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Deutschland

Zusammenhalt im Westen größer als im Osten

Der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland ist seit 1990 spürbar gewachsen. Das belegt eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Dennoch gibt es große Unterschiede - nicht nur zwischen West und Ost.

In wenigen Wochen ist es wieder soweit: Pünktlich zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft befestigen viele Menschen die kleinen Fähnchen am Auto, sie rücken auf den Marktplätzen und auf den Fanmeilen der Republik beim Public Viewing eng zusammen, um gemeinsam ihre jeweilige Nationalmannschaft und ihr Land zu unterstützen.

Bei kaum einem anderen Ereignis wird das gemeinsame Einstehen für ein nationales Ziel so sichtbar wie beim Fußball. Doch sind das gemeinschaftliche Anfeuern und Jubeln oder die Trauer bei Misserfolgen auch ein Indiz für den allgemeinen gesellschaftlichen Zusammenhalt in diesem Land?

Die Bertelsmann Stiftung wertet in ihrem "Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt" mehrere sozialwissenschaftliche Studien aus, um den Zusammenhalt der deutschen Bevölkerung in Zahlen und Kategorien sichtbar zu machen - und regionale Unterschiede aufzuzeigen.

Public Viewing zur EM (Foto: AP)

Gemeinschaftsgefühl: Public Viewing auf der Fanmeile

Was den gesellschaftlichen Zusammenhalt konkret ausmacht, erklärt Kai Unzicker von der Bertelsmann Stiftung: "Das sind erstens die sozialen Beziehungen, das heißt wie Menschen miteinander vernetzt sind, wer ihnen im Notfall hilft, wie viele Freunde sie haben." Ein zweiter Punkt ist die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen: "Fühle ich mich als Teil der Gesellschaft, fühle ich mich als Teil eines größeren Ganzen?" Den dritten wichtigen Punkt macht das gesellschaftliche Engagement aus: "Bin ich bereit Verantwortung, zu übernehmen und mich für das Gemeinwesen zu engagieren?"

Osten abgehängt

Die Forscher haben verschiedene Befragungen sowie Daten aus amtlichen Statistiken zusammengebracht. Das Ergebnis zeigt deutliche regionale Unterschiede: Ganz vorne liegt der Stadtstaat Hamburg. Ein hoher Zusammenhalt findet sich auch in Baden-Württemberg, im Saarland, in Bremen, Bayern und - mit leichten Abstrichen - in Niedersachsen. Die fünf ostdeutschen Bundesländer schneiden am schlechtesten ab, Sachsen-Anhalt bildet das Schlusslicht.

Die Bewohner der ostdeutschen Länder glauben häufiger, dass Reichtum ungerecht verteilt ist, als die Menschen im Westen. Dies spiegelt sich auch in einer relativ hohen Unzufriedenheit der Ostdeutschen mit dem eigenen Lebensstandard wider. "Die schlechten strukturellen und ökonomischen Bedingungen, die in Ostdeutschland herrschen, haben einen Einfluss darauf, dass dort der Zusammenhalt verhältnismäßig schwach ausfällt", erklärt Unzicker. "Es zeigt sich, dass gerade dort, wo die Leute hohe Einkommen haben, wo die Wirtschaft brummt und die Arbeitslosigkeit niedrig ist, dass man dort eher Menschen findet, die sich engagieren."

Homosexualität wird akzeptiert

Ein weiterer wichtiger Punkt: Wie viel Vielfalt akzeptieren die Deutschen? In fast allen Bundesländern beweisen sie eine hohe Akzeptanz gegenüber Homosexualität. Selbst in Bayern, dem in diesem Punkt am wenigsten toleranten westlichen Bundesland, gibt es eine relativ hohe Zustimmung zu der Aussage, Schwule und Lesben sollten ihr Leben führen wie sie möchten. In den ostdeutschen Ländern - mit Ausnahme von Thüringen - liegt die Akzeptanz gegenüber Homosexuellen unterhalb des Bundesdurchschnitts.

Einwanderer treffen in der deutschen Gesellschaft nach wie vor auf Vorbehalte. Zwar sind viele Deutsche bereit, Migranten in die Gesellschaft aufzunehmen, allerdings akzeptieren sie immer seltener, wenn diese in Deutschland ihren traditionellen Lebensstil pflegen. Dabei zeigt die Studie aber auch, dass in den Bundesländern mit den höchsten Ausländeranteilen der Zusammenhalt der Gesellschaft an engsten ist.

Alte Frau sucht im Mülleimer nach Pfandflaschen (Foto: picture-alliance/dpa)

Mehr Zusammenhalt, weniger Solidarität? Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst

"Zusammenhalt" oder "Solidarität"?

Neben den regionalen Unterschieden haben die Autoren auch die Entwicklung der jüngeren Vergangenheit betrachtet. Sie stellen fest, dass in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland insgesamt der Gemeinsinn zugenommen hat - im Westen jedoch stärker als im Osten.

Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler und Armutsforscher an der Universität Köln, betrachtet die Ergebnisse der Studie mit einer gewissen Skepsis: "Das, was ich unter gesellschaftlichem Zusammenhalt verstehe, hat deutlich abgenommen." Denn die Schere zwischen Armen und Reichen in Deutschland geht immer weiter auseinander. "Eine Gesellschaft hält ja nicht zusammen, wenn sie sich stärker spaltet", so Butterwegge. "Mit meinen Forschungsergebnissen gelange ich da zu einer diametral anderen Auffassung."

Ein Grund für diesen Gegensatz könnte in der unterschiedlichen Interpretation der Begriffe liegen. "Ich würde lieber von Solidarität und von sozialem Verantwortungsbewusstsein sprechen", so Butterwegge. Auch Kai Unzicker von der Bertelsmann Stiftung gesteht: "Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist ein sehr luftiger Begriff, unter dem sich die Menschen ganz unterschiedliche Dinge vorstellen."

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