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Fokus Osteuropa

Zuspitzung im Kirchenstreit in Rumänien

In Rumänien eskaliert der Streit zwischen der orthodoxen und der katholischen Kirche. Er droht auf die Politik überzugreifen. Es geht um Rückgabe von Kircheneigentum, aber auch um den Vorwurf der Abwerbung von Gläubigen.

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Die mehrheitliche Rumänisch-Orthodoxe Kirche hat jüngst eine neue Offensive gegen den aus ihrer Sicht "katholischen Proselitismus", das heißt, das Abwerben orthodoxer Gläubiger gestartet und angekündigt, sich direkt in den politischen Wahlkampf einzuschalten. Hintergrund ist der Streit um die Rückgabe des Eigentums der Rumänischen Griechisch-Katholischen Kirche – eine mit der Römisch-Katholischen Kirche unierte Glaubensgemeinschaft östlichen Ritus, die den Papst als geistliches Oberhaupt anerkennt. Es war die einzige Religionsgemeinde in Rumänien, die 1948 von den kommunistischen Machthabern verboten und deren Kirchen der orthodoxen Mehrheitskirche anvertraut wurden. Das restliche Eigentum wurde – wie bei den anderen religiösen Gemeinden – konfisziert und verstaatlicht.

Streit um Eigentumsrückgabe

Nach dem Sturz der Ceausescu-Diktatur wurde 1990 ein Gesetz verabschiedet, das die Rückgabe kirchlichen Eigentums generell ermöglichte, im Prinzip aber die orthodoxe Kirche im Vorteil ließ, weil es in ihrem Ermessen blieb, ob und welche Gebetshäuser zurückerstattet würden. 14 Jahre lang führte die griechisch-katholische Gemeinde einen ungleichen Kampf um die Rückgabe ihrer enteigneten Kirchen. Erst auf Druck der EU-Kommission erließ die sozialistische Regierung Nastase 2004 eine Eilverfügung, durch die das bestehende Gesetz von 1990 geändert wurde und den Anspruch der griechisch-katholischen Kirche auf Gerichtsverfahren bei ungeklärten Eigentumsverhältnissen explizit vorsah.

Diese Eilverfügung wurde einige Monate später, nach den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen von Ende 2004, von der neuen Mitte-Rechts-Mehrheit im Parlament abgeschmettert. Erst nach Eingreifen des Staatspräsidenten Traian Basescus wurde das Gesetz verabschiedet. Die orthodoxe Kirche schien die neuen Entwicklungen akzeptiert zu haben – jetzt sieht sie die Zeit gekommen, erneut in die Offensive zu gehen und ihren Anspruch auf die Gotteshäuser erneut geltend zu machen.

Orthodoxe Kirche in der Offensive

Der neue orthodoxe Metropolit in der nord-siebenbürgischen (nord-transsilvanischen) Stadt Cluj/Klausenburg, Bartolomeu Anania, hat sich an die Spitze dieser Offensive gestellt und den Apostolischen Nuntius in Bukarest, Jean-Claude Perisset, scharf angegriffen. Dieser habe "in wiederholter Weise und mit Nachdruck seine diplomatischen Befugnisse überschritten, mit denen er vom Vatikan ausgestattet wurde", indem er die griechisch-katholische Kirche offen unterstütze. In einer am 5. Juli veröffentlichten Erklärung der nord-siebenbürgischen Metropolie heißt es, "die Katholische Kirche habe ihre anti-orthodoxe Offensive verstärkt und die Positionen der Griechisch-Katholischen Kirche unterstützt – Aktionen, die offensichtlich den Proselitismus zum Ziel hätten."

Abbruch von Verhandlungen

Was genau hat die orthodoxe Kirche veranlasst, jegliche Vorsicht im Kirchenstreit um die Rückgabe des Eigentums außer Acht zu lassen und sich dermaßen polemisch zu äußern? Vor kurzem hatte die griechisch-katholische Kirche beschlossen, jegliche Verhandlungen mit der orthodoxen Kirche über die Rückgabe abzubrechen und sich direkt an die Justiz gewandt. Aus Sicht der Unierten waren die Verhandlungen ohnehin unter falschen Voraussetzungen gelaufen. Die orthodoxe Kirche hatte das Prinzip der Verhältnismäßigkeit, der Proportionalität der Gläubigen, als Hauptargument in den Gesprächen angeführt – für die kleine griechisch-katholische Gemeinde, die fast ein halbes Jahrhundert verboten worden war, eine inakzeptable Bedingung.

Gegenstimmen aus den eigenen Reihen

Interessant ist der Umstand, dass nicht die gesamte orthodoxe Kirche die Politik des Metropoliten Anania mit trägt. Bereits 1990 hatte der Metropolit des Banats, Nicolae Corneanu, den griechisch-katholischen Gläubigen ihre Kirchen zurückgegeben. Auch der neue Metropolit von Sibiu/Hermannstadt, Laurentiu Streza, hatte sich für die Rückgabe ausgesprochen. Das führte Anfang 2006 zu einer Spaltung der Metropolie Transsilvaniens und zur Gründung einer neuen, zusätzlichen Metropolie in Cluj, zu deren Oberhaupt der wohl konservativste und kämpferischste orthodoxe Würdenträger, Bartolomeu Anania, gewählt wurde.

Dieser hat nun angekündigt, die orthodoxe Kirche würde sich aktiv in den politischen Wahlkampf an der Seite jener Parteien einschalten, die die Interessen seiner Kirche am stärksten vertreten. Mehrere Parteien – darunter auch die Demokratische Partei, Mitglied der Mitte-Rechts-Koalition – haben angekündigt, ein neues Gesetz auf den Weg bringen zu wollen, das dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit Rechnung tragen soll. Merkwürdige Zeichen kurz vor dem EU-Beitritt Rumäniens und vor der dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung 2007, die im rumänischen Sibiu stattfindet. Merkwürdige Zeichen auch aus einem Land, das – als erstes orthodoxes Land überhaupt – Papst Johannes Paul II. im Mai 1999 einen triumphalen Empfang bereitet hatte, bei dem hunderttausende Rumänen - Orthodoxe wie Katholiken – in Sprechchören für die Einheit der Kirchen plädierten.

Horatiu Pepine, Sofia, Robert Schwartz
DW-RADIO/Rumänisch, 11.07.2006, Fokus Ost-Südost