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Europa

Zunehmender Schutz der Fledermaus in Europa

Viele Menschen haben Angst vor dem einzigen fliegenden Säugetier. Um mehr Verständnis für diese Nützlinge zu erreichen, haben die UN die Fledermaus zum Tier des Jahres 2011 erkoren. Europa geht mit gutem Beispiel voran.

ARCHIV - Fledermausexperten mit Lampen lesen am 15.01.2010 im Kellergewölbe der alten Brauerei in Frankfurt (Oder) bei einer Fledermaus die Ringnummer ab. Der Schutz der Fledermäuse hat in Bayern in den vergangenen Jahren nach Ansicht des Biologen Matthias Hammer große Fortschritte gemacht. Foto: Patrick Pleul dpa/lby (zu dpa-Gespräch: Biologie: Schutzbemühungen um die Fledermaus sind erfolgreich vom 29.08.2010) +++(c) dpa - Bildfunk+++null

Fledermäuse gibt es fast überall auf dem Planeten. Mit ungefähr 1.200 unterschiedlichen Arten stellen sie fast ein Viertel der Säugetiere. Ihre Anzahl ist aber in den letzten Jahrzehnten stark zurück gegangen und viele Arten sind bedroht. Nach dem Jahr des Gorillas und dem Jahr des Delfins wollen die Vereinten Nationen auf die wichtige Rolle der unpopulären Fledermäuse in Ökosystemen aufmerksam machen. Die Aktivitäten werden vom Sekretariat des Abkommens zur Erhaltung der europäischen Fledermauspopulation (EUROBATS) in Zusammenarbeit mit dem ebenfalls in Bonn ansässigen Sekretariat der globalen Konvention zur Erhaltung wandernder wildlebender Tierarten (CMS) koordiniert.

Gruselgeschichten als Image-Problem

Undatiertes Foto einer Kleinen Hufeisennase. Die Fledermaus hat vier Tage vor dem geplanten Baubeginn die ersten Arbeiten zur umstrittenen Waldschlösschenbrücke durch das UNESCO-Welterbe Dresdner Elbtal vorerst gestoppt. Das Dresdner Verwaltungsgericht sieht nach einer Entscheidung vom Donnerstag (09.08.2007) die Belange der vom Aussterben bedrohten Kleinen Hufeisennase bei der Brückenplanung nicht ausreichend berücksichtigt. Umweltschützer sehen durch den Brückenbau den Lebensraum der Fledermausart im Elbtal gefährdet. Foto: Klaus Bogon dpa/lsn (zu dpa 0836 vom 09.08.2007) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Fledermäuse haben ein Image-Problem. Viele Menschen verbinden sie mit Horrorgeschichten, Vampirlegenden und einer lauernden Gefahr. Zu Unrecht, sagt Andreas Streit, Leiter von EUROBATS. Fledermäuse stellen überhaupt keine Bedrohung für den Menschen dar, es handele sich nur um Vorurteile und Schauermärchen. "Informationen zur Verfügung zu stellen über die wirklich faszinierende Lebensweise der Fledermäuse, ihre besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten, die vielen Menschen einfach nicht bekannt sind. Das zu vermitteln und Interesse zu wecken für die Fledermäuse, wird zentraler Bestandteil der Kampagne sein."

Europa: mit gutem Beispiel voran

One bat hangs in cave. Little brown bat in Greeley Mine, Vermont with the tell-tale white nose. White-nose syndrome in bats. These images are in the public domain and are available for download and reproduction. Please credit U.S. Fish and Wildlife Service or as shown.

Mit erfolgreichen Kampagnen zum Schutz der Flattertiere kennt sich der Eurobats-Chef aus. 2011 feiert das Europäische Fledermausschutzabkommen seinen 20. Geburtstag. Die Botschaft, dass die nachtaktiven Säugetiere, die sich mit Ultraschall orientieren und mit dem Kopf nach unten hängend schlafen, schützenswert sind, scheint in Europa angekommen zu sein. Die Mehrheit der in Europa lebenden Fledermausarten nimmt zahlenmäßig zu oder ist zumindest stabil. Darauf aufbauend soll in den kommenden zwei Jahren die Botschaft in andere Regionen der Welt hinaustragen werden, wo das Fledermausvorkommen nicht gesichert ist.

Sehr nützliche Mückenjäger

Die in Europa lebenden Fledermäuse ernähren sich von Insekten und spielen von daher, eine wichtige Rolle, erklärt Streit: "Die allermeisten Vögel schlafen nachts. Die Vögel, die nachts unterwegs sind, Eulen, Uhus, interessieren sich für größere Beute. Gleichzeitig gibt es aber sehr viele nachtaktive Insekten, die nicht nur oft für uns störend sind – z.B. Stechmücken – sondern auch Schädlinge für die Land- und Forstwirtschaft." Diese Insektenvorkommen können auf natürliche Weise nur durch Fledermäuse kontrolliert werden, die diese Insekten aktiv jagen, sagt der Experte. Eine Fledermaus könne bis zu 5 oder 6 tausend Mücken pro Nacht vertilgen.

Als Besteuber auch für die Landwirtschaft wichtig

Bat with white nose syndrome in woolen glove. The Little brown bat (Myotis lucifugus) was once the most common in the US. White-nose syndrome in bats. These images are in the public domain and are available for download and reproduction. Please credit U.S. Fish and Wildlife Service or as shown.

