletzungen, ein 23-Jähriger war am Samstag erstochen worden.

Brirmingham Unruhen

Ein zerbrochenes Fenster des Asian Resource Centre

Ausgelöst wurde die Gewaltwelle durch ein Gerücht, von dem bis heute nicht klar ist, ob es irgendeine reale Basis hat: Am Wochenende zuvor soll ein 14-jähriges Mädchen aus Jamaika von einer Gruppe pakistanischer Männer vergewaltigt worden sein. Die Polizei untersuchte den Tatort, ein Geschäft für Haarpflegeprodukte und versuchte, Zeugen zu finden, musste einige Festgenommene jedoch wieder frei lassen, weil keine Anzeige einging. Innerhalb der afro-karibischen Gemeinde hieß es, das Mädchen könne sich nicht an die Polizei wenden, da sie sich illegal in Großbritannien aufhalte.

Geschäfte verwüstet

Ein Piratensender und die Website Blacknet veröffentlichten die Gerüchte. Welchen Effekt die Vorwürfe auf einige Leser hatten, lässt sich dem Diskussionsforum von Blacknet entnehmen: "Ich hoffe, asiatischen Frauen werden die Kehlen aufgeschnitten", schrieb einer, ein anderer: "Wenn wir es auf pakistanische Frauen beschränken, stimme ich Dir zu."

Gedenken der Opfer der Terroranschläge von London

Südasiatinnen in London beim Gedenken nach den Anschlägen im Juli

Am Samstag organisierte die afro-karibische Gemeinde eine Demonstration mit hunderten Teilnehmern, die sich gegen die vermeintlich mangelnde Unterstützung von Verbrechensopfern richtete. Während der Protestmarsch friedlich verlief, wurde eine Versammlung in einer Kirche, auf der die Vorwürfe diskutiert wurden, von pakistanischen Jugendlichen gestört, die Teilnehmer mit Steinen bewarfen. In der Folge entwickelten sich die Krawalle, bei denen Geschäfte verwüstet und mehrere Autos in Brand gesetzt wurden; zudem sollen mindestens zwölf Schüsse gefallen sein.

"Erschreckendes Ausmaß"

"Ich war nicht sehr überrascht, als die Krawalle ausbrachen, aber das Ausmaß war erschreckend", sagt Tahir Abbas, Direktor des Zentrums zur Erforschung von Ethnizität und Kultur an der Universität Birmingham. Die Spannungen hätten sich in der Woche zuvor immer weiter aufgebaut, bis die Gruppen sich immer misstrauischer gegenübergestanden hätten: "Das Gerücht war Stadtgespräch. Die afro-karibische Gemeinde sagte: 'Warum unternimmt die Polizei nichts?' Und die südasiatische Gemeinde sagte: 'Niemand weiß, ob das Gerücht stimmt.'"

Rassenunruhen in Birmingham

Randalierer in der Nacht zum Montag

Es gebe Probleme zwischen den Einwanderergruppen, die damit zu tun hätten, dass die Südasiaten wirtschaftlich etwas erfolgreicher seien, sagt Abbas. "Ich glaube aber nicht, dass dies nun der Beginn eines Rassenkriegs ist." Vielmehr ließen sich die Ausschreitungen vor allem mit der Armut der Gegend erklären, in der die Arbeitslosigkeit hoch und der Bildungsgrad niedrig sind. Es habe sich eine Gang-Kultur entwickelt, in der sich asiatische und schwarze Jugendbanden gegenüberstünden, deren Auseinandersetzungen häufig mit Drogen und Verbrechen zu tun hätten. In der Vergangenheit wurden Bandenkonflikte teilweise mit Handfeuerwaffen ausgetragen.

"Jugendliche, die sonst herumhängen"

Zuletzt hatte es in Birmingham 1985 schwere Rassenunruhen gegeben, seither gab es in verschiedenen Städten Englands mehrfach Ausschreitungen. Die Krawalle vom Wochenende hätten jedoch eine neue Qualität: "In der Vergangenheit haben Schwarze und Asiaten gemeinsam randaliert." Dass es nun gegeneinander gehe, sei beunruhigend, auch wenn nur eine kleine Gruppe beteiligt gewesen sei.

Auch die Soziologin Bhattacharyya glaubt nicht, dass die Ausschreitungen etwas über das Verhältnis der Einwanderergemeinden insgesamt aussagen. "Die Leute, die beteiligt waren, sind nicht politisiert. Das sind Jugendliche, die herumhängen und auch sonst Ärger machen", sagt sie. "Die lassen sich leicht aufpeitschen und empfinden das als eine Art Abenteuer"

Die Redaktion empfiehlt