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Europa

Zurück in eine ungewisse Zukunft

Die ersten Flüchtlinge werden aus Griechenland in die Türkei zurückgebracht. Die Bewohner des türkischen Dikili befürchten, dass ihre Stadt überrollt wird. Bislang eine unbegründete Sorge, berichtet Anna Lekas Miller.

Eine kühle Morgenbrise weht über den Hafen von Dikili. Am Horizont erscheint ein Schiff, das auf die Stadt rund 120 Kilometer nördlich von Izmir zuhält. An sich nichts Ungewöhnliches, doch diese Fähre bringt die ersten 63 von 202 Flüchtlingen, die im Rahmen des EU-Türkei-Deals aus Griechenland in die Türkei gebracht werden.

Die örtliche Polizei hat sich vorbereitet: Das Hafengelände ist abgeriegelt, Wasserwerfer sind auf die Schiffe gerichtet. Lokale und internationale Medien stehen in Position, um die ersten Fotos der Ankömmlinge zu schießen. Die türkischen Behörden haben Planen über die Boote gelegt und Barrikaden aufgestellt, um die Sicht auf die Szenerie zu versperren.

Nachdem die Fähre angelegt hat, verlassen die Passagiere - hauptsächlich Männer aus Bagladesch, Pakistan und Afghanistan - einer nach dem anderen das Schiff. Jeder wird von einem Frontex-Beamten oder einem türkischen Polizisten begleitet. Sie werden in einen Bus gebracht, der mit Polizeieskorte den Hafen verlässt. Weder lokale noch internationale Medienvertreter dürfen mit den Ankömmlingen sprechen.

Türkei Dikili Rückführung von Flüchtlingen

Die meisten Flüchtlinge stammen aus Pakistan, Afghanistan und Bangladesch

Der Deal wird umgesetzt

Am 18. März haben sich die EU und die Türkei darauf geeinigt, dass illegal eingereiste Flüchtlinge aus Griechenland in die Türkei zurückgeschickt werden. Für jeden zurückgeschickten Syrer nimmt die EU im Gegenzug einen Syrer auf, der legal Asyl in der EU beantragen kann. Diejenigen, die nach dem 20. März in Griechenland angekommen sind, die bis dahin keinen Asylantrag gestellt haben oder deren Asylantrag abgelehnt wurde, können nun in die Türkei abgeschoben werden.

"Diese Rückführungen sind sehr besorgniserregend", sagt Andrew Gardner, Türkei-Experte von Amnesty International im Hinblick auf die Auswahl der Migranten für die Abschiebung. "Es gibt keine externe Kontrolle für dieses Prozedere und es gibt viele Fragen bezüglich der Rechtmäßigkeit und der Effektivität."

Es stellt sich außerdem die Frage, inwiefern der Deal Nicht-Syrer betrifft, die versuchen, nach Europa zu gelangen. Während die ersten 16 Syrer am Morgen legal in Hannover landeten waren die meisten Abgeschobenen keine Syrer.

"Es gibt eine nicht-syrische Dimension bei diesem Deal", sagt Sinan Ulgen, Gastwissenschaftler am Carnegie Europe in Brüssel. "Die Türkei muss ein Rückübernahmeabkommen mit Europa umsetzen, was bedeutet, dass sie illegale Migranten aus Europa zurücknehmen muss, die keinen Flüchtlingsstatus haben", sagt er. "Die Türkei ist die Pufferzone für eine zunehmende Anzahl dieser verzweifelten Menschen."

Angst in Dikili

Am Wochenende protestierten Einwohner von Dikili gegen den Deal und den möglichen Zustrom von Migranten in die Stadt. Die etwa 35.000 Bewohner sind es eher gewohnt, Urlauber anstatt Flüchtlinge willkommen zu heißen.

"Wir können sie nicht nach Dikili lassen, wir können das nicht leisten", sagt Ozlem, ein Manager eines nahegelegenen Hotels. "Wenn die Stadt voll mit diesen Leuten ist, wird der Tourismus verschwinden", sagt er.

Türkei Dikili Rückführung von Flüchtlingen Demonstration Aktivisten

Aktivisten heißen die Flüchtlinge willkommen

Trotz des Ärgers in großen Teilen der Bevölkerung sind einige lokale Aktivisten am Morgen zum Hafen gekommen. Als die Fähre mit den Flüchtlingen eintrifft, halten sie Schilder hoch mit der Aufschrift "Die Türkei ist Euer Zuhause" und "Stoppt Abschiebungen! Öffnet die Grenzen jetzt!"

Wohin werden sie gehen?

Die Sorgen der Bewohner sind womöglich unbegründet. Zumindest vorerst werden die Ankömmlinge nur in Dikili ankommen und später an andere Orte gebracht, je nach ihrer Nationalität. Die Flüchtlinge, die am Morgen angekommen sind, werden unverzüglich mit Bussen in so genannte "Umzugszentren" in Kirklareli nahe der Stadt Edirne an der türkisch-bulgarischen Grenze gebracht.

Zurückgebrachte Syrer mit legalem Status in der Türkei können im Land bleiben. Sie dürfen in der Region leben, wo ihr "temporärer Schutzstatus" festgestellt wurde. Diejenigen ohne Papiere werden in das berüchtigte Lager Osmaniye nahe der syrischen Grenze gebracht. Dort werden Syrer inhaftiert – bevor sie nach Syrien zurückgebracht werden.

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