In anderen Erdteilen spielen die Meister des Nachthimmels aus anderen Gründen eine wichtige Rolle. In tropischen Gebieten beispielsweise leben sehr viele frucht- und nektarfressende Fledermausarten. Neben den ökologischen, seien dort vor allem ökonomische Gründe ausschlaggebend, erklärt Streit. Die Fledermäuse spielen hier eine zentrale Rolle bei der Bestäubung von Pflanzen und bei der Verbreitung von Fruchtsamen. „Manche Pflanzen lassen sich sogar nur von Fledermäusen bestäuben, die sich in der Natur darauf spezialisiert haben, durch bestimmte Gerüche und Farben diese Fledermäuse anzulocken, damit sie bestäubt werden, und das ist nicht nur wichtig für die natürliche Vegetation, sondern auch für sehr viele Nutzpflanzen". Die in Asien wichtige Durianfrucht ist eine der Pflanzen, die nur von Fledermäusen bestäubt werden. Andere wichtige Nahrungspflanzen wie Avocados, Feigen oder Mangos, sind in ihrer Existenz auch auf Fledermäuse angewiesen.

Pesitzide und Menschen sind Hauptfeinde

Trotzdem sind viele Fledermausarten durch menschliche Aktivitäten bedroht. Als Hauptfaktor nennt Streit den Verlust natürlicher Lebensräume durch die Ausweitung menschlicher Siedlungen und die Zerstörung von Wäldern. In manchen Regionen spiele auch der massive Einsatz von Pestiziden eine Rolle. Diese entziehen den Fledermäusen ihre Nahrungsgrundlage, weil sie die Insekten vernichten. Gleichzeitig, so Streit, gelangen die Pestizide in die Körper der Fledermäuse, wo sie sich anreichern und zu Unfruchtbarkeit oder sogar zum Tod der Tiere führen.

In manchen afrikanischen und asiatischen Ländern gelten Fledermäuse als Delikatesse und werden deshalb aktiv gejagt. "Diese Nutzung der Fledermäuse als Jagdtiere geschieht leider in den meisten Fällen auf nicht nachhaltige Art, beklagt sich Eurobats-Chef Streit. „Die Bestände werden so massiv reduziert, dass sie irgendwann als Ganzes gefährdet sind. Und da bekommen wir leider zunehmend alarmierende Nachrichten aus vielen Regionen."

In manchen Regionen werden Fledermäuse mit der Übertragung von Krankheiten in Verbindung gebracht und aus diesem Grunde getötet. Tollwut ist das bekannteste Beispiel. Die Angst ist aber ungerechtfertigt, sagt Europas oberster Fledermausschützer, da Menschen in der Regel nicht in direkten Kontakt mit den Tieren kommen und selbst infizierte Tiere niemals andere Tiere oder Menschen angreifen.

Internationale Partnerschaft

Undatiertes Foto einer Kleinen Hufeisennase. Die Fledermaus hat vier Tage vor dem geplanten Baubeginn die ersten Arbeiten zur umstrittenen Waldschlösschenbrücke durch das UNESCO-Welterbe Dresdner Elbtal vorerst gestoppt. Das Dresdner Verwaltungsgericht sieht nach einer Entscheidung vom Donnerstag (09.08.2007) die Belange der vom Aussterben bedrohten Kleinen Hufeisennase bei der Brückenplanung nicht ausreichend berücksichtigt. Umweltschützer sehen durch den Brückenbau den Lebensraum der Fledermausart im Elbtal gefährdet. Foto: Klaus Bogon dpa/lsn (zu dpa 0836 vom 09.08.2007) +++(c) dpa - Report+++

Das Jahr der Fledermaus wird sich über zwei Kalenderjahre erstrecken. Die Organisatoren wollen mit vielen Aktivitäten über Fledermäuse aufklären. Mia Brozovich, eine gebürtige Amerikanerin aus Seattle, koordiniert die Kampagne vom kleinen Eurobats-Sekretariat in Bonn aus. Sie betont, dass das Projekt nur durch die Zusammenarbeit von vielen Partnern in aller Welt funktionieren kann. Ein Hauptpartner ist die globale Vereinigung von Zoos und Aquarien, die regelmäßig Bildungsangebote und Fledermausbeobachtungen anbieten werden. Bereits am 1. Januar startete zum Beispiel der nationale Zoo in Malaysia ein Sonderprogramm zum Jahr der Fledermaus. Brozovich ist besonders stolz auf ein Projekt in Zusammenarbeit mit der Wälderabteilung des US- Ministeriums für Landwirtschaft, um ein Internet-Bildungsprogramm zum Thema Fledermausschutz zu entwickeln, das im Herbst 2011 in mehreren Sprachen online gehen soll. Zielgruppe sind Lehrer, Studenten sowie die Land- und Forstwirtschaft.

Das Bonner Team, das sonst auf Europas Fledermäuse spezialisiert war, hat jetzt die Verantwortung für Fledermäuse in der ganzen Welt mit übernommen Jeden Tag melden sich Umweltorganisationen, Regierungsstellen, Zoos und Universitäten rund um die Welt, die sich mit eigenen Aktivitäten beteiligen wollen. Für Andreas Streit ist klar: "Die Welt", sagt er, "hat auf das Jahr der Fledermaus gewartet".

Autor: Irene Quaile
Redaktion: Daniel Scheschkewitz / Gero Rueter