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Fokus Osteuropa

Zur Trauer in Beslan kommt die Wut

Vor einem Jahr nahmen in Beslan tschetschenische Kämpfer in einer Schule über 1000 Geiseln. Nach drei Tagen beendeten russische Einheiten das Drama. Die Bewohner kämpfen bis heute um eine Aufarbeitung der Ereignisse.

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Eine Frau will wissen, was mit ihren Angehörigen geschehen ist

Es war das schrecklichste Ereignis, das sich eine Mutter vorstellen kann: Ihre Kinder in der Hand vermummter Kämpfer, die keinen Zweifel daran lassen, dass sie es ernst meinen. Seit dem Ende der Geiselnahme in Beslan, die am 1. September 2004 begann, bei der ihr Sohn ums Leben kam und die Tochter verletzt überlebte, kämpft Susanna Dudijewa daher um Aufklärung - und darum, dass es eine objektive Untersuchung gibt.

"Für uns ist es prinzipiell wichtig, zu wissen, wer für was verantwortlich ist, dafür dass das Feuer zu spät gelöscht wurde, dass es 54 Stunden lang keine verlässlichen Informationen gab", sagt die Mutter. "Warum waren die Armee und andere Sicherheitsorgane nicht auf die Ereignisse vorbereitet, so dass die Terroristen den fliehenden Kindern in den Rücken schießen konnten? Für alles das sollte jemand die Verantwortung tragen. Auch dafür, dass mit Flammen- und Granatwerfern auf die Schule geschossen wurde, als sich dort noch unsere Kinder befanden."

Fragen ohne Antworten

Viele weitere Fragen der Erstürmung der Schule nach drei Tagen sind offen: Warum zum Beispiel konnte offenbar eine Reihe von Geiselnehmern fliehen? Warum war kaum medizinische Versorgung vorbereitet worden? Warum arbeiteten zwei Krisenstäbe parallel, der eine bestehend aus Vertretern der Sicherheitsorgane und der andere bestehend aus Politikern.

Nach wie vor ist unklar, warum das Dach der Turnhalle, in der die Geiseln eingepfercht zusammensaßen, brennend einstürzte. Waren es die Granaten, die die Geiselnehmer in der Turnhalle verteilt hatten, oder - wie die russische Staatsanwalt ermittelte - ein Militärangehöriger, der Brandgranaten in den Dachstuhl feuerte?

Eine Mauer des Schweigens

Eine Untersuchungskommission wurde zwar eingerichtet. Allerdings verschiebt sie immer wieder die Vorstellung ihres Berichts - jetzt auf Mitte September 2005. So stoßen die Mütter von Beslan um Susanna Dudijewa immer wieder auf eine Mauer des Schweigens. Auch der derzeit laufende Gerichtsprozess gegen den einzigen überlebenden Geiselnehmer Nurpaschi Kulajew brachte bisher keine Klärung und wird von Beobachtern als Schauprozess angesehen.

Denn die wahren Verantwortlichen, so Dudijewa, stehen bisher nicht vor Gericht. Zu ihnen zählt sie auch Präsident Wladimir Putin, der das Mütterkomitee, erst jetzt - ein Jahr nach dem Tod ihrer Kinder - am 2. September im Kreml empfangen will.

"Unser Leben und unsere Freiheit schützen"

"Wir haben sehr lange darüber nachgedacht und uns dann doch entschieden, in den Kreml zu fahren, um ihm persönlich Auge in Auge gegenüberzutreten. Wir wollen ihm sagen, dass über ein Jahr lang diese einseitige Untersuchung gemacht wurde, und wir auch ihn für verantwortlich halten, weil er an dem Tag nicht gekommen ist und weil er als Staatsoberhaupt verantwortlich dafür ist, unser Leben und unsere Freiheit zu schützen", sagt Dudijewa.

So fordern die Mütter vor allem, dass gegen die Kommandeure der Befreiungsaktion ermittelt wird - wegen Schlamperei und Untätigkeit. Dazu zählen sie auch Russlands Innenminister Raschid Nurgalijew sowie die Chefs des Inlandsgeheimdienstes. Doch bisher ist nichts passiert.

Putin hat die Lage genutzt

Dagegen habe Präsident Putin die Zeit genutzt, seine Macht zu stärken, beurteilt Rudolf Bindig, Beauftragter des Europarates für Tschetschenien, die Lage in Russland und im Kaukasus: "Es hat Auswirkungen in der gesamten russischen Förderation gehabt, weil Putin eine Reihe von Reform-Maßnahmen zur Wiederherstellung der vertikalen Macht eingeführt hat. In Tschetschenien selbst hat es auch erhebliche Veränderungen gegeben. Die Ereignisse in Beslan haben dann dazu geführt, dass im Frühjahr des Jahres Aslan Maschadow liquidiert worden ist und sich der tschetschenische Widerstand neu formieren musste."

Daher hätten zurzeit die kämpferischen Auseinandersetzungen abgenommen. Der neue Führer der kämpfenden Tschetschenen ist Abdul Sadulajew, sein Stellvertreter der radikale Rebellenführer Schamil Bassajew, der für die schlimmsten Terror-Aktionen der Tschetschenen verantwortlich ist - unter anderem für Beslan oder die Geiselnahme im Moskauer Musical-Theater "Nordost" im Jahr 2002. Und das lässt eher auf eine weitere Radikalisierung des Konflikts schließen.

Vage Versuche von Gesprächen

Die gemäßigten Kräfte in Tschetschenien scheinen derzeit geschwächt und Runde-Tisch-Gespräche tschetschenischer Nicht-Regierungsorganisationen seien an den Hardlinern im Kreml gescheitert, so Bindig. Dennoch hofft er auf die Einwirkung internationaler Organisationen und des Europarates auf die Konfliktparteien in Tschetschenien: "Es ist der Versuch, möglichst viele Leute zu gewinnen, die aus Tschetschenien kommen und einen gewissen Einfluss haben in den verschiedenen Clanstrukturen, um sie zusammenzubringen und eine breitere Gruppe aufzubauen. Das ist noch sehr in den Anfängen und ich kann noch nicht sagen, dass sich da ein Erfolg abzeichnet."

Bassajew hat mittlerweile allerdings weitere Anschläge angekündigt. Das Komitee der Mütter von Beslan um Susana Dudijewa hofft dagegen auf eine Lösung des Konflikts und darauf, dass nicht noch mehr Menschen ihre Erfahrungen teilen müssen: "Die Ereignisse sind so in Erinnerung geblieben, als ob es gestern war. Wir werden es nie vergessen können. Denn es ist kein Tod, den man verstehen kann, wie wenn jemand nach langer Krankheit stirbt. Es waren drei Tage, in denen unschuldige, ungeschützte Kinder ums Leben kamen. Es sollte sich nie wiederholen."

Christiane Hoffmann

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