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Asien

Zunehmende religiöse Intoleranz in Pakistan

Ein christliches Paar soll den Koran beleidigt haben - es wird von einem Mob getötet. Ein Häftling wird wegen abfälliger Bemerkungen erschlagen. Menschenrechtler beklagen zunehmende religiöse Intoleranz in Pakistan.

Blasphemie war schon immer ein heikles Thema in Pakistan, einem Land, in dem 97 Prozent der 180 Millionen Einwohner Muslime sind. Doch noch nie in der gut 65 Jahre langen Geschichte des Landes gab es so viele Tötungsdelikte im Zusammenhang mit Blasphemie wie in diesem Jahr. Menschenrechtsaktivisten beklagen, dass die religiöse Intoleranz in der pakistanischen Gesellschaft insgesamt in den letzen zehn Jahren stark zugenommen hat. Der jüngste brutale Mord an einem christlichen Paar und die Tötung eines Häftlings in dieser Woche sind nur die jüngsten Beispiele.

Am Dienstag (04.11.2014) waren die beiden Christen in der Kleinstadt Kot Radha Kishan in der Provinz Punjab von einer wütenden Menschenmenge zu Tode geprügelt worden. Die Angreifer beschuldigten das Paar, den Koran beleidigt zu haben und verbrannten die beiden Leichen im Ziegelofen der Fabrik, für die die beiden arbeiteten. Der Fall hatte international für einen Aufschrei der Empörung gesorgt. Auch pakistanische Menschenrechtsaktivisten sind entsetzt. "Die Untersuchungen werden sicher zeigen, dass die Beschuldigungen gegen das Paar völlig aus der Luft gegriffen sind", vermutet Farooq Sulehria, ein pakistanischer Menschenrechtsaktivist, der mittlerweile in London lebt, gegenüber der DW. "Unbestätigten Berichten zufolge hatte es einen Streit zwischen den beiden Christen und dem muslimischen Besitzer der Ziegelfabrik über ihre Löhne gegeben. Das soll der eigentliche Auslöser gewesen sein."

Zwei Tage später wurde im Osten Pakistans ein Häftling von einem Polizisten mit einer Axt erschlagen. Der Mann war in der Stadt Gujrat festgenommen worden, nachdem er sich abfällig über die Gefährten des Propheten Muhammed geäußert haben soll.

Zunehmende Intoleranz

Pakistanische Christen mit Plakaten in Lahore protestieren gegen gewalttätige Übergriffe - kurz zuvor waren bei Zusammenstößen zwischen Muslimen und Christen sechs Menschen ums Leben gekommen (Foto: AP)

Christen protestieren gegen gewalttätige Übergriffe

In den vergangenen zehn Jahren erlebte Pakistan eine bis dahin unbekannte Welle des religiösen Extremismus und Fanatismus. Asad Butt von der unabhängigen pakistanischen Menschenrechtskommission berichtet, 2013 sei eines der bislang schlimmsten Jahre für religiöse Minderheiten im Land gewesen: "Mehrere Menschen wurden der Blasphemie angeklagt, viele Kirchen angezündet, Wohnhäuser geplündert. Die Intoleranz wächst, und immer mehr Pakistanis sind der Meinung, dass Blasphemie ein unverzeihliches Verbrechen ist." Islamistische Gruppen wie die pakistanischen Taliban griffen wiederholt religiöse Minderheiten an, zudem versuchen sie immer wieder, die Scharia in den von ihnen kontrollierten Gebieten durchzusetzen.

"Früher waren es kleine Gruppen religiöser Extremisten, die solche Verbrechen begingen", erzählt der Journalist Mohsin Sayeed aus Karatschi, "aber diese Zeiten sind vorbei. Jetzt hat dieses Gift die ganze Gesellschaft Pakistans erreicht." Butt sieht die Schuld hierfür bei Pakistans früherem Staatschef Zia-ul-Haq. "Vor 1980 war religiöse Intoleranz in unserem Land kein Thema. Doch als Haq an die Macht kam, setzte er eine stärkere Islamisierung des Landes durch und vermischte Religion und Politik."

Oft missbrauchtes Gesetz

Doch nicht nur die Morde an den beiden Christen im Punjab und an dem Häftling versetzen Pakistan und die Welt in Unruhe. Fast zur gleichen Zeit bestätigte der Oberste Gerichtshof Pakistans die Todesstrafe für die 49-jährige Christin Asia Bibi. Sie war bereits im Juni 2009 verhaftet worden, nachdem ihre Nachbarn sie beschuldigt hatten, sich abfällig über den Propheten Mohammed geäußert zu haben. Bereits ein Jahr später war sie zum Tode verurteilt worden – trotz scharfer Proteste nationaler und internationaler Menschenrechtsgruppen. Die kleine Hoffnung, dass Pakistans Justiz Asia Bibi begnadigen und freilassen könnte, wurde im vergangenen Monat zunichte gemacht, als der Oberste Gerichtshof in Lahore das Gerichtsurteil bestätigte.

