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Geschichte

Zwei, die den Krieg hätten verhindern können

Als der deutsche Kaiser am 1. August 1914 Russland den Krieg erklärte, hatte er sich zum Waffengang gegen seinen eigenen Cousin entschlossen. Wie es dazu kam schildert die Publizistin Elisabeth Heresch.

Wilhelm II, Hindenburg und Ludendorf

General Paul von Hindenburg, Kaiser Wilhelm II. und General Erich Ludendorff (von links nach rechts)

Deutsche Welle: Sie schildern in Ihrem Buch "Die Romanows" den regen Austausch von Depeschen zwischen dem Zaren und dem deutschen Kaiser in der Zeit zwischen dem Attentat von Sarajevo Ende Juni und der Kriegserklärung Deutschlands an Russland am 1. August 1914. Es geht dort dramatisch hin und her zwischen "Niki" und "Willy", wie sich die beiden in ihren Telegrammen vertraulich und in englischer Sprache anreden. Trotz der verwandtschaftlichen Bande gelingt es den beiden nicht, einen Krieg zu verhindern. Welche Stimmung herrscht in den Briefen? Lassen die Zeilen spüren, dass sie die Macht gehabt hätten, den Krieg zu verhindern?

Elisabeth Heresch: Das ist schwer zu sagen, denn wir schauen auf die Briefe mit dem Blick des Wissenden, und Kriegstreiber gab es bei allen Beteiligten. Wie wir jetzt wissen, gab es Personenkreise hinter den Kulissen, die seit langem den Krieg geplant hatten, und selbst wenn Wilhelm ehrlich Nikolajs Ersuchen um Vermittlung zur Vermeidung des Krieges nachgekommen wäre, hätte sich vermutlich der Mechanismus der Bündnispflichten auf allen Seiten durchgesetzt.

Nicholas II Kaiser Zar Russland 1890 (Foto: picture alliance)

Mochte es bodenständig und bescheiden: Nikolaj II., Foto von 1890

Eines ist jedoch klar: Wilhelm hat keinen von Nikolajs Vorschlägen zur Lösung des österreichisch-serbischen Konflikts angenommen oder umgesetzt. Im Telegrammwechsel wird deutlich, dass Wilhelm der Bestimmende ist. Das war auch zu Friedenszeiten so, dass er als der Ältere sich gerne als Ratgeber profiliert hat – natürlich nur in seinem Interesse. Nikolaj war aber intuitiv immer misstrauisch Wilhelm gegenüber.

Man sieht im Telegramwechsel, dass Nikolaj ein Idealist, wenn nicht sogar naiv war und nicht realistisch gedacht hat. Er hatte zuvor im Gespräch mit befreundeten Botschaftern geäußert, er könne sich nicht vorstellen, dass es zu einem Krieg komme. Deutschland würde sich doch nicht wegen des mit ihm verbündeten Österreich-Ungarn in einen Krieg hineinziehen lassen

Und welche Haltung hatte der russische Zar zum Konflikt zwischen Serbien und Österreich, die ja dann in den Krieg mündete?

Nikolaj war entgegen herrschenden Meinungen gar nicht begeistert davon, auf der Seite Serbiens den Konflikt auf dem Balkan mit austragen zu müssen. Er beklagte sich in Briefen an seine Mutter über die proserbischen Demonstrationen in Petersburg und äußerte sich einem Vertrauten der Familie gegenüber besorgt, es würde seinem Sohn vorbehalten sein, gegen Österreich-Ungarn zu kämpfen – sich selbst schloss er dabei jedoch aus, weil er glaubte, es verhindern zu können.

Der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II.

Liebte die große Pose: Wilhelm II.

Inwiefern haben die Militärs die Monarchen in den Krieg gedrängt?

Wilhelm und Nikolaj, aber vor allem die Verantwortlichen in Wien, waren von den Militärs dominiert. Die Militärs wollten sich unbedingt mit einem Krieg profilieren. Sie lagen ihren Herrschern in den Ohren - zum Teil mit Fehlinformationen in Wien und in Berlin.

So gibt es Belege dafür, wonach sowohl der Außenminister Österreich-Ungarns als auch die Umgebung Wilhelms in Berlin ihrem Entscheidungsträger Informationen vorenthalten haben oder ihnen sogar Desinformationen lieferten, um Entscheidungen zu provozieren, die in ihrem Sinne waren. Entscheidungen, die die Herrscher mit dem richtigen Wissen höchstwahrscheinlich nicht getroffen hätten.

Auch dem Zaren lagen seine Verteidigungs- und Außenminister in den Ohren und drängten ihn zur Mobilisierung; als dies laut Wilhelms Telegrammen als Risiko für einen Kriegsausbruch dargestellt wurde, hat Nikolaj sie anhalten und erst auf Beschwörungen seiner Minister fortsetzen lassen – zugleich aber Wilhelm sein Ehrenwort telegraphiert, dass seine Truppen keine Handlungen einsetzen würden. Ihm ging es am ehrlichsten darum, die Involvierung Russlands in einen möglichen Krieg zu verhindern.

Der letzte Zar Nikolaus II Russland mit Familie (Foto: dpa)

Nikolaj im Kreis seiner Familie: Durch ihre Heiratspolitik waren die Romanows eng mit deutschen Adelshäusern verbunden.

