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Kultur

Zwangsarbeit in Hitlers Europa

In der NS-Zeit gab es deutlich mehr Zwangsarbeiter als bislang angenommen. 150 Wissenschaftler aus 17 Ländern legten bei einer Tagung in Berlin neue Forschungsergebnisse vor. Fest steht: Es gibt noch viel aufzuarbeiten.

Zwangsarbeiter auf dem Gelände des Daimler-Werkes in Minsk, September 1942 © Mercedes-Benz Classic, Archive Diese Pressefotos dürfen ausschließlich im Rahmen der aktuellen Berichterstattung zur Sonderausstellung »Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg« verwendet werden.

Zwangsarbeiter in Minsk (1942)

Die Zahl der vom NS-Regime ausgebeuteten Zwangsarbeiter muss deutlich nach oben korrigiert werden. Darin sind sich die Teilnehmer der Historikerkonferenz in Berlin einig. Von Belgien bis Russland, von Italien bis Norwegen – überall in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten verrichteten deutlich mehr Menschen Sklavenarbeit, als bisher gedacht. "Wir kannten bislang nur die Zahl derjenigen, die ins Deutsche Reich deportiert wurden und dort zum Einsatz kamen", sagt Professor Ulrich Herbert, der sich seit langem mit dem Thema beschäftigt. "Nicht beachtet wurden jedoch die, die in ihren Heimatländern von den deutschen Besatzern zur Arbeit für deutsche Zwecke gezwungen wurden." Nimmt man beides zusammen – so die neuesten Erkenntnisse – kommt man auf eine Zahl von mindestens 20 Millionen Menschen. Und auch das bezeichnet der Experte Herbert als "konservative Schätzung", im Grunde habe während des Zweiten Weltkrieges ganz Europa für die Deutschen gearbeitet.

KZ-Häftlinge auf der IG Farben-Baustelle, Auschwitz, um 1943 © Bundesarchiv, Koblenz Diese Pressefotos dürfen ausschließlich im Rahmen der aktuellen Berichterstattung zur Sonderausstellung »Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg« verwendet werden.

Auschwitz (um 1943): KZ-Häftlinge auf der IG Farben-Baustelle

Gemeinsames Projekt europäischer Historiker

Erstmals beschäftigen sich nun Historiker aus vielen europäischen Staaten mit diesem Phänomen. Den Anstoß dazu gab die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft", die 13 internationale Forschungsprojekte mit insgesamt 900.000 Euro fördert. Vorstand Günter Saathoff erläutert: "Es geht nicht mehr nur um Entschädigungen und die Würdigung der Opfer – sondern nach dem Ende der Auszahlungen an die Betroffenen auch um die Rekonstruktion und das Verständnis des Systems Zwangsarbeit." Die Erinnerung an das Unrecht sei in den Köpfen der Betroffenen und ihrer Familien. Jahrzehntelang jedoch sei das Thema tabuisiert worden, insbesondere im Osten Europas. Von einer europäischen Erinnerungskultur könne man daher noch nicht sprechen.

Eine der zahlreichen Regeln zum Umgang mit Zwangsarbeitern. »Schaubild der Woche«, Amstettner Anzeiger, 18. April 1943 © Bibliothek der Universität Wien Diese Pressefotos dürfen ausschließlich im Rahmen der aktuellen Berichterstattung zur Sonderausstellung »Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg« verwendet werden.

Zeitungen veröffentlichten Regeln für den Umgang mit Zwangsarbeitern

Dies freilich ändert sich. Zwangsarbeit ist nun Gegenstand der internationalen Forschung – sie ist, wie Ulrich Herbert sagt, ein gemeinsames Projekt europäischer Historiker geworden. Auch, weil nun, anders als in der Vergangenheit, Quellen und Archive zur Verfügung stünden, Sprachbarrieren überwunden und finanzielle Ressourcen erschlossen worden seien. Jetzt also ist es möglich, dieses dunkle Kapitel einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Europaweites Zwangssystem

Zwangsarbeit hatte viele Gesichter. Die Bandbreite reicht von dem dänischen Ingenieur, der in Deutschland dienstverpflichtet wurde und dabei relativ gut leben konnte, bis zum jüdischen Ghetto-Kind, das Wehrmachtsuniformen nähen musste, bevor es ermordet wurde. In Belarus wurden Bauern vor Eggen gespannt und mussten verminte Felder durchpflügen – ein Todeskommando. Der Bau von gigantischen Festungsanlagen in Norwegen, Eisenbahnbau für die Wehrmacht in Polen, Straßenbau in Italien, Feldarbeit in Serbien zur Beschaffung von Lebensmittelvorräten für die Wehrmacht, Sklavenarbeit in der deutschen Rüstungsindustrie: So unterschiedlich die Bedingungen auch waren – überall wurden Menschen bei Hungerrationen, mangelnder medizinischer Versorgung und drakonischen Strafmaßnahmen ausgebeutet, gequält und vielfach auch ermordet.

Profiteure und Kollaborateure

Ukrainische Zwangsarbeiter erhalten nach ihrer Befreiung eine Mahlzeit, März 1945 © National Archives, Washington Diese Pressefotos dürfen ausschließlich im Rahmen der aktuellen Berichterstattung zur Sonderausstellung »Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg« verwendet werden.

Endlich befreit: ukrainische Zwangsarbeiter 1945

Arbeitskräfte wurden überall in Europa mit verschiedenen Methoden gewonnen: angeworben, mit falschen Versprechungen angelockt, einberufen und schließlich, je mehr Opfer der Krieg forderte, bei Razzien von Polizei oder SS mit Gewalt aufgegriffen. "In den baltischen Staaten beispielsweise gab es regelrechte Menschenjagden", sagt der Freiburger Historiker Tilman Plath. Sein Kollege Karsten Linne von der Freien Universität Berlin erläutert: "Die deutsche Arbeitsverwaltung war eine verhasste Institution." Freilich gab es auch eine verbreitete Kollaboration. Lokale Behörden, Polizei, Bürgermeister: In allen besetzten Ländern haben Menschen den Nationalsozialisten geholfen, haben einheimische Unternehmen von der Zwangsarbeit profitiert. Auch freiwillige Arbeitseinsätze hat es gegeben, für manch einen Betroffenen angesichts dramatisch schlechter Lebensumstände das kleinere Übel. Besonders jüdische Häftlinge hofften, die Zwangsarbeit werde ihnen das Leben retten. Ein besonders tragischer Trugschluss, wie Professor Ulrich Herbert meint: "Die Zwangsarbeit von Juden war nur ein Umweg vor ihrer Ermordung."

Autorin: Cornelia Rabitz

Redaktion: Petra Lambeck

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