Demonstranten der All Pakistan Minorities Alliance mit Transparenten und Spruchbändern (Foto: APMA)

Proteste gegen das Blasphemie-Gesetz - hier vom Minderheiten-Bündnis "All Pakistan Minorities Alliance"

Menschenrechtler fordern eine Reform des höchst umstrittenenen Blasphemie-Gesetzes, das von Zia ul-Haq Mitte der 1980er Jahre eingeführt worden war. Sie kritisieren auch, dass das Gesetz kaum etwas mit dem Tatbestand der Blasphemie zu tun habe und stattdessen häufig bei Streitereien zwischen Angehörigen verschiedener Konfessionen oder bei persönlichen Rachefeldzügen missbraucht werde. Doch bei vielen Bürgern trifft das strenge Blasphemie-Gesetz auf Zustimmung. "Es geht nicht um Gesetzesreformen oder darum, neue Gesetze zu erlassen", sagt etwa Ali Ashgar: "Diejenigen, die unsere Religion beleidigen, dürfen nicht straffrei ausgehen", so der Student aus Lahore. "Auf die Beleidigung des Koran oder des Propheten Mohammed steht die Todesstrafe. Kein aufrechter Moslem kann so etwas tolerieren", sagt Ahmed Jehanzib, ein Ladenbesitzer in Karatschi, gegenüber der DW.

Ein "Test für die Menschenrechte"

Nach Ansicht des in Islamabad lebenden Bürgerrechtlers Imran Nafees Siddiqui sollte die pakistanische Zivilgesellschaft ungeachtet des Ausgangs im Fall Asia Bibi weiter Druck auf die Regierung und die Gerichte machen.

Porträt der veschleierten Christin Asia Bibi aus dem Jahr 2010 (Foto: picture alliance/dpa)

Im Juni 2009 wurde die Christin Asia Bibi verhaftet

"Das Blasphemie-Gesetz ist menschgemacht und keine göttliche Offenbarung. Die Menschenrechtsgruppen sollten sich weiter für Bibis Freiheit einsetzen. Auch die Medien sollten eine Rolle spielen", so Siddiqui im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Die öffentliche Meinung hat Gewicht und kann auch die Entscheidung des Gerichts beeinflussen. Hier geht es um die Rechte von Minderheiten in Pakistan."

Clare Amos vom Programm für interreligiösen Dialog beim Weltkirchenrat in Genf sagte im DW-Interview, Bibis Notlage dürfe nicht ignoriert werden. Außerdem verlangt sie eine Modifizierung des pakistanischen Blasphemie-Gesetzes. Eine Änderung, die verhindern soll, dass das Gesetz im Fall persönlicher Streitereien angewendet werden kann.

"Wir stellen das Grundprinzip und den Kern des Blasphemie-Gesetzes in seiner bestehenden Form in Frage. Es geht um die Formulierungen und um die Frage, ob die Todesstrafe jemals eine angemessene Bestrafung sein kann. Wir bezweifeln das. Und wir kritisieren die Art und Weise, wie das Gesetz genutzt wird, um zwischenmenschliche Konflikte zu lösen."

Viel Widerstand von religiösen Gruppen

Doch all diese Ablehnung und Verurteilung reicht nicht aus, um die Befürworter des Gesetzes umzustimmen. Fareed Ahmad Pracha, Politiker der rechten Jamaat-i-Islami-Partei, weist die Kritik zurück. Er hält die Interpretation des Gesetzestextes für den wahren Grund für die Probleme im Zusammenhang mit dem Blasphemie-Gesetz. "Wir wollen nur, dass das Gesetz ordnungsgemäß umgesetzt wird und keine Änderungen daran vorgenommen werden. Das würden wir nicht akzeptieren. Wenn man den Weg frei macht für eine einzelne Änderung, dann werden weitere folgen. Und bis heute wurde niemand mit dem Tode bestraft."

Mumtaz Qadri abgeschirmt von Sicherheitskräften in einer Menschenmenge (Foto: AP)

Bodyguard Mumtaz Qadri (in der Bildmitte, mit Bart) beging einen Mord aus religiöser Überzeugung

Tatsächlich gibt es in Pakistan bislang keinen Fall, in dem ein Angeklagter aufgrund eines Blasphemie-Vorwurfs hingerichtet wurde. Zwar waren hunderte deswegen angeklagt, die meisten Urteile wurden aber nach einer Berufung des Angeklagten wieder zurückgenommen. Allerdings ist es in der Vergangenheit vorgekommen, dass Menschen, denen Schändung des Korans oder des Islam vorgeworfen wurde, von einer wütenden Menge umgebracht wurden.

Extremistische Gewalt

Ein paar Monate nach Asia Bibis erstinstanzlicher Verurteilung wurde der ehemalige Gouverneur der Provinz Punjab, Salman Taseer, von seinem Bodyguard Mumtaz Qadri erschrossen. Dieser gab später an, er habe die Tat begangen, weil Taseer sich offen gegen das Blasphemie-Gesetz ausgesprochen habe und außerdem ein Unterstützer von Asia Bibi sei. Aus demselben Grund wurde im März 2011 der ehemalige Minister für die Angelegenheiten von Minderheiten, Shahbaz Bhatti, von einem religiösen Fanatiker ermordet.

Farzana Bari, Leiterin des Zentrums für Frauenforschung an der Quaid-i-Azam-Universität in Islamabad meint, dass die Diskriminierung weiter gehen wird, solange es keine radikale Veränderung gibt. "Es ist höchste Zeit, dass die Regierung das Blasphemie-Gesetz reformiert", so Bari gegenüber der Deutschen Welle. Denn das Gesetz widerspreche dem "Geist des Islam" und habe Pakistan zu trauriger Berühmtheit verholfen.

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