Es waren allerdings nicht allein die Militärs in Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn die den Krieg wollten - und jene Kräfte in England, die im Hintergrund die Fäden zogen. Kaum war das Attentat geschehen, gab es einen regen Briefwechsel zwischen Serbien und dem serbischen Botschafter in St. Petersburg, wonach man endlich die Gegnerschaft zwischen Serbien und Österreich mit russischer Unterstützung militärisch ausfechten würde. Für die Serben war es fast ein Triumph, dass ein Krieg in der Luft lag.

Welche Initiativen hat Nikolaj denn unternommen, um den Krieg zu verhindern?

Der Zar hat mehrere Anläufe unternommen: Sofort nach Bekanntwerden des Ultimatums Österreich-Ungarns an Serbien ließ er nach Wien telegraphieren mit dem Ersuchen, die Frist des Ultimatums zu verlängern, um Verhandlungen mehr Raum zu geben. Doch Wien lehnte arrogant ab.

An Wilhelm richtete er die Bitte, den "österreichisch-serbischen Konflikt" vor den - damals so benannten - Haager Schiedshof zu bringen, den Vorläufer des heutigen Internationalen Gerichtshofes in Den Haag. Diesen Vorschlag hat Wilhelm zurückgewiesen – was durchaus auf seine Kriegslust schließen lässt – und wie so oft hat er an den Rand eines Telegramms die Notiz gekritzelt: "Das kommt natürlich nicht in Frage!" Schon zur Gründung dieser Schieds-Instanz seinerzeit durch Nikolaj 1899 hatte er die Notiz gekritzelt: "So ein Unsinn. Bei mir sollen nur die Waffen sprechen!" Wer weiß, was (nicht) gewesen wäre, wenn…? Zudem schickte der Zar ein Telegramm nach Serbien - das ist kaum bekannt - mit der Bitte, das Ultimatum "möglichst in allen Punkten" anzunehmen.

Nun waren die Interessen der beiden Herrscher unterschiedlich, aber auch ihr Naturell konnten unterschiedlicher kaum sein. Nikolaj eher ein zaudernder nachdenklicher Monarch und Wilhelm als eher nassforscher Charakter.

Buchcover Elisabeth Heresch Die Romanows (Foto: Nicolaj-Verlag)

In ihrem Buch beschreibt Elisabeth Heresch die wechselhafte Geschichte der russischen Zarendynastie.

In der Tat: Extremere charakterliche Unterschiede sind kaum denkbar. Verschiedene Zeitzeugen beschreiben die beiden Persönlichkeiten als konträr – Wilhelm als eitel, theatralisch auftretend, impulsiv, aber auch wankelmütig, Nikolaj als bescheiden, gewissenhaft, aber lange überlegend, gewiss auch beeinflussbar. Die einzige Gemeinsamkeit ist die, dass beide interessanterweise sehr religiös waren. Aber Wilhelm hat seine Herrscherrolle gerne demonstriert und ausgelebt. Nikolaj war genau das Gegenteil: bescheiden und zurückhaltend. Er verschloss sich gerne dem Prunk.

Nicht nur zu Beginn des Krieges sind die Geschicke der beiden Monarchen miteinander verwoben, sondern auch am Ende.

Die Entscheidung für die deutsche Kriegserklärung an Russland war das auslösende Moment nicht nur für Krieg, sondern auch den Zusammenbruch dreier Monarchien: der russischen, deutschen und österreich-ungarischen. Doch in noch größerem Maße war die deutsche Kriegserklärung nachhaltig schicksalhaft für Russland, Europa und die Welt: Sie war die Voraussetzung für die russische Revolution.

Dieser Revolution ging nicht nur der Krieg mit seinen Mangelsituationen voraus. Es war vielmehr die gezielte deutsche Planung, die ab März 1915 angesichts der Einsicht, dass dem Deutschen Reich ein rascher Sieg an der Ostfront nicht gelungen war, mit einem umfangreich verfassten strategischen Programm Russland systematisch revolutionierte. Diese Aktionen wurden durch Sabotageakte und andere Maßnahmen unterstützt. So wurde Russland durch eine Revolution destabilisiert und anstelle des Zaren eine Regierung gesetzt, die um jeden Preis, den Berlin in bar bezahlte, jeden gewünschten Friedensvertrag zu unterschreiben bereit war. Dies hatte Lenin von seinem Exil aus in einem Punkteprogramm wissen lassen.

In diesem Zimmer im sogenannten Ipatjewschen Haus in Jekaterinburg soll die Zarenfamilie am 17. Juli 1918 ermordet worden sein.

In diesem Zimmer im sogenannten Ipatjewschen Haus in Jekaterinburg soll die Zarenfamilie am 17. Juli 1918 ermordet worden sein.

Dies besiegelte auch das persönliche Schicksal der Zarenfamilie. Wilhelm hätte Lenin für die Ermöglichung seiner Machtergreifung die Bedingung abverlangen können, dass die Zarenfamilie ungeschoren bleibt und ausreisen darf. Das hat er nicht gemacht. Wie wir wissen, ist die gesamte Zarenfamilie mitsamt ihren Bediensteten ermordet worden - als Teil des politischen Konzept Lenins, keinen Romanow auf russischem Boden überleben zu lassen. Es handelt sich also in jeder Hinsicht um einen ganz großen Verrat Wilhelms an seinem eigenen Verwandten und am monarchischen Prinzip. Doch während der Kaiser seinen Cousin, den er vom Thron gestoßen hatte, unvorstellbar brutalen Mördern aussetzte, konnte er selbst, mit dem alles begonnen hatte, nach dem Verlust seines Throns wohlbehalten sein Exil antreten. Kein Vergleich!