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Kultur

Zwei Generationen nach '68: Warum sich Studenten heute in der Hochschulpolitik engagieren

Studenten, die sich heutzutage hochschulpolitisch engagieren, entweichen dem gängigen Erwartungsbild und sind alles andere als ein Überbleibsel der 68er-Bewegung.

Demonstration auf dem Campus der Berkeley University 67/68

Weder Vorbild noch Maßstab für heutige Aktivisten: Studentenbewegung der 68er

Sie hocken herum und diskutieren. Dabei rauchen sie Cannabis und waren seit drei Jahren nicht mehr beim Frisör. Ab und an besuchen sie eine Vorlesung und am liebsten organisieren sie Demos: so sieht es aus, das stark überzeichnete Klischee-Bild vom politisch aktiven Studenten. Die Mehrheit der Studenten, die sich heute politisch an ihren Hochschulen engagieren, sieht nicht nur anders aus, sondern handelt auch anders und das aus ganz pragmatischen Motiven.

Universität Münster mit Fahrradfahrer

Die Westfälische Wilhelms-Universität im historischen Schloss in Münster

Zu den politisch Engagierten gehört auch Helena Hinsen von der Uni Münster. Wenn man sie sieht, denkt man, aha, eine typische BWL-Studentin. Groß und schlank, lange blonde Haare, Perlenohrringe und Poloshirt. So laufen viele von den Mädchen herum, die Betriebswirtschaft studieren. Außerdem ist sie Mitglied in der politischen Partei Ring Christlich Demokratischer Studenten, RCDS – viele alternativ eingestellten Studenten würden sich jetzt abwenden. Helena seufzt nur: "Natürlich wird man am Wahlkampfstand gelegentlich beleidigt mit irgendwelchen Stereotypen, da kommen dann Sprüche wie 'Ihr seid doch alle rechts'. Das mache sie dann schon ein bisschen traurig, dass sich Leute nicht die Mühe geben, hinter die Fassade zu gucken und sich wirklich mit den Jugendlichen zu beschäftigen."

Überholte Klischees

Helena ist 21 Jahre alt und studiert Wirtschaft und Politik. Seit ihrer Jugend interessiert sie sich schon für die praktische Politik, hat sich in der Schule für die Interessen der Schüler stark gemacht und als sie angefangen hat zu studieren, war gerade Wahlkampf in Münster - für die Wahlen zum Studierendenparlament. Sie kam mit dem RCDS ins Gespräch und war prompt mittendrin: als Kandidatin.

Studenten im Hörsaal, Universität

Die Politikverdrossenheit ist hoch - dabei ist Engagement wichtig

"Ich habe mich irgendwie immer für das interessiert, was um mich herum vorgeht und wie ich das verändern kann" Es gebe viele Missstände an der Uni, Dinge die einen stören, und diese seien ihr aufgefallen. Dass Professoren nicht vernünftig unterrichten, dass Materialien zu spät bereitgestellt werden. Es müsse ein Mittel gefunden werden, dass das Hochschulleben verbessert und dafür sei die Hochschulpolitik das geeignete Feld, erläutert sie.

Veith Lemmen ist Helenas politischer Rivale. Er ist bei den Jungsozialisten, und die haben im Studierendenparlament die Mehrheit. Wenn sie hier diskutieren, sitzt Veith in der Regierung und Helena in der Opposition. Veith ist 23 Jahre alt, klein und dunkelhaarig, mit schwarzem Gangster-Hut, Cordjackett und Buttons am Revers. Er studiert Politik, Geschichte und Öffentliches Recht, außerdem ist er der Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschuss AStA. Das bedeutet, er arbeitet ein Jahr hauptberuflich für die Hochschulpolitik. Sein Studium hat er dafür auf Eis gelegt und lebt von 585 Euro im Monat, bezahlt von allen rund 40.000 Studierenden der Uni Münster

"Es gibt eigentlich recht viele schöne Sache in diesem Job", sagt Veith. Man könne mit den Studierenden ins Gespräch kommen, durch die Institute gehen, mit den Leuten reden, "man sieht auch, dass man ganz konkret Sachen erreichen kann", sagt er. Zum Beispiel wurde ein Raum für Studierende mit Kind eingerichtet. Außerdem habe man Leuten geholfen, damit sie nach der Einführung der Studiengebühren ihr Studium fortsetzen können. Eine Beratungsstelle AStA wurde eingerichtet, die selbst von der Universitätsverwaltung empfohlen wurde, weil sie besser sei als die universitätseigene Beratungsstelle, erklärt Veith

Politikverdrossenheit an der Uni

In der Hochschulpolitik läuft es nicht viel anders, als in der "richtigen" Politik: Im Studierendenparlament wird über Anträge diskutiert, werden politische Interessen eingebracht und Abstimmungen gehalten. Der AStA muss dann umsetzen, was die Mehrheit im Studierendenparlament beschlossen hat. Mit AStA und Studierendenparlament haben Studenten wirklich ein Sprachrohr zur Durchsetzung ihrer Interessen – aber nur wenige interessieren sich tatsächlich für das was Helena, Veith und Co. machen.

"Es gehen etwa 25 Prozent zu einer Studierendenparlamentswahl.

Studentenprotest gegen Studiengebühren

Studenten protestieren gegen Studiengebuehren - aktiv sein um etwas zu bewirken

Und das ist einfach viel, viel zu wenig", beklagt Helena. Das könnte dazu führen, dass man die verfasste Studierendenschaft abschafft, damit sei die Demokratie an der Hochschule vorbei, dann gebe es keinen AStA mehr, keine Fachschaftsvertretungen. Das sei ein Zustand, den keiner haben wolle, sagt sie.

"Wenn man näher hinschaut, dann wird man schon sehen, dass es immer wieder Erfolge gab, die auch von der Studierendenschaft und von studentischen Verbänden ausgegangen sind", sagt Veith. Dazu gehöre auch das Thema Bafög-Erhöhung, das es nicht gegeben hätte, wenn sich nicht studentische Vertreter in verschiedenen Gremien dafür eingesetzt hätten.

Professoren und das Rektorat könnten ansonsten machen, was sie wollten, behauptet Helena. Der AStA bietet darüber hinaus auch Serviceleistungen, wie die kostenlose Beglaubigung von Zeugnissen, eine Sozialberatung, eine kostenlose Rechtsberatung, Bulli-Verleih, eine Druckerei, eine Mitfahrzentrale. Das alles gebe es nur, weil es die verfasste Studierendenschaft gibt, sagt Veith.

Vorbereitung auf den Beruf

Veith und Helenas Einsatz für die Hochschulpolitik ist intensiv, aber gleichzeitig auch pragmatisch. Auf Dauer würden sie ihr Studium nicht darunter leiden lassen. Potentielle Arbeitgeber reagieren positiv auf ihr politisches Engagement. Ist es also politischer Einsatz für eine spätere Karriere?

"Einerseits nein, weil ich nicht unbedingt einen politischen Weg einschlagen will", sagt Veith. "Andererseits ja, weil ich politischen Journalismus machen möchte. Und da ist es, glaube ich, gut, das mal gesehen zu haben."

Es sei eine gute Übung, findet Helena, im Stupa zu sitzen, im RCDS zu sitzen, mal eine Sitzung zu leiten. Dies alles seien Übungen, bei denen man dann die so genannten Soft Skills lernen würde, die einem später nützlich sein könnten. Man lernt, frei zu sprechen und zu argumentieren. "Und das bringt mir was."

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