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Wissen & Umwelt

Zuschauen wie Grönlands Eis schmilzt

Zwischen 2003 und 2010 ist Grönlands Eis deutlich schneller geschmolzen als im 20. Jahrhundert. Das haben Forscher nicht mithilfe von Klimamodellen herausgefunden, sondern durchs schlichte Beobachten.

Neue Forschungen haben ergeben, dass Grönland zwischen dem Jahr 1900 und 2010 knapp 9000 Gigatonnen (GT) Eis verloren hat. Und damit nicht genug. Die Eisschmelze innerhalb der letzten Jahre weiter dramatisch zugenommen.

Bis 2003 sind durchschnittlich rund 75 Gigatonnen im Jahr verschwunden. In den darauffolgenden Jahren aber hat sich diese Menge fast verdreifacht, auf 186,4 GT jährlich.

Dass das Eis auf der ganzen Welt tendenziell schmilzt, und der Meeresspiegel ansteigt, ist nicht neu. Bisher basierte die Beobachtung des Eisrückgangs in Grönland jedoch auf Satellitendaten und computerbasierten Modellen.

Nun haben Forscher der Universität Kopenhagen erstmals die Entwicklung der Gletscher mithilfe von Luftaufnahmen analysiert. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in der Fachzeitschrift "Nature".

Demnach sind seit 1900 mindestens 25 Millimeter des globalen Meeresspiegelanstiegs direkt auf die schmelzenden Grönlandgletscher zurückzuführen. Das entspricht zehn bis 18 Prozent des gesamten Anstiegs.

Reise in die Vergangenheit

Für ihre Analyse rekonstruierten die Forscher eine Karte von Grönland aus den 1980er Jahren. "Da ist eine Linie - eine Art Grenze - in der Landschaft", sagt Kristian Kjeldsen, einer der beteiligten Wissenschaftler, "wenn Sie dort herumlaufen, oder auf Fotos zum Beispiel, ist diese Linie ganz deutlich sichtbar."

Diese sogenannte "Trimline" zeigt, wie weit die Gletscher einmal reichten. "Das Gestein darunter ist wie abgeschliffen. Pflanzen hatten da keine Chance." Wenn Gletscher wachsen, schieben sie Fels und Sediment einfach aus dem Weg. Und wenn sie wieder zurückgehen, hinterlässt das Spuren.

Helheim-Gletscher in Grönland (Foto: Niels Jákup).

Der Helheim-Gletscher im Südosten Grönlands schmilzt

In ihrer Studie analysierten die Forscher nicht das Eis direkt, sondern viel mehr seine Spuren in der Landschaft. Dadurch konnten sie die maximale Ausdehnung des Eises während der Kleinen Eiszeit abschätzen, die um das Jahr 1200 begann und bis zu 19. Jahrhundert anhielt. Grönland war zu dieser Zeit komplett mit Schnee und Eis bedeckt.

Als es wieder wärmer wurde, zogen sich auch die Gletscher wieder zurück. Teilweise sei dies ein natürlicher Prozess, so Klaus Grosfeld, Klimaforscher am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven: Eine kühlere Periode endete und eine wärmere begann. Aber die Menschen hätten diesen Prozess beschleunigt. "Wir alle sehen, dass eine große Veränderung stattfindet", sagt Grosfeld. Diese Veränderung ist der Klimawandel.

Konsequenzen für den nächsten IPCC-Bericht

Die Forscher denken, dass ihre Ergebnisse zum Anstieg des globalen Meeresspiegels auch für die nächsten Berichte des Weltklimarats (IPCC) von Bedeutung sein werden.

Denn im fünften IPCC-Bericht - von 2013 - hat der Klimarat die Veränderungen des Meeresspiegels im 20. Jahrhundert analysiert. Das Abschmelzen der grönländischen und antarktischen Eisschilde wurde dabei jedoch nicht berücksichtigt. Die Daten aus direkten Beobachtungen für die erste Hälfte des Jahrhunderts fehlten. "Der IPCC nutzt nur Daten die auf Beobachtungen basieren, keine Daten, die von Modellen abgeleitet wurden ", sagte Kjeldsen der DW.

Mensch vor Eiswand des Emmanuel-Gletschers, Groenland (Foto: picture-alliance).

Schmelzendes Eis bedeutet auch mehr Wasser für die Weltmeere

Nun stehen diese Daten zur Verfügung. "Wir sind jetzt einen Schritt weiter, um verschiedene Einwirkungen direkt dem Meeresspiegelanstieg zuzuordnen", so Kurt Kjær, ein Kollege von Kjeldsens, in einer aktuellen Pressemittteilung. "Um künftig präzise Prognosen anzustellen, ist es wichtig zu verstehen, was in der Vergangenheit passiert ist."

Dem stimmt auch Grosfeld zu. Er glaubt, dass sich die Auswirkungen des grönländischen Eisrückgangs auf den Meeresspiegel weiter verstärken werden. "Ende des letzten Jahrhunderts waren es 0,2 Millimeter im Jahr", sagt er. "Das hat sich mit 0,6 Millimetern mittlerweile verdreifacht."

Ein warmes Jahr

Durch die Studie fanden die Forscher außerdem heraus, dass Grönland den größten Teil seines Eis in zwei Gegenden im Nordwesten und an der südöstlichen Küste verloren hat. An diesen Orten ragen die Gletscher ins Meer. Dort sind sie dem warmen Golfstrom ausgesetzt.

"Dass wir die Veränderungen bis auf eine regionale Ebene zurückverfolgen können, ist einzigartig", sagt Kjeldsen, und er ergänzt, dass die meisten derzeitigen Modelle nur Ergebnisse für ganz Grönland hervorgebracht haben.

In diesem Jahr gab es in Grönland das erste starke Schmelzen seit 2012. Das berichtete das US-amerikanische National Snow and Ice Data Center der University of Colorado Boulder im November. Demnach lag die Eisschmelze in Grönland in diesem Jahr über dem Durchschnitt. Außerdem war beziehungsweise ist sie die elfgrößte seit Beginn der Satellitenaufzeichnungen vor 27 Jahren.

Und es ist nicht nur Grönland betroffen. Ein neuer Bericht der Nationalen Ozean- und Atmosphärenbehörde (NOAA) bestätigt, dass sich auch die Arktis zunehmend erwärmt. Die Temperatur ist mit 1,3 Grad Celsius über dem Durchschnitt so hoch wie seit 115 Jahren nicht. Und drei Grad höher als zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

"Die Erwärmung in der Arktis geht derzeit mehr als zweimal so schnell vonstatten wie irgendwo anders auf der Welt", sagte NOAA-Chefwissenschafter Rick Spinrad beim jährlichen Treffen der Amerikanischen Geophysikalischen Vereinigung (AGU) in San Francisco.

Und er ergänzt: "Wir wissen auch: Was in der Arktis passiert, bleibt nicht in der Arktis." Mit dem Pariser Klimaabkommen werden die führenden Politiker diese katastrophale Entwicklung wahrscheinlich verlangsamen. Die Forscher hoffen jedoch, dass der Welt durch die neuen Daten noch klarer wird, was wirklich auf dem Spiel steht.

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