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Kultur

Zwangs-Umsiedlungen in der DDR

In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1961 ließ das DDR-Regime rund 3200 Menschen ins Landesinnere zwangsumsiedeln. Die Begründung: Sie lebten zu nah an der innerdeutschen Grenze und galten als politisch unzuverlässig.

Innerdeutsche Grenzanlagen Mitte der 1960er Jahre: jetzt Stacheldrahtzäune an Betonpfählen, hölzerne Beobachtungstürme stehen entlang der Grenze. Copyright: Grenzlandmuseum Eichsfeld

In den frühen Morgenstunden klopfte es bei der Familie von Irmgard Ohnesorge. Vor der Tür standen Polizisten, Soldaten und Männer von der örtlichen Behörde. "Sie geben dir eine Stunde, um deine persönlichen Sachen zusammenzusuchen, dann musst du weg", erinnert sich Irmgard Ohnesorge. Sie war damals vier Jahre alt. Ihre Familie lebte im thüringischen Günterode, direkt an der Grenze zu Niedersachsen. Die Eltern betrieben dort Landwirtschaft und eine gut gehende Gaststätte. Haus und Hof lagen allerdings direkt im Sperrgebiet an der innerdeutschen Grenze - dem SED-Regime war das ein Dorn im Auge.

Vom "Ungeziefer" zur "Kornblume"

Mitarbeiter des bundesdeutschen Zollgrenzdienstes auf der getrennten Straße von Immingerode nach Böseckendorf Copyright: Grenzlandmuseum Eichsfeld

Der bundesdeutsche Zollgrenzdienst an der getrennten Straße nach Böseckendorf

In einer groß angelegten, generalstabsmäßig geplanten Operation mussten in dieser Nacht 3200 Menschen entlang der innerdeutschen Grenze Haus und Hof verlassen und in eine ungewisse Zukunft ziehen – zum Schutz der Grenze. "Aktion Festigung" hieß sie, in Thüringen verharmlosend "Aktion Kornblume".

Zwangsaussiedlung heißt das, was damals geschah, unter Historikern. Eine erste Welle davon hatte es bereits 1952 gegeben. Unter der zynischen Bezeichnung "Aktion Ungeziefer" ging sie in die Akten der Staatssicherheit ein. Insgesamt waren 11.000 Menschen betroffen, sie mussten sich im Landesinneren der DDR eine neues Zuhause aufbauen. Entschädigt wurden sie kaum. Gegenwehr hatte wenig Sinn, und auch die Flucht in den Westen war 1961 mit dem Bau der Mauer schwierig geworden. Die Grenze wurde scharf bewacht.

Ende der 1960er Jahre ist Böseckendorf schon von einem Streckmetallzaun eingegrenzt und der hölzerne Beobachtungsturm am Ortsteil Bleckenrode wird durch einen Betonturm ersetzt. Copyright: Grenzlandmuseum Eichsfeld

Ende der 1960er Jahre war Böseckendorf schon von einem Streckmetallzaun eingegrenzt. Der hölzerne Beobachtungsturm am Ortsteil Bleckenrode wird durch einen Betonturm ersetzt.

Ein Dorf auf der Flucht

Aber in Böseckendorf, damals im 500-Meter-Schutzstreifen unmittelbar an der Grenze zu Niedersachsen gelegen, lassen sich nicht alle Menschen einschüchtern. Drei Familien sind bereits 1952 über die Grüne Grenze in den Westen geflüchtet. Jetzt droht den Bauern die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. Als dann im Herbst 1961 auch noch die ersten Betonpfosten zur Grenzfestigung aufgestellt werden, kursieren in Böseckendorf Gerüchte über unmittelbar bevorstehende "Zwangsevakuierungen negativer Elemente" aus dem Grenzgebiet. Fliehen oder bleiben?

Schließlich sind es 53 der dreihundert Böseckendorfer, die am Abend des 2. Oktober 1961 mit einem bepackten Pferdefuhrwerk Richtung Westen fahren. Bis nach Niedersachsen sind es zwar nur 1000 Meter, aber für die Soldaten in diesem Grenzabschnitt gilt der Schießbefehl. Zum Glück können die Dorfbewohner die Strecke unbehelligt überwinden. Als "Böseckendorf – die Nacht, in der ein Dorf verschwand" wurde ihre Geschichte vor einigen Jahren auch verfilmt.

Asoziale, Kriminelle, Verbrecher

Polizeiverordnung von 1952, in deren Folge erstmals Zwangsaussiedlungen aus dem Sperrgebiet erfolgten. Copyright: Grenzlandmuseum Eichsfeld

1952 verordnete die Polizei erstmals Zwangsaussiedlungen

Ganz anders erging es denen, die eine Zwangsaussiedlung ins Landesinnere erlitten. Irmgard Ohnesorge und ihre Familie wurden mit wenigem Hab und Gut auf Lastwagen gepackt und in die Nähe von Weimar gebracht. Über dem Schweinestall eines Bauernhofes teilte man ihnen eine winzige Wohnung zu – viel zu klein für elf Personen. Als Verbrecher, als Asoziale waren sie in dem Dorf angekündigt worden, und so wurden sie auch von vielen behandelt.

Erst Haus und Hof verlieren und dann als Kriminelle gebrandmarkt werden – mit diesem doppelten Trauma kamen viele nicht zurecht. Einige nahmen sich das Leben. Aus Scham behielten die meisten jahrelang ihre Geschichte für sich. Die psychischen Folgen sind auch nach dem Fall der Mauer nur unzureichend aufgearbeitet worden.

Die weiter ausgebaute Grenze Mitte der 1960er Jahre: statt einreihigem Stacheldrahtzaun sieht man jetzt zwei Zäune mit Stacheldraht an Betonpfählen, hölzerne Beobachtungstürme stehen entlang der Grenze. Copyright: Grenzlandmuseum Eichsfeld

Die Grenze Mitte der 1960er Jahre

Lebenslanges Trauma

Auch nach 1961 gab es immer wieder Schikanen für Leute, die in der Nähe der innerdeutschen Grenze lebten. Vereinzelt fanden auch dann noch Zwangsaussiedlungen statt. Der Vater von Helmut Montag, einem Landwirt aus Wendehausen, ist an den Folgen zerbrochen. Sein Hof, das seit 1276 bestehende Gut Scharfloh, lag direkt im Schutzstreifen. Als die deutsch-deutsche Grenze undurchlässig gemacht werden sollte, kam es, wie kommen musste: Die Familie hatte den Hof zu verlassen und bekam im Nachbardorf eine Bleibe zugewiesen. Dort lebt Helmut Montag auch heute noch. Den Tag, an dem das stattliche Anwesen von der Armee dem Erdboden gleichgemacht wurde, kann er nicht vergessen.

Nur eine alte Linde und ein Gedenkstein erinnern noch an Gut Scharfloh. Über den Rest ist die Zeit hinweggegangen. Helmut Montag, Irmgard Ohnesorge und viele andere versuchen, die Erinnerung an das Unrecht, das ihnen widerfahren ist, zu verdrängen. Aber sie lässt sich nicht unterdrücken. "Das Trauma erlebe ich immer wieder", so eine Betroffene. "Wenn ich heute wegfahre, denke ich immer, ich komme nie wieder zurück."

Autorin: Susanne von Schenck
Redaktion: Aya Bach