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Amerika

Zwangsumsiedlungen in Rio: "Vila Autódromo" kämpft

Für Olympia entsteht im Westen von Rio de Janeiro ein komplett neuer Stadtteil. Wer den Baumaßnahmen im Weg steht, wird umgesiedelt. Doch nicht alle lassen sich das gefallen. Aus Rio de Janeiro Friedel Taube.

Maria da Penha ist in einem Seitenflügel der Kirche untergekommen. Hier lebt es sich so einigermaßen, sagt sie, zum Kochen allerdings müsste sie zu den Nachbarn gehen, denn eine Küche gibt es nicht. Ihr Garten dagegen, ja, der läge dahinten, beziehungsweise das, was davon übriggeblieben ist.

Dann geht sie hinüber zu der Brachfläche, wo mal ihr Haus stand und wo sie 23 Jahre mit ihrer Familie gewohnt hat. Der vertrocknete Tomatenstrauch zeugt davon, dass hier ihr Gemüsebeet war. Als wolle auch er sich nicht unterkriegen lassen, hängt noch wie zum Trotz eine kleine Tomate daran. Am 8. März hatten Bulldozer Maria da Penhas Haus zerstört, ohne Vorankündigung. Eine Entschädigungszahlung hatte sie zuvor abgelehnt.

Denn für Maria da Penha ist klar: Niemand bekommt sie weg aus der Siedlung Vila Autódromo im Westen der Stadt, direkt neben dem Olympiapark. Das steht für die 51-Jährige fest. Auch wenn hier alles voller Bauschutt ist, Staub in der Luft liegt und viele Häuser nur noch Ruinen sind. Auch, wenn sie während ihres Kampfes eingeschüchtert und sogar geschlagen wurde - 2015 brachen ihr Polizisten während eines Protests die Nase.

Maria de Penha, Foto: DW

Maria de Penha sträubt sich gegen die Zwangsumsiedlung

Mit Olympia endete die Ruhe

Die Vila Autódromo war schon immer eine ganz besondere Siedlung, sagt sie. Vor fast 30 Jahren am Rande einer stillgelegten Rennstrecke illegal entstanden, lebten hier rund 3000 Menschen. In den Achtziger Jahren bekamen sie dann das Wohnrecht, die Siedlung wurde legal. Damals war das hier ein Sumpfgebiet rund 40 Kilometer von der Innenstadt entfernt. Die Bewohner schätzten den guten Zusammenhalt und die Kriminalitätsrate, die - im Gegensatz zu vielen Favelas in Rio – niedrig war. "Wir waren hier wie eine große Familie," sagt da Penha, "es war ein gutes Leben." Bis der Olympiazuschlag kam.

Zum Herzstück der Spiele wurde nämlich just Barra de Tijuca auserkoren, jener westliche Stadtteil, der seit Ende der 60er Jahre für die obere Mittelschicht ausgebaut wurde und der jetzt, im Zuge von Olympia, zu einem Viertel mit Luxusimmobilien aufgewertet werden soll. Das "Vermächtnis" der Spiele für die Bewohner der Stadt, nennt das die Stadt. Nur, für welche Bewohner? Die Vila Autódromo, mitten in Barra gelegen, musste jedenfalls weg, so der Entschluss der Stadt. Mit Entschädigungszahlungen, die mal hoch, mal weniger hoch waren, versuchten sie den Bewohnern das schmackhaft zu machen, was es de facto war: die Zwangsumsiedlung in andere Stadtteile. Die, die sich weigerten zu gehen, wurden Opfer eines Pychokrieges: Mal stellte die Stadt ihnen den Strom ab, mal wurde der Bauschutt des Nachbarhauses direkt vor ihrer Eingangstür abgeladen.

Bewohner holen sich professionelle Hilfe

Mit dieser Art des Widerstands hatte die Stadt allerdings nicht gerechnet: Die resistenten Bewohner beriefen sich auf ihr vor Jahrzehnten zugesichertes Bleiberecht und holten sich professionelle Hilfe. Gemeinsam mit zwei Organisationen für Stadtplanung erarbeiteten sie einen Alternativplan für die Siedlung, der vorsah, sie urban zu erschließen und die Bewohner vor Ort zu belassen. "Volksplan" nannten sie das Konzept, das sie 2012 der Stadt vorlegten. Sie hörten allerlei Versprechen, doch das einzige was sie bekamen, waren Drohungen. "Sie haben gesagt: Keiner wird hierbleiben können, und wer sich nicht auf die Bedingungen einlässt, wird alles verlieren", erinnert sich Maria da Penha.

