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Zur Schule gehen ist in

Johanna Tüntsch10. November 2005

Weil immer mehr Kinder zu dick sind, hat ein Sportprofessor sich etwas einfallen lassen: In Paderborn gibt es jetzt einen Bus, den Grundschüler selbst in Bewegung setzen - indem sie zu Fuß gehen.

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An der Haltestelle geht's los - mit dem Walking BusBild: Christoph Malek

Übergewicht ist ein zunehmendes Problem. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt: Fettleibigkeit hat das Ausmaß einer globalen Epidemie erreicht. Betroffen sind nicht nur Erwachsene. In Deutschland sind 36 Prozent der 7-jährigen Jungen und 30 Prozent der gleichaltrigen Mädchen deutlich zu dick.

Alarmierend sind auch die medizinischen Folgen: Bluthochdruck, Blutfett und Diabetes Typ 2 sind Phänomene, mit denen Menschen unter 40 Jahren eigentlich keine Probleme haben sollten. Gegenwärtig werden jedoch immer mehr Kinder Opfer dieser Volkskrankheiten. Dabei essen Jungen und Mädchen heute gar nicht unbedingt mehr als früher. Typisch für unsere Zeit ist vielmehr, dass kaum noch jemand zu Fuß geht.

Die Bewegungsverdrossenheit fängt schon früh an. "Regelmäßig kann man morgens vor Grundschulen Staus beobachten." Das weiß Wolf-Dietrich Brettschneider aus leidiger Erfahrung. Der Professor für Sportwissenschaft lebt selbst in unmittelbarer Nähe einer Grundschule. Dort zumindest hat es mit dem morgendlichen Verkehrschaos nun ein Ende. Brettschneider und sein Mitarbeiter Christoph Malek haben an der Margarethenschule in Paderborn-Dahl den ersten deutschen Walking Bus begründet.

Ein Bus ohne Räder und Benzin

Jeden Morgen, pünktlich zur ersten und zweiten Stunde startet der Bus zwei Kilometer entfernt von der Schule. An drei weiteren Haltestellen werden unterwegs Schüler eingesammelt und mittags wieder verabschiedet. Der Clou: Alle gehen zu Fuß. Erwachsene Ehrenamtler passen auf, dass jeder gut über die Straße kommt. Das beruhigt Eltern, die bislang ihren Nachwuchs aus Sicherheitsgründen - oder weil sie selbst wenig Zeit hatten - mit dem Auto zur Schule gebracht haben.

Einen optischen Schutz bieten zusätzlich neongelbe Leuchtwesten, die alle Bus-Läufer tragen müssen. "Ein kleines Grüppchen von Kindern, die vielleicht noch dunkel gekleidet sind, ist für Autofahrer nicht gut zu sehen", sagt Norbert Meier, Verkehrssicherheitsberater im Kommissariat Vorbeugung der Paderborner Polizei. Ganz anders wahrzunehmen sei ein großer, grellgelber Pulk von Menschen. "Außerdem kommen Kinder auf diese Weise früher mit der Verkehrswirklichkeit in Kontakt, als wenn man sie immer nur ins Auto setzt." Der Beamte ist überzeugt: Im Walking Bus lernen die Kinder schneller Selbstständigkeit und Verkehrssicherheit.

Erst plaudern, dann konzentrieren

Polizist spricht zum Walking Bus - reflektierende Westen
Der Polizist erklärt, worauf die Schüler unterwegs achten müssen.Bild: Christoph Malek

"Unser Ziel ist, dass Kinder Bewegung als etwas Alltägliches ansehen", sagt Schulleiterin Helga Berling. Ihre Schützlinge sind begeistert. Und das, obwohl die Strecke des Walking-Bus für viele ein Umweg ist, da sie nicht direkt über die Hauptstraße führt. Die Kinder gehen statt dessen durch das Wohngebiet, denn dort sind sie weniger Abgasen ausgesetzt. "Ist doch umso schöner", meint die 8-jährige Mara: "Dann kann man länger mit seinen Freundinnen reden." Was den Kleinen Spaß macht, erachten die Großen sogar als pädagogisch wertvoll: "Wenn Kinder zu Fuß zur Schule gegangen sind, kommen sie beruhigter in den Unterricht. Sie haben sich schon untereinander ausgetauscht und außerdem viel Sauerstoff aufgenommen. Dadurch ist ihre Konzentrations- und Lernfähigkeit besser", erklärt Professor Brettschneider. Dem Praxistest hält diese Theorie durchaus stand. "Die Kinder sind auf jeden Fall wacher", versichert Schulleiterin Berling, nachdem sie das Projekt einige Monate lang beobachten konnte.

Nachahmer schon in den Startlöchern

Im Idealfall soll der Walking Bus Schüler dazu motivieren, sich auch in ihrer Freizeit mehr zu bewegen. Ob dieser Plan aufgeht, wird sich bald zeigen. Ende November 2005 wird Sportstudent Christoph Malek eine Untersuchung beginnen, die Verhalten und Konzentration der Kinder über mehrere Monate hinweg registriert.

Zwei Kinder warten auf den Walking Bus
Walking Busse wie diesen hier soll es bald an vielen Schulen geben.Bild: Christoph Malek

Bereits über 60 Schulen aus dem ganzen Bundesgebiet haben das Team um Professor Brettschneider kontaktiert. An drei Einrichtungen ist die Idee bis jetzt umgesetzt, fünf weitere sollen bis zum Jahresende folgen. Auch das Ausland bekundete Interesse. Deshalb werden Brettschneider und Malek ihr Konzept zwischen dem 17. und 20 November 2005 in Lissabon vorstellen, wenn dort die Weltkonferenz des internationalen Sportpädagogen-Verbandes AIESEP tagt.