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Nahost

Zuschauen, wie die Heimat zerstört wird

Noch immer ist der Ausgang der Kämpfe in Syrien ungewiss. Die Situation dort geht auch an den Syrern im Ausland nicht spurlos vorüber. 32.000 leben in Deutschland. Sie sind zerrissen zwischen Sorge und Hoffnung.

Muhamed Al-Hassan sitzt zwischen Computerbildschirm und TV-Gerät auf einem bequemen Bürostuhl in einem Hochhaus mitten in Berlin. Draußen auf der Straße unter der Nachmittagssonne bewegt sich geordnet der Stadtverkehr. Über den Fernseher des Endziebzigers wabern unscharfe Bilder: ein hellgraues Kampfflugzeug zieht von links oben eine Diagonale über den Bildschirm. Al-Hassan fährt sich über die weißgrauen schütteren Haare in seinem Nacken. "Das da ist ganz in der Nähe von meinem Dorf im Norden von Aleppo", sagt er und zählt Ortsnamen in der Nachbarschaft auf: "Azaz, Afrin, Minakh" - die Gegend kenne er wie seine Westentasche. "Die freie syrische Armee hat einen Flughafen angegriffen, aber sie haben nur einen Panzer."

Der promovierte Sportpädagoge und ehemalige Lektor und Übersetzer fiebert mit den Aufständischen. Jeden Tag von morgens bis spät in die Nacht hinein. Er kam in den 1980er Jahren nach Deutschland, aber sein Heimatland Syrien ist ihm in den letzten eineinhalb Jahren nahe gerückt wie lange nicht mehr. Am Abend besorgt er sich Informationen aus erster Hand. Das würde er auch jetzt schon gerne tun. Al-Hassan schwenkt den Stuhl nach links, zum PC. Er greift nach der Maus und scrollt durch die Kontaktleiste des Skype-Fensters. Zwei Schwestern von ihm wohnen noch in Aleppo und seine Nichten und Neffen. "Da ist keiner online gerade", sagt er enttäuscht, "naja, das Netz ist schwach und die haben ja auch was zu tun tagsüber".

Angst und Mangel in der Heimat

Muhamed Al-Hassan (Foto: DW)

Muhamed Al-Hassan lebt seit 30 Jahren in Deutschland

In seinem engeren Verwandten- und Bekanntenkreis seien bisher alle unbeschadet geblieben, aber es gehe ja nicht nur um seine Familie, sondern um ganz Syrien. "Wir können uns doch ausrechnen, wie viele jeden Tag sterben", sagt er und seine Stimme kippt fast dabei. Seine älteste Schwester wüsste nicht mehr ein und aus - Lebensmittel, Strom - alles sei knapp, und dann die Angst! Al-Hassan reißt die Hände auf Brusthöhe und dann fallen sie wieder schlaff auf seine Oberschenkel. Es passiert so viel. Und er ist so weit weg. Der TV-Sprecher berichtet von Artillerieangriffen auf einen Vorort südwestlich von Damaskus. Artouz, auch da hat er Freunde.

Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik leben mehr als 32.000 Syrer in Deutschland. Dazu kommt noch eine schwer zu schätzende Zahl von Syrischstämmigen mit deutschem Pass. Der Konflikt in Syrien spaltet auch sie. Revolutionsbefürworter und -skeptiker vermeiden es inzwischen weitgehend, miteinander zu sprechen. Beide Seiten werfen einander vor, ihr Vaterland zu verraten. Assad-nahe Syrer ärgern sich, dass Deutschland den Oppositionellen ein Forum gibt. Die Sorge um die Verwandten und Freunde in der alten Heimat ist inzwischen das Einzige, was die Lager der Syrer in Deutschland eint.

Warten auf Unterstützung

Mustafa Gumrok (Foto: DW)

Mustafa Gumrok wäre jetzt am liebsten in Syrien

Bei Mustafa Gumrok ist aus Sorge inzwischen Wut geworden. Wut auf den Westen, der es zulasse, dass Assad Wohnviertel mit Kampfjets und Hubschraubern angreifen lässt. Der stämmig gebaute Ingenieur verdient seinen Lebensunterhalt in Berlin mit Automatisierungstechnik. Jetzt sitzt er in einem syrischen Restaurant auf einer kuschelig gepolsterten Bank und spricht über die täglichen Telefonate in seine Heimat - zweieinhalb Tausend Kilometer Luftlinie entfernt. "Die Älteren sagen ja immer, es ist alles gut, das sind die so von früher gewohnt, aber im Hintergrund, da höre ich Schüsse."

Die Ereignisse in Syrien machen ihn unruhig. Gumrok ist überzeugt davon, dass die Aufständischen für eine gute Sache kämpfen, für Freiheit und Demokratie. Der Deutsch-Syrer will sie unterstützen und organisiert deshalb in Berlin Demonstrationen und Diskussionsveranstaltungen von Assad-Gegnern. Das kostet ihn viel Energie und Zeit - trotzdem fragt er sich auch, ob das schon genug ist. Er erzählt, am liebsten wäre er mit seiner Frau vor Ort, "um an der Revolution teilzunehmen". Dann stockt Gumrok. Sie wüssten auch, dass das nicht geht, schiebt er dann nach, wegen der Kinder, der Arbeit, des ganz normalen Alltags - eben dem, was es kaum noch gibt in Syrien.

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