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Deutschland

Zwei müde Stunden mit Merkel

Die Sommer-Pressekonferenz mit der Kanzlerin bietet den Journalisten eigentlich eine gern genutzte Gelegenheit, Angela Merkel und ihre Politik besser zu verstehen. In diesem Jahr sprang der Funke nicht so recht über.

Es gibt das Gerücht, Angela Merkel wolle die nächste UN-Generalsekretärin werden. Wie zu erwarten war, ließ die Bundeskanzlerin bei ihrer alljährlichen Sommer-Pressekonferenz vor der nationalen und internationalen Presse in Berlin nichts von ihren mittelfristigen Zukunftsplänen durchblicken. Aber eigentlich agiert Merkel schon längst in einer international bedeutsamen Rolle.

Natürlich geht es bei ihren Presseauftritten vor dem Sommerurlaub traditionell schwerpunktmäßig um Themen und Konflikte aus aller Welt. Doch in diesem Jahr wurde überdeutlich, wie sehr Deutschland in die aktuellen Großkonflikte eingebunden ist. Die außenpolitischen Themen dominierten die zweistündige Veranstaltung. Ukraine, Gaza-Krise, NSA oder auch der West-Balkan, überall versucht die Bundesregierung zu vermitteln.

Langer Atem statt Fortschritte

Und das ist anstrengend. Auf die Frage nach dem Kosovo-Serbien-Konflikt sagte Merkel in einem der wenigen persönlichen Momente in einem Nebensatz: Im Vergleich zu anderen Konflikten habe es hier wenigstens Fortschritte gegeben. Da klang ein wenig Frustration durch, was die pflichtbewusste Merkel natürlich niemals offen zugeben würde. Im Gegenteil, frustriert zu sein, sei kein Zustand für eine Kanzlerin, stellte sie später klar, und als Kanzlerin sei sie auch im Urlaub im Dienst.

Angela Merkel PK 18. Juli 2014 (Foto: Reuters)

Ukraine, NSA, Gaza-Krise: Wenig Platz für Sommerlaune

Aber in vielen Antworten erzählte sie von den Mühen der Politik. Gegenüber den USA sei ein "langer Atem" nötig bei der Auseinandersetzung um die Arbeit von Geheimdiensten. Im Ukraine-Konflikt sei der Weg schwer, weil es keine vernünftige Alternative zum bisherigen Kurs gebe und die Situation dort immer komplizierter geworden sei. Vieles gehe viel zu langsam mit Russland. Und beim neuen EU-Personaltableau, das eigentlich schon stehen sollte, da zeige sich, "dass alles mit allem zusammenhängt". Manche Kritiker sagen, es sei typisch Merkel, nicht zu früh Position zu beziehen, sich nicht in die Karten schauen und die Dinge lieber laufen zu lassen. Sie werden sich durch solche Antworten bestätigt sehen.

Auch äußerlich trat Merkel nicht laut auf: kein farbenfrohes Sommerjacket dieses Mal, sondern ein weiß-beigefarbenes Outfit mit bernsteinfarbener Kette. Das passte zu ihrer Haarfarbe, aber auch zum Holzton des Podiums, auf dem sie saß. Herausstechend wirkte das nicht.

Vertane Chancen

Passend zur Nerven aufreibenden politischen Großwetterlage war die Stimmung zwischen Merkel und den Journalisten nicht wie in früheren Jahren locker-sportlich oder angemessen aggressiv, sondern in weiten Teilen eher müde. Anteil daran mag die 60. Geburtstagsfeier von Merkel am Vorabend gehabt haben. Mitten in die Feier platzte dann auch noch die Nachricht vom Abschluss der malaysischen Passagiermaschine, was die Nacht für die Kanzlerin sicherlich noch zusätzlich verkürzt haben dürfte.

Aber dass der Funke nicht so richtig überspringen wollte, hing sicherlich auch mit der Choreografie zusammen, wonach nicht ein Thema nach dem anderen abgearbeitet wurde. Maut, Türkei, Ukraine, NSA, Russland und dann wieder zurück und dann nochmal von vorn - durch dieses Springen gab es nur wenig tiefer gehende Frage-Antwort-Situationen. Doch nur in solchen Momenten oder durch originelle Fragen schaffen es Journalisten, Merkel auch zu knacken. Bei der gefühlt 1000. Frage zum Mindestlohn oder zur Rente mit 63 stellt sich ansonsten schnell Langeweile ein. Denn dazu hatte die Kanzlerin nichts wirklich Neues mitzuteilen.

Von China lernen

Angela Merkel in China. Foto: Foto: Kay Nietfeld/dpa

Im Fernen Osten immerhin läuft es gut: Merkel auf China-Reise

Doch in einigen kurzen Momenten blitzte durch, dass Merkel eigentlich durchaus Spaß an so einer Pressekonferenz hat. Nicht mit großen Gesten, aber mit einem kleinen Kopfnicken oder einem ganz kurzen Lächeln freute sie sich selbst über eine schlagfertige Antwort. Gelang ihr eine Replik nicht so recht, kräuselte sie leicht den Mund. Aber das sahen nur die Journalisten, die ganz vorne saßen. Als dann nach 90 Minuten endlich eine kreative Frage und zwar zum griechisch-mazedonischen Namensstreit kam, taute sie sichtlich auf. Ihr Augen blitzten, sie richtete sich auf und hatte sichtbar Freude daran zu begründen, warum sie jetzt keinen Namensvorschlag machen könne. Denn dann gebe es sofort Dementis aus der Region und ihr Vorschlag wäre "verbrannt".

Obwohl Merkel ihre Zukunftspläne offen ließ, sagte sie Sätze, die schon fast nach einem Vermächtnis klangen. "Weltoffensein ist das Allerwichtigste", war so einer oder "schauen, was im Ausland passiert." Und sie zitierte ein chinesisches Sprichwort: "Mit dem Fortschritt muss man Schritt halten." Angesichts des Ärgers mit Russland und der USA war es gar nicht so überraschend, dass Merkel den Blick in den Fernen Osten lenkte: Mit China jedenfalls, das zeigte auch ihr jüngster Besuch dort, läuft derzeit nämlich vieles gut.

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