Giselle Tanaka, Foto DW

Giselle Tanaka trägt es auf dem Shirt: "Rio ohne Umsiedlungen - es lebe Vila Autódromo"

Eine, die den Bewohnern zur Seite sprang, war Giselle Tanaka. Die Stadtplanerin und Professorin für Landesplanung an der Föderalen Universität in Rio (UFRJ) hat den "Volksplan" mit ausgearbeitet. "Die Strategie der Stadt war, zunächst einige Bewohner mit hohen Entschädigungszahlungen in neue Apartments zu locken", sagt sie. "Doch dann hatten die Vertreter der Stadt nicht mehr so viel Geld übrig und sagten zu den anderen: Nehmt das oder nichts". Zudem wurden immer wieder neue Argumente ausgepackt, weshalb die Bewohner weichen müssten. "Mal wurden Umweltaspekte angebracht, mal war es eine Straße, die gebaut werden sollte. Ich habe an insgesamt neun Sitzungen teilgenommen, was wurde nicht alles erzählt. Mehr als 40 Häuser sollten zum Beispiel einer einzigen Fußgängerbrücke weichen. Wie bitte? Ich war überzeugt: Das muss doch anders gehen." Trotz der Arbeit der Stadtplaner beugten sich viele Bewohner dem Druck und der Angst, womöglich komplett leer auszugehen - und zogen weg. Teils in Siedlungen, die 60 Kilometer weg sind. Die Gemeinschaft wurde zerstört.

Zwangsräumung ohne Ankündigung

Rios Bürgermeister Eduardo Paes ist überzeugt, korrekt gehandelt zu haben. "Das war eine Logistikmaßnahme, wir brauchten die Zugangswege ", sagt er. Den Druck, den Nichtregierungsorganisationen wegen der Vila Autódromo aufgebaut haben, hält er für ungerechtfertigt, denn viele Bewohner hätten freiwillig weggewollt. "Wer ging, hat eine Entschädigung erhalten. Niemand wurde zwangsgeräumt", sagt er der DW.

Brasilien Zwangsumsiedlungen in Rio wegen Olympia Altair Antunes Guimarães. Foto: DW Friedel Taube

Das olympische Medienzentrum überragt den ehemaligen Garten von Altair Antunes Guimarães

Wer mit Altair Antunes Guimarães spricht, beginnt, an der Darstellung des Bürgermeisters zu zweifeln. Er zog weg aus Vila Autódromo. Richtig ist zwar, dass Guimarães eine relativ großzügige Entschädigung erhielt, 1,2 Millionen Reais, rund 300.000 Euro. "Das ist gutes Geld für mich", sagt er. Die Räumung lief aber alles andere als friedlich ab. "Ich war unterwegs, als sie kamen, rund drei Autostunden von Rio entfernt", berichtet er. "Mein Neffe hat mich angerufen, dass mein Haus gerade abgerissen wird. Als ich heimkam, war mein Haus bereits weg." Jetzt wohnt er mit seiner Familie in einem anderen Stadtteil zur Miete, sucht ein Haus. Dass sein Bleiberecht ignoriert wurde, hat er immer noch nicht verdaut, als er nach Monaten wieder in der "Vila Autódromo" steht und zu dem gläsernen Hochhaus guckt, in dem das olympische Medienzentrum entsteht. "Das macht mich traurig. Aber die Juristen sind nun mal dem Bürgermeister mehr verpflichtet als den Bürgern". Die Schuldigen für ihn sind Bürgermeister Paes und der Baumogul Carlos Carvalho. "Dem gehört doch 75 Prozent des Grunds, auf dem die Olympiabauten stehen", sagt Guimarães. Dass jener Carvalho und der Bürgermeister seit langem befreundet sind, die Baufirma den Wahlkampf mitfinanziert hat, sehen viele hier besonders kritisch.

Im März dieses Jahres lenkte Bürgermeister Paes unter dem entstandenen Mediendruck ein und brachte einen Kompromissvorschlag, der es 22 Familien erlaubt zu bleiben, darunter der von Maria da Penha. Sie hat gemischte Gefühle. "Einerseits fühle ich mich als Gewinnerin, denn ich kann bleiben. Andererseits waren wir hier mal 583 Familien." Das gute Leben, das sie beschrieben hat, kommt nicht mehr wieder, weiß sie. "Ich wache nachts auf, habe Halsschmerzen wegen des Baustaubs. Oft bekomme ich Atemprobleme." Ärztliche Hilfe hat ihr niemand angeboten. Egal was passiert - Maria da Penha bleibt.

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