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Deutschland

Zurück ins Leben - trotz Aids

Rund 67.000 HI-Infizierte leben in Deutschland, manche in Angeboten wie dem Kölner "Lebenshaus". Einst Hospiz, heute betreutes Wohnen steht es beispielhaft für die Entwicklung der Krankheit.

Auf dem Bild ist der Eingang zum Kölner Lebenshaus zu sehen, ein Angebot betreuten Wohnens für Menschen mit dem HI-Virus (Foto: DW)

Das Lebenshaus in Köln zur Wiedereingliederung von Aids-Patienten

Als Sami Ahniedoy im Herbst 2005 ins Krankenhaus kommt, ist es beinahe schon zu spät. Drei Tage liegt er in seiner Wohnung, ehe ihn die Nachbarn finden, bewusstlos. Die Ärzte erklären ihm zunächst, er habe Hirnhautentzündung. Antworten kann er nicht, sein Körper gehorcht ihm nicht mehr. Nach sieben Monate kann der gebürtige Bulgare zum ersten Mal wieder ohne Hilfe gehen. Kurze Zeit später wird er entlassen. Fast beiläufig erfährt er erst jetzt, dass er eine noch zweite Krankheit in sich trägt: Aids, ausgebrochen zur gleichen Zeit wie die Hirnhautentzündung.

Der an Aids erkrankte Sami Ahniedoy zu sehen (Foto: DW)

Sami Ahniedoy: Aids hat sein Leben von einem Tag auf den anderen verändert

Er nimmt die Nachricht mit Fassung auf, kein Erschrecken, sagt er, nicht darüber. Viel mehr quält ihn der Gedanke an die vergangenen Monate. Und die Aussicht, dass sein Leben von nun an ein anderes sein wird. In seine alte Wohnung kann er nach dem Aufenthalt im Krankenhaus nicht zurück, sie gibt es nicht mehr. Ebenso wenig das, was er einmal besessen hat: Möbel, Kleidung, Erinnerungen an sein altes Leben. Alles weggeworfen auf Anordnung der Behörden. Seinen alten Beruf als Herrenausstatter, den er so liebte, kann er nicht mehr ausüben. Sami Ahniedoy gilt als schwerstbehindert.

"Heimlich habe ich geweint"

Mehr als drei Jahre sind seit damals vergangen. Sami Ahniedoy sitzt im Gemeinschaftsraum des "Lebenshauses" im Kölner Stadtteil Longerich beim Frühstück. Er lacht viel und herzlich mit seinen Mitbewohnern. Das war nicht immer so. Als er einzog, hatte er Angst - vor dem betreuten Wohnen und der vorhandenen Hierarchie im Haus, in der sein neues Leben beginnen sollte. Heimlich habe er ein manches Mal geweint, gibt er zu.

Grafik zur weltweiten Ausbreitung von AIDS (Grafik: DW)

HIV-Infizierte nach Regionen

Kein Einzelfall

Das Schicksal von Sami Ahniedoy ist kein Einzelfall, sagt Armin Kalefe-Bermbach von der Aidshilfe Köln. Er ist verantwortlich für das Lebenshaus. "Es ist tatsächlich so, dass bei vielen sehr spät erkannt wird, dass sie infiziert oder schon erkrankt sind." Noch immer scheuten viele Menschen den Gang zum Arzt und zur Untersuchung des Blutes.

Die, bei denen die Infektion früh erkannt wird, haben gute Chancen, ihr altes Leben fortzuführen und alt zu werden. Wirksame Medikamente machen es möglich. Das war nicht immer so, erinnert sich Kalefe-Bermbach. Als er Mitte der 90er Jahre bei der Aidshilfe begann, war das Lebenshaus noch ein Hospiz. Doch im Lauf der Jahre änderte sich der Bedarf, in ganz Deutschland war das so. Jedes Jahr sterben weniger HIV-Infizierte an ihrer Krankheit, 2009 waren es noch 550.

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Angebot für Lebensabschnitt

Armin Kalefe-Bermbach von der Kölner Aidshilfe (Foto: DW)

Armin Kalefe-Bermbach von der Kölner Aidshilfe

Aus dem Angebot für den letzten Lebensweg wurde eines für einen Lebensabschnitt. Aus den Hospizen wurden Häuser mit betreutem Wohnen wie das in Köln. Das Ziel sei die Wiedereingliederung, sagt der Geschäftsführer der Aids-Hilfe.

Im Lebenshaus werde gefördert und trainiert, damit die Menschen wieder das können, was ihnen vor dem Ausbruch der Krankheit möglich war. "Egal aus welchen Gründen jemand schwer erkrankt ist, ob gesundheitlich, geistig, körperlich oder sozial.“

"Ich bin HIV-positiv, aber mitten im Leben"

Sami Ahniedoy sitzt in seinem gut 20 Quadratmeter großen Zimmer. An den Wänden hängen Bilder - Fotos, die ihn als jungen Mann mit vollem Haar zeigen. Und Aufnahmen, die erst wenige Wochen alt sind. Er verkleidet als Amy Winehouse in einer großen Gruppe von anderen, Freunde und vorher Fremde, zum Karnevalsauftakt am 11. November in der Karnevalshochburg Köln.

Er will nicht hadern. Das tat er auch nicht vor drei Jahren. Damals fragte er auch nicht, warum gerade er krank wurde. Stattdessen will Sami Ahniedoy das Versprechen des Lebenshauses einlösen und leben. Genau diese Lektion will er auch denen mit auf den Weg gehen, die ein ähnliches Schicksal wie er erleben. "Es gibt Leute, die sich dann verstecken." Denen sage er: "Raus, zeigt Euch. Marschiert mit Stolz und sagt, ich bin HIV-positiv, aber mitten im Leben."

Vor wenigen Wochen wurde Sami Ahniedoy 60 Jahre alt. Nächstes Jahr will er das Lebenshaus verlassen. Er zieht in ein neues Wohnangebot der Aidshilfe - eines, in dem er noch selbständiger leben kann. Aids hat sein Leben verändert, sagt er. Aber im Griff hat ihn die Krankheit nicht.

Autor: Michael Borgers

Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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